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08.11.2012
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Ex-Minister in Yale

Doktoranden zürnen Guttenberg

Von Heike Sonnberger
Malte Lierl

Darf ein überführter Plagiator an einer Elite-Uni sprechen? Nein, finden deutsche Doktoranden in Yale und protestierten gegen einen Auftritt von Ex-Verteidigungsminister Guttenberg. Manche Kommilitonen halten den demonstrativen Groll allerdings für übertrieben.

Karl-Theodor zu Guttenberg war gekommen, um über die "Mythen der transatlantischen Beziehungen" zu sprechen. So lautet der Titel des Vortrags, den der ehemalige Bundesverteidigungsminister am Mittwochnachmittag an der renommierten Yale University in den USA hielt. Doch einigen deutschen Doktoranden kam dabei ein anderer Mythos zu kurz: Guttenbergs Doktorwürde. Sie riefen zu einem Protest für "akademische Integrität" auf und verließen demonstrativ den Seminarraum, als der CSU-Politiker anfing zu sprechen.

"Wir wollten ein Zeichen setzen", sagte Doktorand Malte Lierl, 29, der den Protest mit organisiert hatte. Guttenberg könne gern auf einem Parteitag oder in einem Bierzelt sprechen. "Aber ich finde es nicht angemessen, dass er wieder einmal eine Universität benutzt, um sich zu profilieren." Für Wissenschaftler an der Yale University habe akademische Integrität einen hohen Stellenwert.

Anfang vergangenen Jahres war herausgekommen, dass Guttenberg in seiner Doktorarbeit aus fremden Quellen abgeschrieben hatte, ohne diese zu nennen. Die Universität Bayreuth nahm ihm daraufhin den Doktortitel weg, im März 2011 legte Guttenberg sein Ministeramt nieder. Die Glaubwürdigkeit des einstigen politischen Überfliegers ist seither nachhaltig beschädigt.

Eine Studentenorganisation, die Yale International Relations Association (YIRA), hatte Guttenberg eingeladen. Es sollte um die EU, die US-Wahlen und politische Annäherung über den Atlantik hinweg gehen.

Rund 60 Studenten seien erschienen, sagte Politikwissenschaftler Lierl, etwa die Hälfte sei vorzeitig aus dem Raum gegangen. Es habe ihn und andere deutsche Doktoranden geärgert, dass die YIRA Guttenbergs Plagiatsaffäre unerwähnt gelassen habe, als sie den Vortrag ankündigte. Es sei schließlich um internationale Politik und nicht um die Dissertation gegangen, argumentierte hingegen die Studentengruppe, die den Austausch über das Weltgeschehen fördern will.

Einige hätten die Flyer zerknüllt, berichtete ein Doktorand

Unter den Protestlern waren auch einige amerikanische Studenten. "Ich hatte die Plagiatsaffäre in akademischen Blogs verfolgt", sagte Devin Goure, 24, aus Georgia. Vor der Rede hätten einige den übersetzten Protestbrief deutscher Doktoranden vom Februar 2011 verteilt. Als der Ex-Minister eintraf, habe Lierl ihn gefragt, warum er es angemessen finde, hier zu erschienen. Guttenberg habe die Studenten gebeten, sich anzuhören, was er zu sagen habe. "Wir hatten uns aber vorgenommen, den Raum zu verlassen."

Gregor Hintler, 26, gehört zu denen, die geblieben sind. Guttenberg habe gesagt, er wisse, dass er Fehler gemacht habe. Er habe die akademische Welt betrogen und deshalb das Gefühl, ihr etwas zurückgeben zu wollen. "Das fand ich gut", sagte der Master-Student in Umweltmanagement. "Ich finde zwar seine akademische Vergangenheit beschämend, aber ich bin nicht damit einverstanden, wie der Protest gelaufen ist."

Einige der Anwesenden hätten sauer gewirkt und die Flyer gegen Guttenberg zerknüllt, sagte Devin Goure. Das überwiegend deutsche Publikum sei sehr gespalten gewesen, berichtete auch Hintler. Guttenberg habe rund eine Stunde gesprochen und danach noch eine halbe Stunde Fragen beantwortet. Da habe die Dissertation aber keine Rolle mehr gespielt. Wer seinen Protest offen kundtun wollte, war schon gegangen.

Guttenberg lebt im US-Bundesstaat Connecticut und ist als "angesehener Staatsmann" bei einem Think-Tank, dem Center for Strategic and International Studies (CSIS), engagiert. Am Donnerstag um 16.30 Uhr Ortzeit steht sein nächster größerer Auftritt an: Das CSIS hat zu einer "offenen Diskussion über transatlantische Herausforderungen" eingeladen. Auf der Einladung ist ausdrücklich vermerkt, die Veranstaltung sei "on the record". Berichterstattung ist also erwünscht.

