06.01.2012
Studieren mit Kind in Israel
Komm, wir gehen Olivenklauben im Park
Eigentlich fanden wir die Idee gut, unsere zweijährige Tochter Lilly zum Studieren mit nach Israel zu nehmen. Ein Auslandssemester an der Technischen Universität in Haifa, ein Platz im Studentenwohnheim für Familien... Wir waren immer noch begeistert, als wir im Oktober den Schlüssel zu unserer neuen Wohnung in den Händen hielten. Nummer 17.
Doch dann: Ein Kellerloch ohne Fenster im Bad, Schimmel an den Wänden, zwei kaputte Stühle und mittags um zwölf mussten wir das Licht anschalten, weil es so dunkel war. Hier wollten wir nicht bleiben. Es half auch nicht, dass uns jemand erzählte, dass es noch schlimmere Wohnheime gebe - im Volksmund und hinter vorgehaltener Hand "Gaza" genannt.
Als ich meiner neuen Nachbarin von der Wohnung erzählte, lachte sie los. Die Wohnung habe sie am Anfang auch angeboten bekommen. Dann erzählte sie mir die Geschichte von der siebenköpfigen Familie, die einen Rabbi um Hilfe bittet: "Rabbi, Rabbi. Wir wohnen zu siebt in einem kleinen Zimmer. Es ist einfach kein Platz für alle. Kannst du helfen?" Der Rabbi geht und kommt mit einer Ziege zurück. "Nehmt diese Ziege und lasst sie mit euch leben. Schalom und viel Glück." Eine Woche später klagt die Familie erneut: "Rabbi, Rabbi. Es ist viel schlimmer geworden, nun sind wir zu siebt mit der Ziege. Wir können nachts nicht schlafen. Was können wir tun?" "So schlachtet die Ziege", sagt der Rabbi lächelnd.
Zwölf Kinderwagen im Hausflur und ein Spielplatz im Bunker
Weil ich hier meine Masterarbeit schreibe, mein Freund über Softwaresysteme forscht und wir auf jeden Fall mehrere Monate bleiben, wollten wir nicht mit Kind in einem feuchten Keller hausen. Wir beschwerten uns über Wohnung Nummer 17 und durften zwei Etagen höher ziehen.
Die Wohnung ist nur ein bisschen besser als Nummer 17, aber sie erscheint uns wunderschön. Es war eine gute Idee, mit unserem Kind auf dem Campus zu wohnen. In unserem Wohnheim leben nur Studenteneltern mit ihren Kindern, die Kita ist gleich nebenan. Alle sind ein bisschen wie wir, Jugendliche und Leute über 35 trifft man kaum. Manchmal nenne ich unser Heim auch Schwangerenbiotop - in den drei Monaten, die wir hier sind, haben mir schon zwei Paare ihre frisch entbundenen Babys präsentiert.
In unserem Hausflur in Berlin stand ein Kinderwagen und das war unserer. Hier stehen zwölf. Jedes Haus besitzt mindestens einen Schutzraum gegen Raketenangriffe, in unserem ist gleich auch noch ein Kinderspielplatz integriert, mit bunten Matten auf dem Boden und an den Wänden und jeder Menge Spielzeug.
Die E-Mails unseres Hausmeisters, ebenfalls ein Student, entziffern wir mit Online-Übersetzer. Die Software spuckte zum Beispiel aus: "Das Gebäude verfügt über eine ganze Reihe Familien mit Kindern, nehmen Sie bitte Rücksicht und nicht Bohrer in der Wand / Schraube mit einem Hammer. Alles, was erschreckend Nachbarn nach 19:30 Uhr. Vielen Dank und ruhige Nacht." Wie schön, dass hier nicht die Kinder als die Krachmonster gelten.
Vier Kinder - und dann noch Oliven einlegen?
Mit der Zeit habe ich dann doch gelernt, dass unsere Nachbarn ein bisschen anders ticken als wir. Racheli zum Beispiel. Sie ist 24, hat vier Kinder und ein Spaziergang mit ihr fühlt sich an wie ein Kita-Ausflug. Zu uns gesellte sich neulich auch noch ein Vater mit seinem Kind, den wir zufällig trafen. Wir konnten uns kaum unterhalten, nicht nur, weil es mit meinem Hebräisch noch etwas hapert, sondern vor allem, weil uns permanent eine Schar Kinder umringte. Und Racheli blieb dabei unglaublich locker. Perplex stelle ich fest, dass ich mit meinem einen Kind so beschäftigt bin wie sie mit ihren vier.
Racheli zeigte mir einen kleinen Park, wo Feigen und Granatäpfel wachsen und grüne Zierkürbisse. Heute ist sie aber wegen der Olivenbäume da. Sie zieht eine große Plastiktüte aus dem Kinderwagen und ihre Kinder schwärmen aus, um Oliven zu sammeln. Racheli setzt sich auf eine Bank und stillt ihr Kleinstes, ein zwei Monate altes Baby. Oliven einlegen! Wie sie das auch noch schafft, ist mir schleierhaft. Zumal ihre Babypause nach sechs Monaten vorüber ist und sie dann regulär weiterstudieren will.
Wenn mein Hebräisch besser ist, werde ich mich mit Racheli richtig unterhalten. Dann kann sie mir vielleicht erklären, ob es normal ist, dass man Gasmasken hier bei der Post bestellen kann. Und ich erzähle ihr, dass die Nachbarn neulich am Sabbat bei uns klingelten, damit wir das Licht im Kühlschrank für sie ausstellen. Gläubige Juden dürfen am Ruhetag keinen Stromkreis schließen. Hätten wir das Licht nicht abgedreht, hätten sie ihren Kühlschrank nicht mehr öffnen können.
Für mich steht fest: Wir haben uns einen sehr spannenden Ort fürs Auslandssemester ausgesucht.

