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23.01.2013
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Beginn des Plagiatsverfahrens

Schavan startet Gegenoffensive

dapd

Annette Schavan (Archiv): Den Doktortitel will sich die Ministerin nicht nehmen lassen

Die Uni Düsseldorf hat ein Verfahren gegen sie eröffnet, die Bildungsministerin muss um ihren Doktortitel bangen. Nach der Entscheidung der Hochschule hat Annette Schavan erneut alle Plagiatsvorwürfe von sich gewiesen und weitere Gutachten verlangt. Kanzlerin Merkel hat ihrer Ministerin "volles Vertrauen" zugesichert.

Sie will um ihren Doktortitel kämpfen, das hatte Annette Schavan (CDU) lange angekündigt. Gerade erst hat das Hauptverfahren an der Uni Düsseldorf gegen Annette Schavan begonnen, da geht die Bildungsministerin in die Offensive: Sie weist erneut alle Vorwürfe von sich und fordert die Uni auf, "externe Fachgutachten" einzuholen.

Mit einem kurzen Statement lässt sich Schavan wie folgt zitieren: "Die intensive Beschäftigung mit dem Text meiner Dissertation bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass meine Dissertation kein Plagiat ist." Sie habe auch mit "zahlreichen Fachwissenschaftlern" darüber gesprochen.

Außerdem sagte sie: "Ich gehe davon aus, dass mit der Eröffnung eines ergebnisoffenen Verfahrens jetzt auch verbunden ist, externe Fachgutachten einzuholen." Damit spielt die Ministerin darauf an, dass sich die Entscheidung der Uni, ein Verfahren gegen sie einzuleiten, vor allem auf ein einziges Gutachten stützt, das der Vorsitzende des Promotionsausschusses erstellt hatte. Sie sei, so Schavan, davon überzeugt, dass die "unbegründeten Plagiatsvorwürfe ausgeräumt werden".

Rückendeckung bekam die Ministerin von Angela Merkel. Die Kanzlerin schätze Schavans Arbeit, "und sie hat volles Vertrauen in ihre Arbeit", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Er betonte, dass Schavan als selbstverständlich unschuldig gelte. Merkel sehe keine Einschränkung der Arbeit Schavans.

Am Dienstagabend hatte der Dekan der Philosophischen Fakultät in Düsseldorf, Bruno Bleckmann, angekündigt, die Uni werde das Hauptverfahren zum Titelentzug gegen Schavan eröffnen. Mit 14 Ja-Stimmen und einer Enthaltung habe sich der Fakultätsrat in geheimer Abstimmung für ein solches Vorgehen ausgesprochen. Die Prüfung erfolge nun "ergebnisoffen" und "ohne Ansehen der Person und ihrer Position", so Bleckmann. Der Fakultätsrat wird sich am 5. Februar wieder mit der Sache befassen. Zur Frage, ob weitere Gutachten eingeholt werden sollen, sagte er nichts. Bleckmann sagte lediglich, der Fakultätsrat werde sich in den kommenden Wochen mit den "Unterlagen des Promotionsausschusses und der Stellungnahme der Betroffenen auseinandersetzen".

Die Forderung nach einer zweiten Meinung hatte zuvor bereits der Präsident der Berliner Humboldt-Universität, Jan-Hendrik Olbertz, erhoben. Ein zweites Gutachten sei "zwingend", sagte er der "Berliner Morgenpost". Olbertz war von 2002 bis 2010 für die CDU Kultusminister in Sachsen-Anhalt. Zu Olbertz Amtsantritt war auch seine Dissertation aus DDR-Zeiten in die Kritik geraten. Ein Historiker warf Olbertz damals vor, er habe eine DDR-Propagandaschrift verfasst. Olbertz wehrte sich, anders habe man im DDR-Sozialismus gar nicht promovieren können, andere hätten das auch getan.

"Verjährung" für Plagiate?

Noch ist unklar, wie das Verfahren gegen Schavan ausgeht, aber die Grünen-Bundestagsfraktion ließ schon einmal vorsorglich wissen: Im Falle einer Aberkennung des Doktorgrads müsse Schavan zurücktreten. Die wissenschaftspolitische Sprecherin Krista Sager sagte im "Deutschlandfunk", dass der Fakultätsrat ein förmliches Verfahren einleite, sei "ein gravierender Hinweis", dass die Vorwürfe offenbar Substanz hätten. Sager kritisierte, dass die Prüfung der Universität bereits neun Monate dauert und die Uni noch immer ohne konkreten Zeitplan und ergebnisoffen prüfe. Studentenvertreter der Liberalen Hochschulgruppe verlangten sogar, Schavan müsse sofort von ihrem Ministeramt zurücktreten.

Zuspruch bekam die Ministerin vom Historiker Paul Nolte, er hält die Täuschungsvorwürfe für unverhältnismäßig. Außerdem sei es an der Zeit, über eine Verjährung für Plagiate nachzudenken, sagte der Geschichtsprofessor an der Freien Universität Berlin im "Deutschlandradio Kultur". Die zähe Prüfung der Universität Düsseldorf sei ein sehr fragwürdiges Verfahren, mit dem Leben eines Menschen umzugehen. Man müsse in Rechnung stellen, dass sich Fachkulturen, Zitierkulturen, und Wissenschaftskulturen verändert hätten. Allerdings habe man auch 1980, zu Zeiten von Schavans Doktorarbeit, gewusst, was ein korrektes Zitat ist.

