Lade Daten...
29.11.2012
Schrift:
-
+

Studieren in Damaskus

"Ohne Unterricht hätte ich keine Hoffnung mehr"

Von
AP/ SNN

Rauch über Damaskus (Archivbild): "Und immer wieder gibt es Bomben"

Zu spät zum Seminar wegen einer Schießerei, dauernde Kontrollen an Checkpoints: Lina, 19, studiert Kunst an der Universität Damaskus. Mitten im Bürgerkrieg sind trotz aller Behinderungen die Vorlesungen für sie so wichtig wie nie. Politischer Streit wird ausgeblendet an der Uni.

Sie ist 19 Jahre alt, studiert im zweiten Jahr Kunst - an der Universität in Damaskus. Lina ist eine Studentin, mitten im Krieg. Dass sie überhaupt noch studieren kann, ist keine Selbstverständlichkeit. "Zur Uni fahren ist jeden Tag ein Abenteuer", sagt sie SPIEGEL ONLINE auf Skype.

Die junge Syrerin heißt nicht wirklich Lina, sie will ihren echten Namen nicht veröffentlicht sehen. Zu gefährlich. Dabei hat sie noch Glück: Sie lebt in einem Stadtteil von Damaskus, der noch halbwegs sicher ist. Hin und wieder explodiert dort eine Bombe. Das gehört inzwischen zur Normalität. Lina kann auch die Kampfjets und Helikopter der syrischen Luftwaffe hören und sehen, die über das Haus ihrer Familie fliegen. Doch sie wird von deren Bomben und Raketen verschont, die nur zwei Kilometer entfernt auf die benachbarten Wohngebiete niederprasseln.

Fotostrecke

Syrische Studenten in Deutschland: Monatelang ohne Geld
Studieren im Krieg heißt für Lina vor allem: "Ich muss jetzt eine Stunde früher aufstehen, um 6.30 Uhr." Für die tägliche Fahrt mit dem öffentlichen Bus zur Universität braucht sie jetzt zwei Stunden statt einer. "Die Checkpoints sorgen für ein einziges Verkehrschaos. Viele Straßen sind komplett gesperrt. Und immer wieder gibt es Bomben", sagt sie.

Checkpoints, Checkpoints, Checkpoints

In Damaskus hat das syrische Regime noch die Oberhand. Damit das auch so bleibt, ist die Stadt von Checkpoints durchzogen, an denen Soldaten oder Assad-treue Milizionäre stehen. Sie kontrollieren nach Gutdünken die Papiere der Vorbeifahrenden oder öffnen die Kofferräume der Autos auf der Suche nach Waffen und Sprengstoff. "In der Universität ist es nun okay, eine halbe Stunde zu spät zum Unterricht zu kommen. Die Professoren werden nicht wütend. Sie verstehen, dass wir am Checkpoint hängenbleiben können oder in einer Schießerei", sagt Lina.

Ab und zu kommt es auf Linas Route zur Universität zu Schusswechseln zwischen Rebellen und Regime-Anhängern. Bisher allerdings meist nachts. Lina hat noch kein Gefecht mit eigenen Augen gesehen, denn seit neuestem muss sie spätestens um 21 Uhr zu Hause sein. Manche ihrer Freunde dürfen nach 19 Uhr nicht mehr aus dem Haus. "An der Universität wurde der Nachmittagsunterricht gestrichen. Wer früh nach Hause muss, schafft es sonst nicht", sagt sie.

Studenten aus den Vororten, deren Familien es sich leisten konnten, hätten sich Zimmer direkt um die Uni herum gemietet. Sonst würden sie es an vielen Tagen überhaupt nicht zur Vorlesung schaffen, wenn wieder einmal das syrische Militär alle Zufahrtsstraßen abschneidet und mit Artillerie ins Wohngebiet feuert auf der Jagd nach den Rebellen.

In Linas Klasse sitzen immerhin noch 35 Studenten - etwa die Hälfte der Normalbesetzung. Einige neue Studenten seien hinzugekommen, aus anderen Teilen des Landes: "Es ist besser, in Damaskus zu studieren als in Aleppo oder Homs. Es ist sicherer, und die Straßen sind zugänglicher."

Die meisten Freunde Linas sind geflüchtet

Linas alte Freundesclique ist nicht mehr da. Viele von ihnen kommen aus der syrischen Oberschicht. Sie hatten doppelte Staatsbürgerschaften oder konnten es sich leisten, im Ausland ihr Studium fortzusetzen. "Viele meiner Freunde studieren jetzt im Libanon oder in Armenien, Frankreich und den USA weiter." Auch sie will Syrien sobald wie möglich verlassen, wenn sie von einer ausländischen Universität ein Stipendium erhält und ein Studentenvisum.

