13.04.2012
Teilstudienplätze für Mediziner
Lasst mich rein, ich bin Halb-Arzt
Von Britta Mersch
Absurdes Konstrukt: Manche angehenden Mediziner dürfen nur halb studieren
Dass er Medizin studieren wollte, wusste Johannes B., 28, schon früh. Mit einer Abiturnote von 3,1 hatte er aber so gut wie keine Chance auf einen Studienplatz, deswegen entschied er sich nach dem Zivildienst für eine dreijährige Ausbildung. Er wurde Physiotherapeut.
Doch auch danach blieb eine Bewerbung bei der ZVS erfolglos, er hatte noch nicht genügend Wartesemester gesammelt: "Aufgeben wollte ich meinen Traum vom Medizinstudium aber nicht", sagt Johannes. Er nahm einen Job als Physiotherapeut an und bewarb sich weiter. Irgendwann lag sie im Briefkasten: die Zusage für einen Studienplatz in Mainz.
Er hatte allerdings nur einen Teilstudienplatz bekommen. Das heißt: Bis zum Physikum durfte er studieren, danach würde Schluss sein.
So wie Johannes geht es rund tausend Studenten an verschiedenen Hochschulen. Das schätzt zumindest der Fachschaftsrat Medizin-Vorklinik der Mainzer Universität, der sich kürzlich mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit wandte. Denn die Studenten sind in einer schwierigen Situation: Sie können zwar mit dem Studium beginnen, wissen aber nicht, ob und wann sie es beenden werden.
Alles geht wieder von vorne los
Für die Studenten gibt es zwei Möglichkeiten: Sie können sich noch während ihres Teilstudiums bei der Stiftung für Hochschulzulassung - die frühere ZVS - um einen Vollstudienplatz bewerben. Allerdings vergibt sie nur Plätze für das erste Semester. Das heißt: Sollte der Teilstudent tatsächlich Glück haben und einen Platz bekommen, müsste er theoretisch wieder im ersten Semester anfangen - auch wenn er eigentlich schon weiter im Studium ist. Manche Unis erkennen die Studienleistungen an und stufen den Studenten in ein höheres Semester ein, manche Studenten legen allerdings auch erst mal eine Studienpause ein und steigen dort ins Vollstudium ein, wo ihr Teilstudium geendet hat.
Die Alternative: Sie absolvieren das Physikum und bewerben sich danach für die klinische Ausbildungsphase direkt bei den Unis. Doch auch da zählt die Abiturnote: "Genau dieses Abitur führte schon einmal dazu, nicht sofort Medizin studieren zu dürfen", schreiben die Mainzer Studenten in dem Brief, "wie oft will man uns eigentlich noch bestrafen für dieses angeblich schlechte Abitur?"
Das Problem entsteht, weil sich das Medizinstudium in zwei Abschnitte teilt: Die vorklinische Phase findet vor dem Physikum statt, die klinische danach. Die vorhandenen Studienplätze werden nach der Kapazitätsverordnung jeweils unterschiedlich berechnet: "Für die Plätze in der Vorklinik zählt das vorhandene Lehrpersonal", erklärt Gerhard Burckhardt, Studiendekan der Universitätsmedizin Göttingen.
Wie die Studienplätze berechnet werden
In der klinischen Ausbildungsphase lernen die Studenten die Abläufe in der Klinik kennen und arbeiten mit Patienten. Die Studienplätze werden deshalb nach der Anzahl der Betten vergeben, die belegt sind. Wenn es also für den ersten Studienabschnitt mehr Lehrpersonal gibt als im zweiten Patienten, können nicht alle Studenten nach dem Physikum automatisch mitgenommen werden, es entstehen Teilstudienplätze. Und die führen dazu, dass Studenten wie Johannes nur vier Semester an der Uni bleiben dürfen und dann wieder gehen müssen.
Insgesamt 276 Studenten starteten laut der Stiftung für Hochschulzulassung zum Wintersemester 2011/12 in ein Teilstudium. Sie verteilten sich auf die Universitäten Göttingen (87 Plätze), Marburg (135), Mainz (21) Freiburg (6) und Regensburg (27). "Wir haben damit die eigentlich unerträgliche Situation, dass wir Studenten einen Studienplatz geben, obwohl wir sie nicht voll ausbilden können", sagt Gerhard Burckhardt. Denn im Oktober 1981 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Universitäten ihre Kapazitäten voll ausschöpfen müssen - selbst wenn daraus nur halbe Studienplätze entstehen.
Ein Argument, das die Studenten nicht gelten lassen: "Mit den Klagen der Studenten von damals haben wir doch nichts zu tun", sagt Florian Pickart vom Fachschaftsrat Medizin-Vorklinik der Universität Mainz, "das Kapazitätsproblem muss gelöst werden."
Zumindest Rheinland-Pfalz hat inzwischen reagiert. Zum Sommersemester wurden die Teilstudienplätze für neue Studenten abgeschafft: "In eine ungewisse Zukunft sollen die Medizinstudierenden nicht mehr entlassen werden", teilte das rheinland-pfälzische Wissenschaftsministerium mit. Sie sollten vielmehr eine vollwertige Ausbildung mit entsprechenden beruflichen Chancen durchlaufen können, wie sie nur ein Vollstudium ermögliche. Auch die Hochschulen in Bayern haben eine Zielvereinbarung mit dem Land getroffen, damit die Teilstudenten ihr Studium zu Ende bringen können. In Niedersachsen und Hessen allerdings wird sich vorerst nichts ändern.
Johannes B. nützte das allerdings wenig. Er hat sein Physikum - wie viele andere Teilstudenten - schon bestanden und musste sich zu diesem Sommersemester zum zweiten Mal bewerben. Vergeblich. Einen Studienplatz hat er trotzdem bekommen: Er wollte nicht noch länger warten und hat sich erfolgreich eingeklagt.