In die deutsche Politik wird Guttenberg vermutlich nicht so schnell zurückkehren. Mehrere CSU-Politiker scheiterten in den vergangenen Monaten damit, ihn dazu zu überreden, 2013 erneut für den Bundestag zu kandidieren. Auch Parteichef Horst Seehofer setzt sich öffentlich für den gestrauchelten Ex-Minister ein.

Anmerkung der Redaktion: Die YIRA teilte nachträglich mit, dass der Vortrag lediglich eine halbe Stunde gedauert habe. Auch hätten zu Beginn weniger als 20 Protestler den Raum verlassen. Zum Zeitpunkt der Recherche war die Organisation für Nachfragen nicht zu erreichen.

Forum

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insgesamt 148 Beiträge
1. Einfach nur beschämend...
_freidenker_ 08.11.2012
...das Guttenberg immer noch nicht in der Lage ist aus seinen Fehlern zu lernen und die akademische Welt in Ruhe zu lassen.
...das Guttenberg immer noch nicht in der Lage ist aus seinen Fehlern zu lernen und die akademische Welt in Ruhe zu lassen.
2. Gute Aktion...
Vermalia 08.11.2012
...erst einmal von Herrn zu Guttenberg, mal wieder an einer Uni quasi explizit auf seinen akademischen Betrug hinzuweisen und den Studenten zu ermöglichen, daraufhin demonstrativ die Veranstaltung zu verlassen. Und gut von den [...]
...erst einmal von Herrn zu Guttenberg, mal wieder an einer Uni quasi explizit auf seinen akademischen Betrug hinzuweisen und den Studenten zu ermöglichen, daraufhin demonstrativ die Veranstaltung zu verlassen. Und gut von den Studenten, dass sie diese Gelegenheit auch wahrgenommen haben...
3.
BlakesWort 08.11.2012
Ich finde den Groll verständlich. Da kommt einer, der ohne besondere Eignung und durch Betrug mehr erreicht hat, als die meisten der Doktoranden jemals erreichen werden. Was sollte mehr Zorn heraufbeschwören, als solch eine [...]
Ich finde den Groll verständlich. Da kommt einer, der ohne besondere Eignung und durch Betrug mehr erreicht hat, als die meisten der Doktoranden jemals erreichen werden. Was sollte mehr Zorn heraufbeschwören, als solch eine Selbstüberschätzung? Hätte Guttenberg in seinem Leben irgendetwas geleistet, würde ich mich auf seine Seite stellen. Aber er ist nur ein Emporkömmling mit einer Menge Vitamin B, also genau ein Mann jenes Schlages, die allerorten schöne Worte und miserable Lösungen hinterlassen... siehe Bundeswehr"reform".
4. Doktorenzwang?
topaz75 08.11.2012
Seit wann braucht man einen Dr.-Titel, um an einer Uni eine Rede halten zu duerfen? Er ist zwar nachgewiesenermassen kein Doktor, aber sein gesamtes Berufsleben besteht doch nicht nur aus der betruegerischen Doktorarbeit. Er [...]
Seit wann braucht man einen Dr.-Titel, um an einer Uni eine Rede halten zu duerfen? Er ist zwar nachgewiesenermassen kein Doktor, aber sein gesamtes Berufsleben besteht doch nicht nur aus der betruegerischen Doktorarbeit. Er war womoeglich auch kein toller Minister, aber er hat sich tatsaechlich ueber Jahre mit Aussenpolitik und den transatlantischen Beziehungen beschaeftigt. Insofern finde ich es jetzt nicht voellig abwegig, dass er zu so einem Thema spricht.
5. Vorsatz ist kein "Fehler"
benutzer10 08.11.2012
Dem ist nichts hinzuzufügen. Zu Guttenberg hat doch alles verhöhnt, was Wissenschaftlern im Speziellen und moralisch integren Menschen wichtig ist. Wenn er jetzt wieder einsteigen darf, dann kann die Lehre daraus nur sein: [...]
Dem ist nichts hinzuzufügen. Zu Guttenberg hat doch alles verhöhnt, was Wissenschaftlern im Speziellen und moralisch integren Menschen wichtig ist. Wenn er jetzt wieder einsteigen darf, dann kann die Lehre daraus nur sein: "Rules are for fools". Diese Darstellung bezweifle ich, und wäre auf ein wörtliches Zitat von zu Guttenberg gespannt. Denn den Betrug, also die vorsätzliche Tat, hat er ja bisher immer geleugnet, und von "Fehlern" gesprochen, und ich bin ziemlich sicher, dass er bei dieser Version bleibt.

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