Ihre Dozenten seien fast alle geblieben, sagt Lina. "Sie wissen, wenn sie nicht zum Unterrichten kommen, dann haben wir gar nichts mehr." Vielleicht sind sie als Staatsangestellte auch dazu gezwungen, einen Rest Normalität vorzugaukeln. Für Lina ist die Motivation ihrer Professoren nebensächlich. "Ich liebe Kunst. Ohne den Unterricht hätte ich keine Hoffnung mehr."

Improvisieren müssen die Professoren manchmal bei den Hausaufgaben. "Wenn wir zu Hause etwas mit Photoshop bearbeiten sollen, dann können die, die zu Hause keinen Strom haben, eine andere Aufgabe von Hand machen, ohne Computer." Gebieten, deren Bewohner mit den Rebellen sympathisieren sollen, wird immer wieder Wasser und Strom abgedreht. Abgesehen davon sei der Unterricht kaum beeinträchtigt. "Wir bekommen noch Blöcke, Stifte, unser ganzes Malzubehör. Es ist zwar inzwischen alles teurer, aber wir bekommen noch alles."

Der Kampf zwischen Rebellen und Regime-Anhängern bestimmt ihren Alltag. Zumindest in der Universität will Lina die Gewalt ausblenden. "Meine Freunde und ich haben ausgemacht, dass wir nicht über Politik sprechen. Jeder von uns hat seine eigene Meinung und Perspektive, und das müssen wir akzeptieren", sagt Lina. "Wir können nicht mit jedem kämpfen, der eine andere Meinung hat als die unsere."

Lesen Sie mehr über syrische Studenten

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
1. frage
paulibahn 29.11.2012
wie hat denn frau saloum, die nur aus beirut oder aus israel berichtet, von linas alltag erfahren? via skype? wer hat ihr linas skype-adresse gegeben?
wie hat denn frau saloum, die nur aus beirut oder aus israel berichtet, von linas alltag erfahren? via skype? wer hat ihr linas skype-adresse gegeben?
2. Die eigentliche Frage ist doch:
johnbatz 29.11.2012
Warum studiert jemand so etwas sinnloses wie Kunst?
Warum studiert jemand so etwas sinnloses wie Kunst?
3. Sehe das Problem nicht...
joki81 29.11.2012
Falls es via Skype war, kann man davon ausgehen, dass sie einfach ein paar syrische Journalisten kennt, die ihr dieses Interview vermitteln konnten. Ohne ein paar Kontakte kommt man nicht weit in diesem Geschäft. Auch nicht [...]
Zitat von paulibahnwie hat denn frau saloum, die nur aus beirut oder aus israel berichtet, von linas alltag erfahren? via skype? wer hat ihr linas skype-adresse gegeben?
Falls es via Skype war, kann man davon ausgehen, dass sie einfach ein paar syrische Journalisten kennt, die ihr dieses Interview vermitteln konnten. Ohne ein paar Kontakte kommt man nicht weit in diesem Geschäft. Auch nicht auszuschließen ist, dass sie tatsächlich nach Damaskus gereist ist. Wer zwei Pässe besitzt, kann sowohl nach Israel als auch in den Libanon oder nach Syrien einreisen, solange die Besuche auf der jeweils anderen Seite nicht an die große Glocke gehängt werden.
4. @johnbatz
XYZittau 29.11.2012
war Ihre Frage ersnt gemeint? Ich hoffe nicht, denn ohne Kunst wäre das Leben doch sehr öde!
war Ihre Frage ersnt gemeint? Ich hoffe nicht, denn ohne Kunst wäre das Leben doch sehr öde!
5. optional
monodextrin 29.11.2012
lieber johnbatz, ich finde es immer wieder schlimm wie ignorant doch viele Menschen gegenüber aktiv Kulturschaffenden sind und ihre Arbeit herabwerten. Ja, Kunst IST wichtig. Künstler greifen Gesellschaftspolitische Fragen [...]
lieber johnbatz, ich finde es immer wieder schlimm wie ignorant doch viele Menschen gegenüber aktiv Kulturschaffenden sind und ihre Arbeit herabwerten. Ja, Kunst IST wichtig. Künstler greifen Gesellschaftspolitische Fragen auf, bearbeiten sie, machen sie verständlich. Kunst steht in einer Wechselbeziehung zu anderen Kulturgütern wie Musik, Film, Theater, Literatur etc. Auch wenn man selbst nichts damit anfangen kann und niemals in eine Museum gehen würde, keinerlei Musik hört und sich auch anderen kulturellen Aktivitäten verweigert: Kunst zu studieren ist alles andere als überflüssig. Qualtitativ hochwertige Kunst bedarf einer entsprechenden Ausbildung in der man lernt eine eigene Position zu entwickeln und reflektiert zu arbeiten. Das geht nicht wenn man am Wochenende nebenbei Blumenstilleben und Pferdchen malt. Künstler sind letztlich ein Sprachrohr und ihre Arbeit ein Prozess einer Lebensäusserung.

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Fotostrecke

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter RSS
alles zum Thema Bürgerkrieg in Syrien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten