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22.12.2012
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Studieren in Toronto

Morde, Küsse, Sexszenen

Andreas Boschmann

Ist das gerade echt oder Kulisse? Für Andreas Boschmann verschwimmen in Toronto Realität und Fiktion. Das liegt an der filmverliebten Stadt - und an seinen Kursen. Für die Uni pilgert der deutsche Student in den Kinosaal und schaut sich eine Erotikszene nach der anderen an.

Zwei Uhr morgens, Yonge Street, im Stadtzentrum von Toronto. Ich verlasse gemeinsam mit Freunden einen Club und will eigentlich auf direktem Weg nach Hause, doch die Straße ist gesperrt: Rauch wabert über den Asphalt, rote und blaue Lichter einiger Polizeiautos blinken vor uns. Der Verkehr steht still, eine gespenstische Ruhe herrscht auf der sonst vielbefahrenen Straße. Mitten auf der Fahrbahn steht ein silberner Luxusschlitten. Ein Mann, gehüllt in einen schwarzen Mantel, auf dem Kopf eine schwarze Mütze, auf der Nase eine Sonnenbrille, öffnet filmreif die Flügeltüren und steigt ein.

Irgendwas stimmt hier nicht. Intuitiv schauen wir uns nach Fluchtwegen um. Doch dann fällt uns auf, dass alle Fahrzeuge in der Nähe ein New Yorker Kennzeichen haben und die Polizeifahrzeuge die Aufschrift NYPD - New York Police Department - tragen. Entwarnung! Wir sind mitten im Dreh einer Szene für den Kinofilm "Kick-Ass 2" gelandet. Jetzt sehen wir auch die Nebelmaschinen, die den Dunst produzieren. Ein Mitarbeiter des Sets weist uns mit einer Handbewegung in Richtung einer Seitenstraße. Wir biegen ab, und das normale, nächtliche Toronto hat uns wieder.

So ein Erlebnis ist nicht ungewöhnlich - jeden Tag werden in der Stadt Filme und TV-Serien produziert. Die Kulisse ähnelt der von Manhattan, besonders im Kern der Stadt, und das macht Toronto auch für Hollywood attraktiv. Es ist günstiger, eine Straße dieser Millionenmetropole für Dreharbeiten sperren zu lassen, als in vergleichbar filmtauglichen US-Städten. Willkommen in Hollywood-Nord.

Ein Hauch von Hogwarts

Der Campus der University of Toronto in der Stadtmitte ist ebenso filmreif wie der Finanzdistrikt. Nur dass hier keine Hochhäuser stehen, sondern viel ältere Häuser mit kleinen und großen Türmchen, verzierten Fassaden, hohen Fenstern und Decken. Ein Hauch von Hogwarts hier in der Luft. Vor der großen Bibliothek, der Robarts Library, geschehen sogar Morde, zumindest in der TV-Serie "Crossing Jordan". Die spielt zwar in Boston, aber gedreht wird mal wieder in Toronto. Und meine Mitbewohner und ich wohnen nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt.

Russland, Frankreich, Litauen, USA, China, Deutschland, und natürlich Kanada - aus diesen Ländern stammen meine 15 Mitbewohner. In unserem Haus prallen Kulturen aufeinander, auch beim Kochen. Manchmal veranstalten wir ein "Potluck" - ein "Topfglück". Dann kocht jeder seine Lieblingsspeise für ein gemeinsames Buffet, ohne vorherige Absprache. Das Ergebnis ist jedes Mal eine Überraschung: Russische Blinis treffen auf deutsche Kartoffelpfanne.

Wie konnte ich in Deutschland nur so lange alleine und in kleinen Wohngemeinschaften leben? Hier werden keine WG-, sondern ganze Hauspartys gefeiert. Für eine Halloween-Party haben wir unser Haus schnurstracks in ein Horrorkabinett verwandelt. Das Aufräumen am Morgen nach der Party war dabei nicht weniger furchteinflößend als die Deko.

Die Vorlesung begann mit harmlosen Kuss-Szenen

Drei Etagen plus Garten misst unser Haus im beliebten Studentenviertel The Annex. Der Stadtteil besteht aus überwiegend viktorianischen Häusern in bester Lage, die Nachbarschaft ist grün und idyllisch. Chinatown, der alternative Kensington Market, die Luxusmeile Bloor Street und der Campus sind in wenigen Minuten zur Fuß zu erreichen. Auf dem Weg zur Uni laufe ich dem CN-Tower, dem Wahrzeichen Torontos, entgegen.

Für zwei Vorlesungen gehe ich jedoch nicht in den Hör-, sondern in den Kinosaal. Ich habe einen Kurs über Dokumentarfilme und einen über die Geschichte erotischer Bilder im Kino belegt. Wir lernen dort, dass die Darstellung oder Nicht-Darstellung von Sex in Filmen eng mit der gesellschaftlichen Entwicklung des letzten Jahrhunderts zusammenhängt. Die Vorlesung begann damit, dass wir harmlose Kuss-Szenen untersucht haben - die in früheren Filmen oft von willkürlich reingeschnittenen Szenen, in denen zum Beispiel ein Zug in einen Tunnel einfährt, unterbrochen werden.

