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08.11.2012
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Neue Plattform zur Lehrerausbildung

Datenbank des Kuddelmuddels

Von Heike Sonnberger
DPA

Junger Lehrer: Föderales Regelwirrwarr statt einheitlicher Ausbildung

Hier auf Staatsexamen, dort auf Master, mal mit Praxissemester, mal ohne: Die Lehrerausbildung ist zerfasert, sie unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, von Uni zu Uni. Eine neue Plattform zeigt Probleme auf und verspricht Transparenz - allerdings nur für Experten.

Was lernen angehende Lehrer? Das kommt darauf an, wo sie studieren. Denn nicht einmal die Abschlüsse sind bundesweit einheitlich, und wie Studenten sie erlangen, ist ebenfalls von Hochschule zu Hochschule verschieden. Fachleute fordern seit Jahren eine Reform des Lehramtsstudiums. Eine Online-Plattform will nun zumindest etwas Transparenz in den föderalen Regelwirrwarr bringen: An diesem Donnerstag startet der "Monitor Lehrerbildung". Er verspricht einen Überblick darüber, wie in Deutschland Lehrer gemacht werden.

Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) hat in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung, der Deutschen Telekom Stiftung und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft 63 Hochschulen und alle 16 Kultusministerien befragt und nach eigenen Angaben mehr als 8000 Daten zusammengetragen.

Die Plattform verrät zum Beispiel, welche Vorgaben die Länder machen. So haben beispielsweise nur neun Länder komplett auf Bachelor- und Master-Abschlüsse umgestellt, Studenten in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern müssen weiterhin ein Staatsexamen ablegen, Hochschulen in den anderen fünf Ländern dürfen beide Varianten anbieten. Außerdem kann man in der Datenbank nachschauen, wie die Studiengänge an den einzelnen Hochschulen strukturiert sind, wer sie dort koordiniert und welche Lehramtstypen - etwa für die Grundschule, das Gymnasium oder berufliche Schulen - zur Wahl stehen.

Das Anliegen ist ehrenwert, allerdings ist die Plattform recht mühsam zu bedienen, die Datenmenge überwältigend, der Sprachstil bürokratisch. "Der Monitor ist nicht als Studienführer gedacht", sagte der Geschäftsführer des CHE, Frank Ziegele. Er richte sich stattdessen an Bildungspolitiker, Hochschulrektoren und andere Menschen, die in der Lehrerausbildung etwas zu entscheiden hätten.

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Umfrage: Wie Lehrer über ihren Beruf denken

Die Datensammlung zeigt auch, mit welchen Problemen sich angehende Lehrer seit Jahren herumschlagen. So habe sich im Hinblick auf den viel beklagten Praxisschock zwar einiges getan, viele Studiengänge seien praxisorientierter geworden, sagte Ziegele. Doch es ist für Lehramtsstudenten nach wie vor kompliziert, während der Ausbildung oder danach in ein anderes Bundesland zu wechseln. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) forderte die Länder auf, die Mobilität zu erhöhen. "Um den Lehrerberuf attraktiv zu halten, müssen wir nun schnell zu einer bundesweiten Anerkennung der Lehrerausbildung kommen", sagte sie.

Der Monitor Lehrerbildung dürfte der Ministerin gerade recht kommen: Die Regierung plant, innovative Konzepte zur Lehrerausbildung zu fördern. 500 Millionen Euro sollen dafür in den nächsten zehn Jahren bereitstehen. Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz, in der die Fachminister aus Bund und Ländern sitzen, will die sogenannte Qualitätsoffensive zur Lehrerbildung am 16. November verabschieden. Der Monitor liefert passend dazu einen Überblick, wie die Hochschulen ihre Studiengänge aufziehen.

Nicht als Ranking konzipiert

Er könne auch helfen aufzuzeigen, ob und wie diese Förderung die Lehrerbildung verbessere, sagte Ziegele. Eine Veränderung der vergangenen Jahre werde bereits deutlich: Die meisten Hochschulen hätten eigene Lehrerbildungszentren oder Schools of Education eingerichtet, die Lehramtsstudenten endlich eine Heimat böten. Allerdings hätten diese Zentren oft wenig zu sagen, die Entscheidungsmacht liege häufig noch bei den fachwissenschaftlichen Fakultäten.

