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22.11.2012
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Weltreise als Diplomarbeit

Tauschhandel zum Abschluss

Von Jonas Leppin
Fotos
Florian Luxenburger

Für seine Diplomarbeit reist Florian Luxenburger um die Welt und startet eine kuriose Tauschkette: Er gibt das Kaleidoskop seiner Oma weg - und bekommt eine Bronzepyramide, ein Spielzeugschiff und eine Nutella-Spritze. Seine Tauschpartner fotografiert er und schreibt ihre Geschichten auf.

Es gibt Studenten, die erledigen ihr Praxissemester mit einem schlichten Praktikum in einer Werbeagentur. Und es gibt Menschen wie Florian Luxenburger, 27, Kommunikationsdesigner, hungrig auf die Welt, der sich zwei Kameras in den Rucksack steckt und für acht Monate auf Reisen geht.

Von der FH in Trier fuhr Luxenburger vergangenen Herbst zunächst mit dem Auto nach Istanbul, dann ging es mit dem Flugzeug kreuz und quer durch die Welt: Indien, Thailand, Laos, die Philipinen, Japan, USA, Mexiko, Guatemala, Rumänien, Polen, Spanien und Amsterdam. Einen richtigen Plan hatte er nicht. "Ich habe die Tickets spontan gekauft, dahin, wo es günstig war", sagt Luxenburger. Er hatte nur den Drang zu fotografieren, zu filmen und zu schreiben. Außerdem die Idee zu einem ungewöhnlichen Tauschprojekt.

Dabei ging es Luxenburger nicht um eine "Hans-im-Glück"-Aktion wie die des Kanadiers Kyle MacDonald, der sich vor einigen Jahren von einer roten Büroklammer per Kettentausch bis zu einem eigenen Haus hochtauschte. Luxenburger interessierten die Geschichten hinter den Objekten, die er fotografieren und weitergeben wollte.

"Wir alle haben Gegenstände, die uns helfen, sich an bestimmte Personen oder Erlebnisse zu erinnern. Mein Ziel war es, verschiedene Gegenstände mit emotionaler Bedeutung in der ganzen Welt zu finden", sagt Luxenburger. Also ließ er sich von den Menschen, die ihm auf der Reise begegneten, persönliche Gegenstände geben und hinterließ dafür eine Sache, die er vorher selbst getauscht hatte. Die damit verbundenen Erinnerungen protokollierte er. Schließlich entstand daraus ein Teil seiner Diplomarbeit.

Die Welt aus der Perspektive eines Suchers

Den erste Gegenstand für diese Aktion stellte Luxenburger selbst: ein 50 Jahre altes Kaleidoskop seiner Großmutter. "Ich hatte es nach vielen Jahren wiedergefunden. Es steht gewissermaßen für meine Begeisterung für visuelle Erlebnisse, und damit bin ich dann losgezogen", sagt Luxenburger. Sein Vater ist Fotograf. Schon seit er ein Kind ist, betrachtet er die Welt aus der Perspektive eines Suchers.

In der jeweiligen Stadt angekommen, begann Luxenburger, in Szeneviertel und Bars zu gehen. Er besuchte Maler, Fotografen, Bildhauer und Street-Art-Künstler. Er wohnte bei Menschen, die er zufällig auf Partys kennengelernte, ließ sich weiterempfehlen oder quartierte sich in einem alternativen Künstlerhaus ein.

"Erst kurz bevor ich abgereist bin, habe ich dann die Leute, die ich cool fand, um einen Gegenstand gebeten", sagt Luxenburger. So kam er an die Bronzepyramide einer Pantomime, die "Love injection"-Spritze mit Nutella von zwei Kunsthistorikerinnen oder an das Spielzeugboot eines Wall-Street-Bankers.

"Ich habe nicht mit jedem getauscht, es sind immer Menschen gewesen, mit denen ich einen Teil meiner Reise verbracht habe", sagt Luxenburger. Das hat nicht immer funktioniert. "In Indien konnte ich gar nichts tun, weil ich den Leute einfach nicht vermitteln konnte, was ich genau tauschen wollte." Insgesamt elf Geschichten und Gegenstände hat er auf diese Weise in allen Länder gefunden.

Für Luxenburger war es die intensivste Zeit seines Studiums: "Das Praxissemester hat mir gezeigt, dass ich keine Angst vor der Zukunft haben muss. Ich brauche nicht immer einen Plan, auch wenn ich mal loslasse, läuft es trotzdem weiter." Ganz auf die "Kunstnummer" könnte er sich jedoch nicht verlassen, deshalb hat Luxenburger nach seinem Uni-Abschluss gerade mit Freunden eine kreative Bürogemeinschaft gegründet. Die Einweihungsfeier dafür hat er allerdings verpasst. Luxenburger ist schon wieder unterwegs auf der nächsten Reise.