Am Ende des Semesters steht dann Hardcore-Sex in Kinofilmen auf dem Lehrplan. Hier wird der Höhepunkt nicht mehr ausgelassen - nichts für Verklemmte! Viele der Filme sind "Skandalfilme", die große Kontroversen ausgelöst haben: Wie viel Sex darf sein im Kino, wie explizit darf der Sex im Kino sein? Zum Beispiel der Film "Im Reich der Sinne" schlug 1976 ein wie eine Bombe in den nordamerikanischen Kinos. Danach wurde es weniger mit den Intimitäten: Mit der Videokassette und dem Internet verlagerten sich freizügige Filme mehr und mehr ins Wohnzimmer.

Zu Hause in Hamburg studiere ich "Kultur der Metropole", hier mische ich meine Vorlesungen zu Kultur und Film zusammen, zwei Semester lang. Dafür bietet Toronto die besten Voraussetzungen - diese Stadt ist ein Mosaik der Kulturen, eine Bühne der Welt und der Filmindustrie.

Forum

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insgesamt 9 Beiträge
1. Kurz angemerkt,
townsville 22.12.2012
dass das "potluck" die Verballhornung des "potlatch" ist, einer bedeutenden Zeremonie der kanadischen First Nations. Etwas Kultur schadet ja den auslaendischen Studenten nicht.
dass das "potluck" die Verballhornung des "potlatch" ist, einer bedeutenden Zeremonie der kanadischen First Nations. Etwas Kultur schadet ja den auslaendischen Studenten nicht.
2.
Stäffelesrutscher 22.12.2012
Er meint damit hoffentlich nicht die letzte Szene in Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte" ("North by northwest"), denn deren Schnitt von dem im Schlafwagen sich küssende Ehepaar auf das Eindringen eines [...]
Zitat von sysopAndreas Boschmann Ist das gerade echt oder Kulisse? Für Andreas Boschmann verschwimmen in Toronto Realität und Fiktion. Das liegt an der filmverliebten Stadt - und an seinen Kursen. Für die Uni pilgert der deutsche Student in den Kinosaal und schaut sich eine Erotikszene nach der anderen an. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studium-in-kanada-student-macht-auslandsjahr-in-toronto-a-870341.html
Er meint damit hoffentlich nicht die letzte Szene in Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte" ("North by northwest"), denn deren Schnitt von dem im Schlafwagen sich küssende Ehepaar auf das Eindringen eines langen Etwas in eine schmale Höhle ist alles andere als "willkürlich", sondern gilt als geniale Umgehung der Zensur.
3. Unbedeutender Bericht
0v32 22.12.2012
Dieser SPON Artikel ist wieder einmal völlig sinnlos. Jeder der Toronto besucht erkennt ohnehin sofort dutzende Orte aus Filmen wieder. Dennoch gibt es wohl wichtigere Themen die eine Berichterstattung wert sind. Seit 10 Jahren [...]
Dieser SPON Artikel ist wieder einmal völlig sinnlos. Jeder der Toronto besucht erkennt ohnehin sofort dutzende Orte aus Filmen wieder. Dennoch gibt es wohl wichtigere Themen die eine Berichterstattung wert sind. Seit 10 Jahren lese ich den Spiegel nunmehr und kann die inhaltsfreien Berichte nicht mehr Nachvollziehen. Naja ein Leser weniger ... Gruß aus Toronto
4. Crossing Jordan?
jpuottawa 22.12.2012
Die Show läuft seit 2007 nicht mehr!
Die Show läuft seit 2007 nicht mehr!
5. @0v32
mk84 22.12.2012
Naja, das ist eben ein subjektiver Bericht eines offenbar von dieser Stadt begeisterten Auslandsstudenten, der hier und da vielleicht auch ein bisschen naiv klingt - deshalb erscheint diese Artikelreihe auch in der [...]
Naja, das ist eben ein subjektiver Bericht eines offenbar von dieser Stadt begeisterten Auslandsstudenten, der hier und da vielleicht auch ein bisschen naiv klingt - deshalb erscheint diese Artikelreihe auch in der Uni-/Schulrubrik. Ich empfand den Artikel interessant, zumal ich auch schon in Toronto war. Noch interessanter sind allerdings die Fächer bzw. der Studiengang, welchen der Autor offenbar belegt. Hört sich zwar auch nach einem Studium an, was (leider) direkt in die Arbeitslosigkeit führt (außer man hat Kontakte, Vitamin-B, Daddys Firma etc.), aber heute muss man Abiturienten schon Respekt dafür zollen, wenn sie sich nicht für die üblichen BWL-, Management-, Blabla-Fächer entscheiden.

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Zur Person

Andreas Boschmann, 22, studiert in Hamburg im fünften Semester "Kultur der Metropole" an der HafenCity Universität. Seine Hobbys sind Stadterkundungen und Fotografie. Er bleibt noch bis Mai 2013 in Toronto.

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