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17.11.2012
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Streit um "Affirmative Action"

US-Unis dürfen Bonus für Hautfarbe geben

AP

Demo im März 2012: Studenten der University of Michigan fordern "Affirmative Action"

Ob ein Bewerber schwarz oder weiß ist, durfte bisher an Hochschulen im US-Bundesstaat Michigan keine Rolle spielen. Doch nun entschied ein Gericht: Die Unis dürfen Minderheiten gezielt fördern. Das Urteil ist umstritten, denn das eigene Volk hatte 2006 gegen "Affirmative Action" gestimmt.

Wer afrikanische, hispanische oder indianische Wurzeln hatte, bekam Pluspunkte bei der Bewerbung: Diese Praxis pflegten etliche US-Hochschulen jahrelang, viele tun es bis heute. Das Konzept der "Affirmative Action" geht auf Präsident John F. Kennedy zurück und soll die Situation für benachteiligte Gruppen verbessern, indem sie gezielt bevorzugt werden.

Doch die Praxis war von Anfang an umstritten. Die Gegner argumentieren, dass Hochschulen ihre Studenten allein aufgrund von Leistung auswählen sollten, alles andere sei ungerecht. Immer wieder setzten sich Gerichte mit dieser Art der Förderung von Minderheiten auseinander - und sie kamen zu unterschiedlichen Urteilen.

Ein Gericht im US-Bundesstaat Michigan hat nun eine weitere Entscheidung in der langen Kette von Rechtsstreitigkeiten getroffen. Dort war es Hochschulen bisher verboten, Bewerber gemäß ihrer ethnischen Herkunft zu bevorzugen. Doch das höchste Berufungsgericht für die Staaten Michigan, Kentucky, Ohio und Tennessee befand: Dieses Verbot verstoße gegen die Verfassung. Hochschulen in Michigan sollen künftig also wieder selbst entscheiden dürfen, ob sie ihre Studenten auch nach Hautfarbe auswählen - und so Benachteiligte fördern.

Das Förderungsverbot untergrabe das Recht jedes Bürgers, gleichberechtigt politische Veränderung zu bewirken, begründeten die Richter das Urteil. Es ging ihnen diesmal nicht darum, die Bevorzugung bestimmter Kandidaten gutzuheißen oder zu verurteilen.

Richter erklärten den Volkswillen für verfassungswidrig

Die Richter argumentieren vielmehr so: Einem Bewerber, dessen Vorfahren stets eine bestimmte Universität besucht haben und der deswegen Pluspunkte bekommen möchte, stünden mehrere Wege offen, um den Aufnahmeprozess zu reformieren. Er könne sich ans Auswahlkomitee, die Hochschulleitung oder den Universitätsrat wenden oder eine landesweite Kampagne für eine Verfassungsänderung anschieben. Ein schwarzer Kandidat, der im Bewerbungsverfahren wegen seiner Hautfarbe bevorzugt werden möchte, hat hingegen nur die Möglichkeit, zu erstreiten, dass die Verfassung umgeschrieben wird. Das sei vergleichsweise "ein langwieriger, teurer und mühseliger Prozess" - und deshalb ungerecht.

Die Entscheidung war denkbar knapp: acht Richter stimmten dafür, sieben dagegen. Ein politischer Fallstrick hatte das Gericht entzweit: "Affirmative Action" war an den Hochschulen des Bundesstaates bisher verboten, weil die Wähler 2006 mehrheitlich so abgestimmt hatten. Solche demokratischen Entscheidungen verdienten den Respekt der Justiz, schrieb einer der sieben Richter, die das Verbot nicht für verfassungswidrig hielten. Ein anderer meinte, es sei paradox, dass ausgerechnet der Volkswille gegen die Verfassung verstoßen solle. "Ich bitte den Supreme Court dringend, diese irregeleitete Lehrmeinung in die Annalen der Justizgeschichte zu verweisen."

Auch Bill Schuette, als Attorney General von Michigan für die Justiz zuständig, will den Fall vor das höchste US-Gericht bringen. "Die Aufnahme in unsere großartigen Universitäten muss nach Leistung erfolgen", zitierte ihn die Nachrichtenagentur AP. Auch in einigen anderen Staaten, darunter Washington, Arizona, Kalifornien und Florida, darf Hautfarbe kein Kriterium in universitären Aufnahmeverfahren sein.

Beim Supreme Court liegt schon ein anderer, ähnlich gelagerter Fall: Eine junge Texanerin hat eine Universität verklagt, die sich vorbehält, einige ihrer Studienplätze nicht nur nach Noten, sondern auch nach sozialem Engagement, Geschlecht, Einkommen der Eltern und eben ethnischer Herkunft zu vergeben. Das Urteil wird nicht nur in Michigan mit Spannung erwartet. Es soll bis Ende Juni 2013 feststehen, berichtet Reuters.

son

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insgesamt 29 Beiträge
1. Typischer Quotenmist
Friedrich der Streitbare 17.11.2012
Egal ob bei der Zulassung zum Studium, bei Berufungen von Professoren, Benennung von Aufsichtsräten ...... Quotenregelungen sind Mist. Sie benachteiligen Individuen, die für ihre Abstammung, ihr Geschlecht ja nichts können. [...]
Egal ob bei der Zulassung zum Studium, bei Berufungen von Professoren, Benennung von Aufsichtsräten ...... Quotenregelungen sind Mist. Sie benachteiligen Individuen, die für ihre Abstammung, ihr Geschlecht ja nichts können. Auch wenn die Formulierung lautet "Bevorzugung bei gleicher Qualifikation", wird jemand automatisch durch das Gesetz benachteiligt anders etwa als bei "Auslosung bei gleicher Qualifikation". Geradezu grotesk wird die Sache, wenn bei Nichteinhaltung einer Quote Sanktionen drohen wie jetzt z.B. bei den Aufsichtsräten. Man sollte sich klar machen, dass mit Quotenregelungen versucht wird, am Ende einer Kette vorher erfolgten Fehlentwicklungen gegenzusteuern. Im Falle der USA heißt das, die Bildungseinrichtungen und die gezielte Förderung sozial schwacher Minderheiten müssten gestärkt werden, dass die leistungsfähigen Kinder, Jugendlichen dieser Minderheiten die Chance bekommen, ihre Fähigkeiten zu zeigen und dann mittels erbrachter Leistung ihren Platz an der Universität zu erhalten. Selbstverständlich dürfen dann die so gerne nachgefragten soft skills, die die Privilegierteren sich privat leicht aneignen können, nicht mehr gewertet werden. Allerdings wird bei der Staatsverdrossenheit der US-Amerikaner und deren pathologischer Kombination von Steuerparanoia und Sparwahn für ein solches Programm wohl keine Chance bestehen.
2. Krasse Fehlentscheidung
Apologet 17.11.2012
Das kann nur als krasse Fehlentscheidung gewertet werden. Jeder Mensch egal welcher Hautfarbe muss die gleiche Chance bekommen. Das ist des Menschen Geburtsrecht und der einzige Garant für Frieden.Es müssen die gleichen [...]
Das kann nur als krasse Fehlentscheidung gewertet werden. Jeder Mensch egal welcher Hautfarbe muss die gleiche Chance bekommen. Das ist des Menschen Geburtsrecht und der einzige Garant für Frieden.Es müssen die gleichen Regeln für alle Menschen gelten und die Befähigung und Leistung allein muss die Grundlage für die Aufnahme an einer Uni sein.
3. Nachdem in Teilen der USA die umgekehrte Vorgehensweise
herr_kowalski 17.11.2012
in den vergangenen 140 Jahren Usus war, ist das nichts anderes als OK.
Zitat von sysopAPOb ein Bewerber schwarz oder weiß ist, durfte bisher an Hochschulen im US-Bundesstaat Michigan keine Rolle spielen. Doch nun entschied ein Gericht: Die Unis dürfen Minderheiten gezielt fördern. Das Urteil ist umstritten, denn das eigene Volk hatte 2006 gegen "Affirmative Action" gestimmt. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/affirmative-action-an-universitaeten-gericht-in-michigan-kippt-verbot-a-867694.html
in den vergangenen 140 Jahren Usus war, ist das nichts anderes als OK.
4. Diskriminierung
FreieWelt 17.11.2012
Ich dachte, dass die Diskriminierung mittlerweile verboten ist. Menschen wegen ihrer Hautfarbe zu benachteiligen, entspricht jedoch genau dem Tatbestand der Diskriminierung.
Ich dachte, dass die Diskriminierung mittlerweile verboten ist. Menschen wegen ihrer Hautfarbe zu benachteiligen, entspricht jedoch genau dem Tatbestand der Diskriminierung.
5. Der Rassismus kehrt zurück!
derweise 17.11.2012
Der Rassismus kehrt zurück! Wenn auch unter inverser Gestalt. Vorsicht vor allen biologistischen Kriterien (Hautfarbe, Geschlecht (Quote))!
Zitat von sysopAPOb ein Bewerber schwarz oder weiß ist, durfte bisher an Hochschulen im US-Bundesstaat Michigan keine Rolle spielen. Doch nun entschied ein Gericht: Die Unis dürfen Minderheiten gezielt fördern. Das Urteil ist umstritten, denn das eigene Volk hatte 2006 gegen "Affirmative Action" gestimmt. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/affirmative-action-an-universitaeten-gericht-in-michigan-kippt-verbot-a-867694.html
Der Rassismus kehrt zurück! Wenn auch unter inverser Gestalt. Vorsicht vor allen biologistischen Kriterien (Hautfarbe, Geschlecht (Quote))!

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