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24.01.2013
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Studentinnen in Indien

"Sicherheit reicht nicht, Freiheit muss her"

Von Vanessa Klüber
AP

Indien debattiert hitzig über Frauenrechte und da will auch die Hochschulaufsicht mitreden. Auch Universitäten sollen plötzlich mehr für Frauen tun. Die Anwältin Naina Kapur hält das für Augenwischerei in einem Land, in dem es nicht einmal Frauentoiletten an Unis gibt.

Was in Indien derzeit passiert, hat Züge eines gesellschaftlichen Umbruchs. Seit Jyoti Singh Pandey, 23, Medizinstudentin in Neu-Delhi, von sechs Männern in einem fahrenden Bus vergewaltigt wurde und schließlich an ihren schweren Verletzungen starb, diskutiert das Land wie selten zuvor über alltägliche Gewalt gegen Frauen. Die Studentin war am 16. Dezember mit einem Freund im Kino gewesen, auf dem Heimweg wurden die beiden gekidnappt. Auch der Freund wurde misshandelt, überlebte aber. Er berichtete, niemand habe dem Paar geholfen.

Schon dass Pandeys Name nun bekannt ist, ist für den Subkontinent eine kleine Revolution. In Indien war es bislang Gesetz, dass niemand den Namen eines Vergewaltigungsopfers kennen soll. Aber das war ein Gesetz des alten Indien.

Pandeys Tod löste national und international Empörung aus und am Montag begann, einen Monat nach der Tat, das Gerichtsverfahren gegen fünf der sechs mutmaßlichen Vergewaltiger. Ihnen droht die Todesstrafe, der sechste Verdächtige ist minderjährig und steht bald vor einem Jugendgericht.

"Beunruhigende Ereignisse in der Hauptstadt"

Weil nun über die Rolle von Frauen und die häufige Gewalt gegen sie debattiert wird, wollte auch die indische Hochschulaufsicht, die University Grants Commission (UGC), nicht untätig erscheinen. Die UGC forderte im Januar mehr Sicherheit für Frauen und hat dazu eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Sieben Professoren und drei Doktoranden sollen "die Sicherheit von Frauen und die Gender-Sensibilisierung an Hochschulen nachprüfen". Wichtig ist laut UGC vor allem, die Einstellung junger Leute zum fundamentalen Recht der Geschlechtergleichheit zu verändern, Gender-Bildung einzuführen und Universitätsmitarbeiter zu sensibilisieren.

Anlass sei dafür die "jüngst beunruhigenden Ereignisse in der Hauptstadt und in anderen Teilen des Landes". Gemeint sind damit weitere sexuelle Gewalttaten und Proteste, die nach der Vergewaltigung Pandeys bekannt wurden. Mitte Januar soll eine 29-Jährige im Bundesstaat Punjab von sieben Männern in einem Bus vergewaltigt worden sein. In Bangalore demonstrierten junge Männer in Röcken gegen sexuelle Misshandlungen von Frauen. Und Demonstranten in Mumbai gingen für eine Siebenjährige auf die Straße, die ein 32-Jähriger vergewaltigt haben soll.

Anzügliche Bemerkungen sind Alltag

Dass Frauen auch schon vorher häufig sexuellen Belästigungen ausgesetzt waren, ist bekannt, und auch, dass sie an Schulen und Universitäten davon nicht verschont bleiben. Die Frauenrechtsorganisation Jagori hatte bereits im Jahr 2010 eine Studie über die "Sicherheit von Frauen in Neu-Delhi" herausgebracht und besonders die Probleme an Schulen und Universitäten betont. Schülerinnen und Studentinnen würden verbal belästigt, belauert und begrapscht. 85 Prozent der Schülerinnen im Alter von 16 bis 18 Jahren gaben an, sie seien unflätig angemacht worden. Bei den Studentinnen berichteten davon 87 Prozent.

"Eine indische Frau muss immer mit anzüglichen Bemerkungen rechnen, wenn sie sich allein an einem öffentlichen Platz aufhält", sagt Frauenrechtlerin Naina Kapur, die sich seit 20 Jahren mit dem Problem beschäftigt. Kapur arbeitete 2008 an der Reform des Gesetzes gegen sexuelle Belästigung mit und gründete Ende der neunziger Jahre eine indische Frauenrechtsorganisation. In ihrem Blog Truth and Transformation setzt sich die Anwältin für Opfer von Vergewaltigungen und sexuellen Belästigungen ein und vertritt sie auch vor Gericht.

"Die Leute sind aufgewacht"

Auch Kapur findet, dass die grausame Attacke auf Pandey Indien verändert hat. Von gestern auf heute sprechen Politiker, Medien und die Menschen auf der Straße nur noch über Frauen. Es gebe Demonstrationen, Bollywood-Stars drücken über Twitter ihre Trauer um die getötete Jyoti Singh Pandey aus. "Das habe ich so noch nie erlebt", sagt Kapur. "Schweigen über sexuellen Missbrauch ist ab jetzt nicht mehr möglich, in Neu-Delhi sind die Leute aufgewacht."

Kapur wird laut, wenn sie darüber spricht, was insgesamt in der indischen Gesellschaft schiefläuft. Schulen und Universitäten müssten anfangen, viel mehr über Rechte und Respekt für Frauen aufzuklären. Aber nicht nur dort: Indien brauche auch Schulungen für die Polizei zum fairen Umgang mit Frauen.

Zwar begrüßt die Aktivistin, dass mit der UGC endlich eine offizielle Stelle das Problem Gewalt gegen Frauen anspricht und sich nicht mehr fast nur Privatpersonen und Nichtregierungsorganisationen darum kümmern. Aber sie ist auch skeptisch. Die Hochschulaufsicht spreche nur davon, sie wolle die "Sicherheit verbessern", Kapur aber sagt, sie wolle "das ganze System ändern". Dass Frauen sich angstfrei auf öffentlichen Plätzen bewegen können, müsse selbstverständlich werden. Ein Anfang wäre schon, wenn es in allen Bildungseinrichtungen getrennte Toiletten für Mädchen und Jungen gäbe und wenn Hochschulgelände besser beleuchtet würden. Wenn die Aufmerksamkeit für das Thema nicht wieder verschwindet, könne jetzt ein gesellschaftlicher Umsturz beginnen: "Die Gelegenheit ist zum ersten Mal wirklich da", sagt sie.

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insgesamt 1 Beitrag
1.
Yestoertchen 24.01.2013
Auch wenn es nicht viel bedeutet, ich wünsche den Frauen (und Männern) Indiens alle Kraft dieser Welt, um vergangenes Unrecht zu sühnen, die Situation der Frauen zu verbessern und den Töchtern Indiens eine unbeschwerte Zukunft [...]
Auch wenn es nicht viel bedeutet, ich wünsche den Frauen (und Männern) Indiens alle Kraft dieser Welt, um vergangenes Unrecht zu sühnen, die Situation der Frauen zu verbessern und den Töchtern Indiens eine unbeschwerte Zukunft zu ermöglichen.

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