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08.11.2012
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Hohe Abbrecherquote im Mathe-Studium

"Wir Professoren sind schuld"

Corbis

Zahlen, Formeln, Formen: Viele Studenten fühlen sich von Mathe überfordert

Frust hoch drei: Obwohl sie sehr gute Job-Aussichten hätten, brechen acht von zehn Studenten das Mathe-Studium ab. Günter Törner, seit mehr als 30 Jahren Professor, spricht über Kollegen, die knallhart aussieben, und erklärt, warum Frauen besondere Unterstützung verdienen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Törner, rund 57.000 junge Menschen studieren Mathematik in Deutschland. Sie zeigen in einer Studie, dass vier von fünf im Laufe ihres Studiums hinschmeißen. Was ist da los?

Törner: Die Untersuchung von mir und Miriam Dieter zeigt, dass die meisten im ersten Studienjahr abbrechen beziehungsweise das Fach wechseln. Frauen werfen das Handtuch häufiger und schneller als Männer, das mag allerdings auch an der weiblichen Entscheidungsfreudigkeit liegen. Insgesamt schließen jedenfalls nur 20 Prozent das Mathematik-Studium tatsächlich ab.

SPIEGEL ONLINE: Mathematiker haben sehr gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt, Absolventen werden dringend gesucht. Warum brechen so viele ab?

Törner: Viele haben Leistungsprobleme. Das hat auch Auswirkungen auf andere Fächer, denn Mathematik ist in Ingenieurswissenschaften und in der Betriebswirtschaft ein Indikatorfach, also ein Härtetest. Wer Mathe überlebt, packt auch die anderen Fächer.

SPIEGEL ONLINE: An den Universitäten wird geklagt: Das Niveau an den Schulen sinke, der Stoff werde nur noch lückenhaft vermittelt, die Verkürzung der Gymnasialzeit fordere ihren Tribut. Was fehlt den Studienanfängern?

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Prominente Studienabbrecher: Es gibt ein Leben nach der Uni
Törner: Die Schulen bereiten inhaltlich unterschiedlich intensiv auf das Studium vor. Darüber zu schimpfen ändert nichts. Die Abiturienten wissen heute nicht weniger als frühere Generationen. Sicherlich könnten sie die Abituraufgaben von vor 30 Jahren nicht lösen, umgekehrt wäre das aber auch so. Wissen verlagert und verändert sich. Das eigentliche Problem für viele Erstsemester - selbst für gute Schüler - ist die Umstellung auf die Freiheit des Studentendaseins: Sie sind überfordert, rasseln durch Prüfungen, verlieren Selbstvertrauen - und brechen schließlich frustriert ab.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist verantwortlich?

Törner: Letztlich liegt die Schuld bei den Universitäten und uns Professoren, weil wir mit der offensichtlichen Diskrepanz zwischen Schul- und Unileben nicht optimal umgehen. Wir müssten die Studenten als unsere Kunden betrachten und ihnen entgegenkommen. Einfach zu sagen, die taugen nicht für ein Mathe-Studium, bringt nichts. Viele scheitern, weil wir sie mit unseren Erwartungen überfrachten. Das ist bedauerlich, denn wir verlieren potentiell gute Mathematiker.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder berichten Studenten von Professoren, die knallhart rausprüfen.

Törner: Tja, bei einigen gilt noch das absurde alte System: Unter Kollegen war es früher oft besser, einer zu sein, bei dem nur 40 Prozent der Studenten bestehen, als wenn 70 Prozent durchkommen. Dann hatte man nämlich schnell den Ruf, lasch zu sein. Manche Kollegen betrachten ihre harten Noten auch als einen natürlichen Ausleseprozess. Einmal hat ein Kollege einen Anfängerjahrgang derart ausgedünnt, dass der Fachbereich gesagt hat, den dürfen wir nie wieder zu den Erstsemestern schicken.

SPIEGEL ONLINE: Wie ließe sich das System ändern?

Törner: Wir müssen die Lehre wichtiger nehmen. Bislang ist eine Hochschule gut, wenn sie exzellente Forschung macht. Die Unis sollten sich aber auch darüber definieren, wie sie ihre Studenten begleiten. Nur die besten Dozenten sollten die Erstsemestervorlesungen halten. Und wir brauchen ehrliche Monitoringsysteme. Wenn ein Professor in den USA einen Kurs mit einer Erfolgsquote von nur achtzig Prozent hat, muss er sich dafür beim Dekan rechtfertigen, so wie kürzlich ein Studienrektor an der UBC in Vancouver.