Manche Kritiker fürchten hingegen, dass die Fachwissenschaften benachteiligt werden könnten. Ulrich Heinen leitet an der Bergischen Universität Wuppertal den Gemeinsamen Studienausschuss, der die fächerübergreifende Koordination des Lehramtsstudiums verantwortet - und er hätte seine Hochschule gern aus dem Monitor Lehrerbildung herausgehalten. Das CHE habe das fachwissenschaftliche Studium, also in Biologie, Mathe oder anderen Fächern, völlig außer Acht gelassen. Dabei mache das den größten Teil der Lehrerbildung aus, kritisierte Heinen. Der Monitor verzerre deshalb die Profile der Hochschulen. Seine Universität habe sich dennoch entschlossen, mitzumachen.

Die Plattform bilde nur einen Teil der Lehrerbildung ab, auch das Referendariat bleibe zum Beispiel außen vor, sagte Ziegele dazu. Es gebe zwar Überlegungen, die Datenbank auszubauen. Allerdings gehe es darin um die Struktur der Ausbildung und nicht um Fachinhalte.

Das CHE verschickte seinen Fragebogen an 70 Hochschulen, sieben davon beantworteten ihn nicht. Die Mehrheit davon strukturiere ihr Studium gerade um oder habe keine Zeit gefunden, sagte Ziegele. Die Hamburger Universität habe aus grundsätzlichen Erwägungen nicht teilgenommen. Sie hatte im September verkündet, sich an Umfragen nur noch im Ausnahmefall zu beteiligen, da "nahezu alle Anfragen von erheblichen methodischen Mängeln gekennzeichnet" seien.

Das CHE erarbeitet auch das Hochschulranking, für das es zuletzt harsche Kritik kassierte. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie attestierte "gravierende methodische Schwächen und empirische Lücken" und rief die soziologischen Institute auf, die Datenerhebung zu boykottieren. Der Monitor Lehrerbildung, versicherte Ziegele, sei hingegen von vornherein nicht als Ranking konzipiert gewesen.

Forum

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insgesamt 1 Beitrag
1. Nicht lernfähig
GerhardFeder 08.11.2012
Alle Gremien, die mit der Lehrerausbildung zu tun haben, sind seit Jahrzehnten nicht zu einer Zusammenarbeit in der Lage. Bildung - besonders Lehrerbildung- ist die "Spielwiese" der Parlamente und Administrationen. [...]
Zitat von sysopDPAHier auf Staatsexamen, dort auf Master, mal mit Praxissemester, mal ohne: Die Lehrerausbildung ist zerfasert, sie unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, von Uni zu Uni. Eine neue Plattform zeigt Probleme auf und verspricht Transparenz - allerdings nur für Experten. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/monitor-zur-lehrerausbildung-datenbank-uebers-studium-geht-online-a-865688.html
Alle Gremien, die mit der Lehrerausbildung zu tun haben, sind seit Jahrzehnten nicht zu einer Zusammenarbeit in der Lage. Bildung - besonders Lehrerbildung- ist die "Spielwiese" der Parlamente und Administrationen. Das bedeutet in Deutschland, dass alles 11- (bis 1989) oder 16-fach jeweils schlecht ausgedacht und schlecht umgesetzt wird. Die KMK und das "Bildungsministerium" schauen hilflos zu. Beschlüsse werden gefasst, aber nicht eingehalten; die Unis sind ohnehin autonom, die lehrerbildenden Fachhoschulen (Pädagogische Hochschulen) sind überwiegend abgeschafft. Zu Recht sinkt nun auch das Interesse an einem staatlich eingeengten und überadministrierten Arbeitsbereich für Akademiker. Damit versiegt auch der durch eine neue Generation denkbare Fortschritt (falls überhaupt neuere Erkenntnisse in den Hochschulen vermittelt würden). Ein Trauerspiel in Fortsetzungen ohne Enddatum.

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