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04.01.2013
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Radikales Professoren-Plädoyer

"Todesstrafe für Leugner des Klimawandels"

Von Heike Sonnberger
Uni Graz

Karl-Franzens-Universität Graz: Zählt die Menschenrechte zu ihren obersten Prinzipien

Wer Kondome ablehnt und den Klimawandel verneint, habe den Tod verdient. Das schrieb ein Musikprofessor auf der Webseite der Uni Graz und bescherte seiner Hochschule eine Flut von Protest-E-Mails. Die Rektorin erwägt dienstrechtliche Konsequenzen - der Autor bereut.

Massenmörder von der "gewöhnlichen Sorte", wie den Norweger Anders Breivik, der 77 Menschen tötete, solle man nicht hinrichten. Aber wer den Klimawandel abstreite, für den sei die Todesstrafe angemessen, argumentierte ein Professor, der an der Universität in Graz Musikwissenschaft unterrichtet. Schließlich seien mächtige Gegner der Klimawandeltheorie mitverantwortlich für viele Millionen Tote. Denn wenn sie nicht wären, hätte die Politik schon viel mehr gegen die Erwärmung der Erde unternommen.

Solche radikalen Gedanken veröffentlichte der Australier Richard Parncutt, 55, im Internet. Allerdings nicht etwa in einem privaten Blog, sondern unter seinem Profil auf dem Server der österreichischen Universität. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werde der Klimawandel Hunderte Millionen Menschen das Leben kosten, wenn niemand ihn aufhalte, schreibt der Musikpsychologe dort. Und dazu müsse man diejenigen stoppen, die das Phänomen verneinen. "Ich möchte behaupten, dass es prinzipiell in Ordnung ist, jemanden umzubringen, um eine Million andere Menschen zu retten." Also folgert er: "Die Todesstrafe ist angemessen für einflussreiche Leugner der Erderwärmung."

Nach derselben Logik müssten auch Papst Benedikt XVI. und seine engsten Berater zum Tode verurteilt werden. Denn weil die katholische Kirche so vehement gegen Kondome sei, stürben in Afrika sicherlich weitere Millionen Menschen unnötigerweise an Aids. Ob der Papst das beabsichtigt habe oder nicht, sei dabei zweitrangig: "Es sind so enorm viele Menschen betroffen, dass es irgendwann nicht mehr darauf ankommt, ob der Mord vorsätzlich ist."

Dutzende Protest-E-Mails zu Weihnachten

Wenn diese Argumente schlüssig seien, müssten die Uno-Menschenrechtserklärung und die Verfassungen aller Länder umgeschrieben werden, um auch die Rechte zukünftiger Generationen zu wahren, schreibt Parncutt. Dann könnten uneinsichtige Leugner des Klimawandels legal verurteilt und hingerichtet werden. Er verlinkte auch auf einen Blog, der Leugner des Klimawandels anprangert.

Parncutt weist in dem Beitrag allerdings auch darauf hin, dass er lediglich eine logische Argumentationskette präsentiere - aber selbst schon immer gegen die Todesstrafe gewesen sei. Die sei "barbarisch, rassistisch, teuer und oft falsch eingesetzt". Er fordere keinesfalls, dass irgendjemand direkt hingerichtet werde. "Ich denke nur laut über ein wichtiges Problem nach."

Seinen Text veröffentlichte der Professor bereits im Oktober. Wochenlang blieb er praktisch unbemerkt, bis um Weihnachten herum schließlich Dutzende Protest-E-Mails aus der ganzen Welt die Hochschulleitung erreichten. Die war bestürzt und ließ den Text sofort löschen. "Die Karl-Franzens-Universität Graz legt größten Wert auf die Wahrung der Menschenrechte und zählt diese zu ihren obersten Prinzipien", sagte Pressesprecher Andreas Schweiger. Menschenverachtende Aussagen wie die des Professors weise man entschieden zurück.

Auf eine schriftliche Anfrage von SPIEGEL ONLINE antwortete Parncutt bis zum Freitagnachmittag nicht. Sein Vorgesetzter hatte ihm das auch untersagt: "Ich habe ihn ersucht, keine öffentlichen Äußerungen dazu mehr abzugeben", sagte der Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät, Helmut Konrad, dem Sender ORF.

Seit 1998 lehrt und forscht Parncutt als Professor in Graz zur Psychologie des Musizierens, den Ursprüngen der Musik und zur Wahrnehmung musikalischer Strukturen. "Er ist bekannt als gesellschaftspolitischer Mensch und hat sich wiederholt zu gesellschaftspolitischen Themen geäußert", sagte Hochschulsprecher Schweiger. Mit radikalen Ansichten sei er bisher aber nicht aufgefallen.

"Die Leute werden sagen, dass Parncutt letztlich übergeschnappt ist"

Für seinen Beitrag zur Todesstrafe hat sich Parncutt inzwischen ausdrücklich entschuldigt. "Ich habe falsche Behauptungen aufgestellt und völlig unangemessene Vergleiche gezogen", teilte er Ende Dezember auf der Uni-Homepage mit. Das bedaure er zutiefst. "Alle menschlichen Wesen haben immer und überall dieselben Rechte." Er sei seit mindestens 18 Jahren Mitglied der Menschenrechtsorganisation Amnesty International und bewundere und unterstütze deren Ziele.

Dass er sich mit seinem radikalen Gedankenspiel in die Nesseln setzen könnte, muss ihm bewusst gewesen sein. "Die Leute werden sagen, dass Parncutt letztlich übergeschnappt ist", schrieb er damals. Würde sein Beitrag allerdings erst im Jahr 2050 herausgekramt und veröffentlicht, werde er auf Zustimmung und Bewunderung stoßen. "Wer weiß, vielleicht würde der Papst mich sogar heiligsprechen" - vorausgesetzt, dass es dann noch einen Papst gebe.

Nun muss Parncutt allerdings erst mal ein Gespräch mit seinen Chefs überstehen. In den nächsten Tagen muss er vor der Rektorin der Universität, Christa Neuper, und dem Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät Helmut Konrad erscheinen. Danach will die Hochschule über dienstrechtliche Konsequenzen entscheiden. Die Staatsanwaltschaft Graz hat bereits erklärt, dass sie keine Ermittlungen einleiten wird. Nicht jede misslungene Formulierung sei strafbar, sagte ein Sprecher.

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 181 Beiträge
1. Der gute Mann
gulo-gulo 04.01.2013
hat einfach mal Recht!
hat einfach mal Recht!
2. Sinnvolle Gedanken
jenom 04.01.2013
Die schlimmsten Massenmörder werden nicht bestraft und das ist völlig inakzeptabel. Das Unheil das durch Kondomverbot und Leugnung des Klimawandels angerichtet wird übersteigt Amokläufe bei weitem. Gesetze gegen die [...]
Die schlimmsten Massenmörder werden nicht bestraft und das ist völlig inakzeptabel. Das Unheil das durch Kondomverbot und Leugnung des Klimawandels angerichtet wird übersteigt Amokläufe bei weitem. Gesetze gegen die Schreibtischtäter sind überfällig.
3. optional
sprechweise 04.01.2013
Abgesehen von der Provokation mit der Todesstrafe, es ist richtig den Menschen klar zu machen, dass mit bestimmten ideologischen Einstellungen Menschen zu schaden kommen. Schwierig wird es jedoch wenn Dinge abzuwägen sind: [...]
Abgesehen von der Provokation mit der Todesstrafe, es ist richtig den Menschen klar zu machen, dass mit bestimmten ideologischen Einstellungen Menschen zu schaden kommen. Schwierig wird es jedoch wenn Dinge abzuwägen sind: Werden Tote wegen des Klimawandels, die durch die Abschaltung von KKW entstehen mit Toten die durch KKW-Unfälle aufgerechnet?
4. Eben ein Musikprofessor,
pikup 04.01.2013
der wenn er will, sich seine eigene Welt in Noten zurechtschreibt. Obs jemand hören will ist sekundär.
der wenn er will, sich seine eigene Welt in Noten zurechtschreibt. Obs jemand hören will ist sekundär.
5. Früher oder später
edinger 04.01.2013
musste sowas kommen. Seit mit den Gesetzen gegen die Leugnung des Holocaust ein Beispiel für Meinungskontrolle geschaffen wurde und seit CO2-Vermeidung zur Ersatzreligion erklärt wurde, sind logischerweise Klimaskeptiker das [...]
musste sowas kommen. Seit mit den Gesetzen gegen die Leugnung des Holocaust ein Beispiel für Meinungskontrolle geschaffen wurde und seit CO2-Vermeidung zur Ersatzreligion erklärt wurde, sind logischerweise Klimaskeptiker das gleiche, was Ketzer im Mittelalter waren. Und die darf man anklagen und töten. Ich erwarte, dass unser kranker Zeitgenosse wegen Volksverhetzung angeklagt wird! Ansonsten habe ich wenig Hoffnung, dass sich die zivilisierte Menschheit tatsächlich aus den Fesseln selbstverschuldeter Unmündigkeit befreit hat. Das Pendel schwingt zurück...
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