07.08.2012
Hochschulen in Not
Wo ist denn hier der Rettungsring?
Von Benjamin Haerdle
Universität Marburg: Könnten Unis pleitegehen, Marburg stünde knapp davor
Stolz thront das Landgrafenschloss über der Marburger Altstadt und dem Lahntal. Eine Sehenswürdigkeit, mit der sich Marburg als Universitätsstadt um die Aufnahme in die Welterbeliste der Unesco bewirbt. Die Uni-Präsidentin Prof. Dr. Katharina Krause hält das Schloss mit seinem Universitätsmuseum für Kulturgeschichte für die "Wiege Hessens". Doch wenn Krause heute von ihrem Büro im Tal hinauf blickt zum Schloss, dann ist es anders. Früher konnte sie sich einfach nur freuen. Heute muss sie an Zahlen denken, an Rechnungen, Kostenstellen.
Allein in die Pflege der Stützmauer des Schlosses steckte die Uni in den vergangenen drei Jahren 300.000 Euro. "Wir betreiben aus dem Budget für Forschung und Lehre Denkmalpflege", sagt Krause. Dass das Museum das Geld wert ist, würde die Kunsthistorikerin nie in Zweifel ziehen. Doch könnte sie das Geld an vielen anderen Stellen der Universität eben auch sehr gut gebrauchen.
Könnten Universitäten pleitegehen, Marburg stünde knapp davor. Auf 29,4 Millionen Euro bezifferte Hessens Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann im Frühjahr das Marburger Defizit für das Jahr 2011 und zitierte die Präsidentin und ihren Kanzler, Dr. Friedhelm Nonne, zur Krisensitzung nach Wiesbaden. Ein paar Wochen später lässt sich das Defizit zwar besser erklären, aufgelöst aber ist es nicht: "Die Universität Marburg hat ein strukturelles Finanzproblem in der Größenordnung von sieben Millionen Euro", bekennt Krause.
Das heißt: Die Universität gibt regelmäßig deutlich mehr aus, als sie vom Land Hessen an Grundmitteln erhält. Das betrifft Ausgaben der zentralen Einrichtungen, der Verwaltung und der Fachbereiche. Die restlichen 22 Millionen Euro des Defizits sind Krause zufolge "Sondereffekte", die nur im Geschäftsjahr 2011 anfielen. Dazu zählen einmalige Gehaltsnachzahlungen für Angestellte in Höhe von rund sieben Millionen Euro und Sondermittel für Studienplätze, die als Sonderrücklage mit 9,5 Millionen Euro verbucht wurden.
Wie die Schuldenbremse die Hochschulen ausbremst
Nun war Marburg zwar bundesweit die erste Uni, die mit einem derart großen Defizit für Aufsehen sorgte. Mit ihren Geldnöten steht sie nicht allein. Die Universität Trier zog im Mai die Reißleine, in Potsdam steht der Kassensturz an, in Münster weist der Wirtschaftsplan für dieses Jahr ein Minus von 17 Millionen Euro aus. Und in Hohenheim vergibt der Rektor seit April nur befristete Leistungszulagen an Professoren, da der Vergaberahmen in den Jahren zuvor mehrfach überzogen wurde. Ob West, Ost, Nord oder Süd - das Problem tritt bundesweit auf und es hat einen Namen: Schuldenbremse. Sie haben sich Bund und Länder verordnet, um das Haushaltsdefizit abzubauen. Bei mehr als zwei Billionen Euro lag die Staatsverschuldung Ende März, rund 622 Milliarden Euro davon auf Seiten der Länder.
Das bleibt nicht ohne Folgen für die Hochschulen: "Die Grundfinanzierung der Hochschulen ist zwar in den letzten Jahren nominal gestiegen, aber nicht so stark, dass die Hochschulen alle Aufgaben decken können, die ihnen mittlerweile aufgebürdet werden", sagt Frank Dölle, der beim HIS-Institut für Hochschulforschung den Bereich Finanzierung leitet. Betroffen seien davon alle Hochschulen, egal ob große, mittlere oder kleine. Der feine Unterschied: "Kleinere Hochschulen haben geringere Chancen, Gelder wie etwa Drittmittel einzuwerben und damit die Lücken in der Grundfinanzierung zu kompensieren", sagt Dölle. Dazu fehlt ihnen das Personal. Hinzu kommt, dass Nachweispflichten die früher mögliche Quersubventionierung der Lehre durch Drittmittelprojekte zunehmend verhindern.
In Hessen hatten Land und Hochschulen im Mai 2010 den von 2011 bis 2015 geltenden Hochschulpakt geschlossen. Schon damals protestierten Rektoren und Präsidenten, dass das Land das Hochschulbudget um 30 Millionen Euro kürzte. Zwei Jahre später sieht sich Krause bestätigt: "Die Belastungen, die auf die hessischen Hochschulen zukommen, sind durch den Hochschulpakt nicht abgefedert."
Die größte Sorge bereiten ihr die Tarifsteigerungen. Seit diesem März bekommen angestellte Beschäftigte in Marburg 2,6 Prozent mehr Gehalt. Die Beamtenbesoldung wird zum 1. Oktober um 2,6 Prozent erhöht. Dass diese Erhöhung aus den Hochschuletats finanziert werden muss, steht im Hochschulpakt und gilt damit als vereinbart. Richtig ist das für Krause deshalb aber noch lange nicht: "Wir sind nicht die Tarifpartner, deshalb sind das eigentlich sachfremde Kosten, die das Land auf die Hochschulen abwälzt." Dies zehre das Budget der Hochschule aus.