SPIEGEL ONLINE: Viele Universitäten bieten mittlerweile Vorkurse an, in denen Studienanfänger noch vor Semesterbeginn Mathegrundlagen nachholen können. Bringt das etwas?

Törner: Ich bezweifle, dass man in vier Wochen alle Defizite aufholen kann. Ich plädiere für eine längere Eingewöhnungsphase, das ist in Kanada und den USA selbstverständlich, wo der Bachelor in der Regel mit vier Jahren angesetzt wird. Im ersten Jahr werden dort vor allem Grundlagen und ein gemeinsamer Wissensstand erarbeitet, während die Studenten bei uns von einem auf den anderen Tag tauglich sein müssen. Eine intensivere Betreuung, gerade auch der Frauen, und fortlaufende Überwachung der Ergebnisse kostet jedoch Geld.

SPIEGEL ONLINE: Warum fordern Sie eine Extra-Behandlung für Frauen?

Törner: Bei mir haben mehr Frauen als Männer promoviert, und ich habe auch mehr Mitarbeiterinnen als männliche Mitarbeiter. Wenn Frauen gut sind, sind sie oftmals besser als Männer. Frauen sind allerdings häufig bescheidener, in gemischten Übungsgruppen werden sie meistens völlig unbegründet zum Schweigen gebracht. Vor allem im ersten Studienjahr könnten daher reine Frauenübungsgruppen sinnvoll sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zudem untersucht, dass Erfolg in der Mathematik bei weitem nicht nur mit Intelligenz zu tun hat, sondern auch mit der Haltung gegenüber dem Fach.

Törner: Ja, schlechte Noten können auch durch mangelnde Motivation und fehlende Begeisterung der Lehrer, Eltern und Mitschüler hervorgerufen werden. Solche Frusterlebnisse in einem Fach haben oft nachhaltige Folgen. Tatsächlich unterschätzen viele Schüler aber auch Erwachsene ihre Mathefähigkeiten.

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Das Interview führte Lena Greiner