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insgesamt 65 Beiträge
1. Selbstinszenierungswahn
leilaoe 22.11.2012
Jetzt kann man schon mit dem eigenen Individualisierungstrip Diplomarbeiten einreichen. Wem bringt das was? Welche wichtige Arbeit wird dieser Typ mal leisten? Brücken bauen? Schränke zimmer? Alte pflegen?
Jetzt kann man schon mit dem eigenen Individualisierungstrip Diplomarbeiten einreichen. Wem bringt das was? Welche wichtige Arbeit wird dieser Typ mal leisten? Brücken bauen? Schränke zimmer? Alte pflegen?
2. Wahnsinn!
colakirsch 22.11.2012
Wahnsinn, worüber man heutzutage alles eine "Diplomarbeit" schreiben kann und fortan als Akademiker gilt. Nicht, dass die Idee nicht originell wäre (auch wenn sie schon einen langen Bart hat und keineswegs neu ist) - [...]
Zitat von sysopFür seine Diplomarbeit reist Florian Luxenburger um die Welt und startet eine kuriose Tauschkette: Er gibt das Kaleidoskop seiner Oma weg - und bekommt eine Bronzepyramide, ein Spielzeugschiff und eine Nutella-Spritze. Seine Tauschpartner fotografiert er und schreibt ihre Geschichten auf. Der Student Florian Luxenburger tauscht Gegenstände und Geschichten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/der-student-florian-luxenburger-tauscht-gegenstaende-und-geschichten-a-867504.html)
Wahnsinn, worüber man heutzutage alles eine "Diplomarbeit" schreiben kann und fortan als Akademiker gilt. Nicht, dass die Idee nicht originell wäre (auch wenn sie schon einen langen Bart hat und keineswegs neu ist) - aber DARÜBER eine wissenschaftliche Arbeit (!) zum Abschluss eines Hochschulstudiums schreiben!? Ich habe selbst für meine Bachelorarbeit in den Naturwissenschaften knapp ein halbes Jahr - Vollzeit - im Labor einer Forschungsgruppe einer medizinischen Universität stehen müssen...
3.
Plasmabruzzler 22.11.2012
Ich verstehe da etwas nicht: hier steht, dass er für seine Diplomarbeit die Weltreise machte, im Artikel steht jedoch, dass es ein Praxissemester war. Was stimmt denn nun davon? Und falls diese Weltreise Teil der [...]
Zitat von sysopFür seine Diplomarbeit reist Florian Luxenburger um die Welt und startet eine kuriose Tauschkette: Er gibt das Kaleidoskop seiner Oma weg - und bekommt eine Bronzepyramide, ein Spielzeugschiff und eine Nutella-Spritze. Seine Tauschpartner fotografiert er und schreibt ihre Geschichten auf.
Ich verstehe da etwas nicht: hier steht, dass er für seine Diplomarbeit die Weltreise machte, im Artikel steht jedoch, dass es ein Praxissemester war. Was stimmt denn nun davon? Und falls diese Weltreise Teil der Diplomarbeit war, wundere ich mich, welchen geringen Anspruch die FH Trier an ihre Studierenden stellt. In Wikipedia ist zum Thema Diplomarbeit (http://de.wikipedia.org/wiki/Diplomarbeit) u. a. zu finden: ---Zitat--- Durch die Diplomarbeit soll die anfertigende Person nachweisen, dass sie in der Lage ist, ein Problem in einer vorgegebenen Frist selbstständig mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden zu bearbeiten. Eigenständige Forschungsanteile sind kein erforderlicher Teil der Arbeit. ---Zitatende--- Welcher Teil einer Weltreise mit Verbindung eines Tauschhandels und Fotografieren ist denn bitteschön wissenschaftlich? Welche Problem-/Fragestellung wurde bearbeitet?
4.
kuddel37 22.11.2012
Da hatte der Student ja reichlich Zeit und vor allem Geld um durch die Welt zu jetten. Kommunikationsdesigner mit Tauscherfahrung, solche Taxifahrer können später wenigstens viel zu erzählen.
Zitat von sysopFür seine Diplomarbeit reist Florian Luxenburger um die Welt und startet eine kuriose Tauschkette: Er gibt das Kaleidoskop seiner Oma weg - und bekommt eine Bronzepyramide, ein Spielzeugschiff und eine Nutella-Spritze. Seine Tauschpartner fotografiert er und schreibt ihre Geschichten auf. Der Student Florian Luxenburger tauscht Gegenstände und Geschichten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/der-student-florian-luxenburger-tauscht-gegenstaende-und-geschichten-a-867504.html)
Da hatte der Student ja reichlich Zeit und vor allem Geld um durch die Welt zu jetten. Kommunikationsdesigner mit Tauscherfahrung, solche Taxifahrer können später wenigstens viel zu erzählen.
5. Akademiker ist der Typ nicht.
patbateman-ny 22.11.2012
Nun ja, dass einer von der FH als Akademiker gilt, halte ich ja noch für ein Gerücht. Er hat meines Erachtens nach eine gehobene Ausbildung, aber um wirklicher Akademiker zu sein, müßte er zum einen eine Universität besucht [...]
Zitat von colakirschWahnsinn, worüber man heutzutage alles eine "Diplomarbeit" schreiben kann und fortan als Akademiker gilt.
Nun ja, dass einer von der FH als Akademiker gilt, halte ich ja noch für ein Gerücht. Er hat meines Erachtens nach eine gehobene Ausbildung, aber um wirklicher Akademiker zu sein, müßte er zum einen eine Universität besucht haben und dort zumindest akademisch tätig geworden sein. EIn Studium Generale zu Beginn wäre auch nicht verkehrt. Dies würde ich daher beispielsweise auch den Medizinern und den BWLern absprechen und bis zu einem gewissen Grade auch den Juristen (okay, es ist immerhin eine 2000 Jahre alte Rechtslehre und es gibt auch Rechtsphilosophie und Römische Rechtsgeschichte etc.). Aber im Prinzip gehören auch diese Studiengänge als Ausbildung an die FH.

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