06.05.2012
Frankreichs Eliteschmieden
Hier werden Präsidenten gemacht
Die barocken Räume der Pariser Verwaltungshochschule ENA sind jener Ort, an dem sich die künftige Elite Frankreichs trifft. Auch der Sozialist François Hollande, nach aus der Stichwahl am Sonntagabend vermutlich als neuer Präsident hervorgehen wird, studierte an der Ecole Nationale d'Administration (ENA) in Straßburg.
Die Institution brachte zwei Präsidenten, sieben Ministerpräsidenten und unzählige Minister und Präfekten hervor. Diplomaten, Beamte des französischen Rechnungshofes und Berater im Elysée-Palast haben oft ebenfalls die ENA besucht. Wer auf diese Hochschule geht, braucht sich um einen gut bezahlten Job und einflussreiche Kontakte keine Sorge mehr zu machen. Die Ausbildung dauert in der Regel zwei Jahre, die meisten Bewerber haben bereits ein Studium abgeschlossen.
Auch Hollande machte an der ENA bedeutsame Bekanntschaften fürs Leben: Zuvorderst natürlich die mit Ségolène Royal, der Mutter seiner vier Kinder und Präsidentschaftskandidatin der Sozialisten 2007. In Deutschland wäre es wohl undenkbar, dass sich ein Ehepaar, sei es nun auch geschieden, nacheinander auf das Bundeskanzleramt bewirbt. Doch in Frankreich ist der Zirkel der politischen Elite recht klein.
Während seiner Zeit in der ENA traf Hollande auch den künftigen Ministerpräsidenten Dominique de Villepin und den späteren mehrfachen sozialistischen Minister Michel Sapin. Auch die Spitzenpolitiker Alain Juppé, Lionel Jospin und Edouard Balladour studierten in den ehrwürdigen getäfelten Sälen.
Der bisherige Präsident Nicolas Sarkozy ist zwar kein "Enarque", wie die Absolventen der ENA genannt werden, doch der Konservative ist trotzdem nicht außen vor: Er besuchte die Sciences Po Paris, eine vor allem den Sozialwissenschaften gewidmete Hochschule, deren Absolventen danach oft an die ENA wechseln. Zwar hat Sarkozy den Abschluss nie geschafft - nach Medienberichten scheiterte er an seinem mangelhaften englischen Sprachkenntnissen - aber wertvolle Kontakte waren ihm auch hier sicher. Die Sciences Po hat noch andere Staatenlenker hervorgebracht, zum Beispiel den konservativen Präsidenten Georges Pompidou.
Von Köchen oder Putzfrauen bedient
Frankreichs Hochschulsystem ist insgesamt sehr viel elitärer als das deutsche: Es gibt eine strenge Hierarchie unter den Institutionen und schon mit dem Eintritt in das Studium entscheiden sich für viele die späteren Karriereaussichten. Die Grandes Ecoles bilden die künftige Führungselite aus, jede von ihnen hat sich auf bestimmte Fächer spezialisiert. Dazu bieten sie allgemein- und persönlichkeitsbildende Kurse an. Wer an einer Grande Ecole studieren möchte, muss die harte Aufnahmeprüfung schaffen. Die Vorbereitungskurse können bis zu zwei Jahren dauern. Im Gegensatz dazu bemühen sich die Universitäten, alle Abiturienten aufzunehmen, die sich für ein Studium interessieren.
Letztendlich, so bemängeln viele französische Bildungsforscher, ist Frankreichs Elite undurchdringbar und "reproduziert sich und ihre dominante Weltsicht" immer wieder selbst, wie es der Soziologe Pierre Bourdieu ausdrückte. Der zweimalige konservative Präsident Jacques Chirac beispielsweise studierte mit Michel Rocard, dem späteren Ministerpräsidenten Frankreichs. Und wenn sich die Vertreter verschiedener Parteien in der Nationalversammlung auch harsche Rededuelle liefern, haben viele von ihnen schon so manche durchzechte Studiennacht miteinander verbracht.
Einige Schüler der ENA können sich über einen Lebensstil freuen, den es sonst wohl nur auf Schweizer Privat-Unis gibt: Während ihrer Pflichtpraktika wohnen sie im überaus teuren Paris in komfortablen Wohnungen, in denen sie sogar von Köchen oder Putzfrauen bedient werden, während ihre gleichaltrigen Kommilitonen der gewöhnlichen Universitäten für ein Zimmer unterm Dach in der Hauptstadt bis zu 1000 Euro bezahlen müssen. Die ENA bezahlt ihre Studenten sogar während der Ausbildung: Sie erhalten knapp 1400 Euro netto im Monat - die Summe entspricht dem französischen Mindestlohn.
Aber offenbar hatte Hollande schon damals ein Gespür für die fehlende Chancengleichheit, die er in seinem Wahlkampf angeprangert hat: Er gründete ein "Aktionskomitee zur Reform der ENA", in denen er den Empfängern dieser Privilegien nahelegte, einen Teil ihres Einkommens für mittellose Studierende zu spenden. Als künftiger Präsident könnte er die Kaderschmiede direkt reformieren - bislang sind aber alle französischen Staatschefs, die das versucht haben, am Widerstand der einflussreichen "Enarquen" gescheitert.
Von Annika Joeres, dapd / son