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insgesamt 183 Beiträge
1.
eduardschulz 08.11.2012
Ach? Frauen werden bei ihm im Studium zum Schweigen gebracht? Von wem denn? Mehr weibliche Absolventen als männliche bringt der Professor auch hervor und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen überwiegen gegenüber den [...]
Zitat von sysopCorbisFrust hoch drei: Obwohl sie sehr gute Job-Aussichten hätten, brechen acht von zehn Studenten das Mathe-Studium ab. Günter Törner, seit mehr als 30 Jahren Professor, spricht über Kollegen, die knallhart aussieben, und erklärt, warum Frauen besondere Unterstützung verdienen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/toerner-erklaert-warum-80-prozent-der-mathematik-studenten-abbrechen-a-863412.html
Ach? Frauen werden bei ihm im Studium zum Schweigen gebracht? Von wem denn? Mehr weibliche Absolventen als männliche bringt der Professor auch hervor und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen überwiegen gegenüber den Mitarbeitern und trotzdem will er Frauen mehr "an die Hand nehmen". Vielleicht sollte man ganz einfach den Männern das Mathematikstudium verbieten, wenn doch Frauen angeblich sowieso mehr Leistung in diesem Bereich zeigen.
2. Ne, ne, ne, ne...!!
Niamey 08.11.2012
Das mit den "Kunden und entgegenkommen" will ich mal überhört haben! Erstens gibt es an der Uni keine Kunden und zweitens: Nur weil unsere Kultusministerpflaumen durch ihre jahrelangen, extrem dummen Reformen, [...]
Zitat von sysopCorbisFrust hoch drei: Obwohl sie sehr gute Job-Aussichten hätten, brechen acht von zehn Studenten das Mathe-Studium ab. Günter Törner, seit mehr als 30 Jahren Professor, spricht über Kollegen, die knallhart aussieben, und erklärt, warum Frauen besondere Unterstützung verdienen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/toerner-erklaert-warum-80-prozent-der-mathematik-studenten-abbrechen-a-863412.html
Das mit den "Kunden und entgegenkommen" will ich mal überhört haben! Erstens gibt es an der Uni keine Kunden und zweitens: Nur weil unsere Kultusministerpflaumen durch ihre jahrelangen, extrem dummen Reformen, nunmehr Abiturienten produzieren, die den Anforderungen an ein richtiges Studium nicht mehr gewachsen sind, ist es nicht notwendig die Studienlanschaft anzupassesn. Was wir brauchen sind Menschenmassen die sich bei denen beschweren und richtig Dampf unterm Kessel machen. Der Wähler und sein Kreuzchen ist also gefragt!!! Frauen besonders fördern! Wieso? Gerade vorhin habe ich noch gelesen, dass Frauen intelligener als Männer seien. Also, wo haben die Mathestudentinnen diese Intelligenz nur so gut versteckt?
3. Unsinn...
vogtnuernberg 08.11.2012
"Frauen sind allerdings häufig bescheidener, in gemischten Übungsgruppen werden sie meistens völlig unbegründet zum Schweigen gebracht." Unsinn Herr Professor! Man sollte Politik nicht mit Wissenschaft mischen, [...]
"Frauen sind allerdings häufig bescheidener, in gemischten Übungsgruppen werden sie meistens völlig unbegründet zum Schweigen gebracht." Unsinn Herr Professor! Man sollte Politik nicht mit Wissenschaft mischen, wie Sie es tun! Ich habe in den 90er Jahren erfolgreich Mathematik und Physik studiert und musste feststellen: In keinem anderen Fach wurden Frauen so integriert wie in Mathematik. Vor allem in den Übungsgruppen - sie waren vollständig gleichberechtigt. Das hiess aber auch: Keine extra Rechte!
4.
vogtnuernberg 08.11.2012
Nebenbei: Meine Frau und ich erleben im täglichen Geschäftsleben Frauen zunehmend als Besserwisserisch, sich überlegen fühlend, dominieren wollend, kritikresistent und vor allem bestimmen wollend. Das trifft sehr [...]
Zitat von sysopCorbisFrust hoch drei: Obwohl sie sehr gute Job-Aussichten hätten, brechen acht von zehn Studenten das Mathe-Studium ab. Günter Törner, seit mehr als 30 Jahren Professor, spricht über Kollegen, die knallhart aussieben, und erklärt, warum Frauen besondere Unterstützung verdienen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/toerner-erklaert-warum-80-prozent-der-mathematik-studenten-abbrechen-a-863412.html
Nebenbei: Meine Frau und ich erleben im täglichen Geschäftsleben Frauen zunehmend als Besserwisserisch, sich überlegen fühlend, dominieren wollend, kritikresistent und vor allem bestimmen wollend. Das trifft sehr selten auf Frauen 45+ zu, selten auf Frauen mit naturwissenschaftlich oder medizinischer Ausbildung, überproportional aber auf Frauen mit mittlerer (akademischer) Bildung aus der Mittelschicht zu, die aufgrund politischer Vorgaben meinen sie seien die Krone der Schöpfung. Meine Frau muss diesen Damen im gleichen Alter meist erstmal den Kopf waschen, bis man mit ihnen in einer angemessenen Art und Weise kommunizieren kann. Ach ja: Den Gang zum Chef empfinden die Meisten sofort als persönliche Beleidigung. Wir haben kein Gleichberechtigungsproblem: Wir haben ein Erziehungsproblem.
5. Mathematik ist kein Zuckerschlecken
berniejosefkoch 08.11.2012
Mathematik ist klar und eindeutig. Da komm ich halt nicht so einfach zum Dr. Titel vor allem das plagieren ist hier fast unmöglich. Auf der anderen Seite ist ein Hochschullehrer mit einer Bestehenquote von 8% ganz bestimmt nicht [...]
Mathematik ist klar und eindeutig. Da komm ich halt nicht so einfach zum Dr. Titel vor allem das plagieren ist hier fast unmöglich. Auf der anderen Seite ist ein Hochschullehrer mit einer Bestehenquote von 8% ganz bestimmt nicht in der Lage so einen Stoff seinen Studenten beizubringen. Es liegt allso wie meistens an beiden: Studenten, die merken dass Mathematik eben nicht einfach ist und Hochschulehrer mit schlechten pädagoischen Vorraussetzungen um diesen Stoff an die Studierenden zu bringen!

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Zur Person

  • Günter Törner, 65, hat seit 1978 einen Lehrstuhl für Mathematik an der Universität Duisburg-Essen. Zudem bildete er Gymnasiallehrer aus, ist im Vorstand der Deutschen Mathematiker-Vereinigung und Leiter einer europäischen Arbeitsgruppe Mathematics Education.

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