Chronologie der Plagiatsaffäre um Annette Schavan

dapd

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Der erste Vorwurf

2. Mai 2012: Ein anonymes Mitglied des VroniPlag-Netzwerks veröffentlicht eigenmächtig einen Plagiatsvorwurf gegen Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Der Anonymus nennt sich "Robert Schmidt". Schavan erklärt, ihre 30 Jahre alte Doktorarbeit "Person und Gewissen" "nach bestem und Gewissen" angefertigt zu haben. Auf Bitten Schavans beginnt der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät ein Prüfverfahren.

"Spaß an der Detektivarbeit"

dapd

5. Mai 2012: In einem schriftlichen Interview mit SPIEGEL ONLINE gibt Schmidt zu Protokoll, er suche "aus Spaß an der Detektivarbeit" nach Plagiaten in Doktorarbeiten. Es sei aber auch darum gegangen, den bei VroniPlag-Recherchen entstandenen Anfangsverdacht "nicht unter den Tisch fallen zu lassen".

Befund des Anonymus

dapd

9. Oktober 2012: "Robert Schmidt" gibt bekannt, er habe die Suche nach Fehlern in Schavans Arbeit abgeschlossen. Insgesamt kritisiert er nun 92 Stellen in der mehr als 350 Seiten umfassenden Doktorarbeit.

Gutachter: "Leitende Täuschungsabsicht"

DPA

15. Oktober 2012: DER SPIEGEL zitiert aus einem vertraulichen Gutachten des Vorsitzenden des Promotionsausschusses der Uni Düsseldorf. Der wirft Schavan eine "leitende Täuschungsabsicht" vor. Schavan weist eine Täuschungsabsicht "entschieden zurück". Sie räumt ein, sie habe "hier und da noch sorgfältiger formulieren können".

Promotionskommission empfiehlt Verfahren

dapd

21. Dezember 2012: Erneut berichtet DER SPIEGEL, diesmal, dass die Promotionskommission geschlossen hinter einem Aberkennungsverfahren steht.

Gutachter verteidigt das Vorgehen der Uni

dapd

16. Januar 2013: Ein externer Gutachter stärkt der Uni den Rücken. Der Bonner Wissenschaftsrechtler Klaus Gärditz bescheinigt der Universität Düsseldorf, sie habe keine "rechtlich relevanten Verfahrensfehler" gemacht.

Breitseite gegen die Universität

18. Januar 2013: Fünf Tage bevor die Universität über eine Titelaberkennung oder den Beginn eines Verfahrens entscheiden will, veröffentlicht die Allianz der Wissenschaftsorganisationen eine Erklärung, die Schavan den Rücken stärken soll. In der Erklärung werfen führende Wissenschaftsorganisationen und die Hochschulrektorenkonferenz der Hochschule Verfahrensfehler vor.

Hilfe von Merkel und Zank in der Wissenschaft

20. Januar 2013: Die Bundeskanzlerin stehe fest zu ihrer engen Vertrauten, heißt es aus dem Kanzleramt, ein Rücktritt komme nicht in Frage. Der DHV als Standesvertretung der Hochschulprofessoren und der Philosophische Fakultätentag, Dachverband der universitären Geistes- und Sozialwissenschaftler, kritisieren die Allianz der Wissenschaftsorganisationen und sprechen sich wiederum für die Uni Düsseldorf aus. DHV-Chef Kempen sagt, allein die Uni Düsseldorf sei "Herrin des Verfahrens". Durch die Allianz der Wissenschaftsorganisationen solle "ein politisch gewünschtes Ergebnis herbeigeredet" werden.

otr/cht/dpa/dapd

Forum

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insgesamt 190 Beiträge
1. Einblick
ChrisQa 23.01.2013
Aha, Frau Schavan weiss also bereits vor der Entscheidung der Hochschule, dass sie ihren Dr. aberkannt bekommt. Oder wieso lässt sie jetzt schon Gegengutachten anfertigen? Damit gesteht sie in meinen Augen bereits das [...]
Zitat von sysopdapdDie Uni Düsseldorf hat ein Verfahren gegen sie eröffnet, die Bildungsministerin muss um ihren Doktortitel bangen. Nach der Entscheidung der Hochschule hat Annette Schavan erneut alle Plagiatsvorwürfe von sich gewiesen und weitere Gutachten verlangt. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/plagiatsverfahren-schavan-fordert-externe-gutachten-a-879204.html
Aha, Frau Schavan weiss also bereits vor der Entscheidung der Hochschule, dass sie ihren Dr. aberkannt bekommt. Oder wieso lässt sie jetzt schon Gegengutachten anfertigen? Damit gesteht sie in meinen Augen bereits das wissentliche plagiieren ein. Bis eben lief sie bei mir noch unter der Unschuldsvermutung.
2. Bin verwirrt...
Achmuth_I 23.01.2013
...hat sie auch externe Gutachten gefordert als Ihre Dissertation angenommen wurde? Gut fordern kann sie die Gutachten - hat sie Anspruch darauf oder ist das eine Luftnummer?
...hat sie auch externe Gutachten gefordert als Ihre Dissertation angenommen wurde? Gut fordern kann sie die Gutachten - hat sie Anspruch darauf oder ist das eine Luftnummer?
3. Plagiat
reinero59 23.01.2013
bei allem Verständnis denjenigen gegenüber die sich ihren Doktortitel ehrlich und hart erarbeitet haben stellt sich mir doch eine Frage....... Hat unser Land keine anderen Probleme ? Unser Bildungssystem ist außer in Bayern [...]
bei allem Verständnis denjenigen gegenüber die sich ihren Doktortitel ehrlich und hart erarbeitet haben stellt sich mir doch eine Frage....... Hat unser Land keine anderen Probleme ? Unser Bildungssystem ist außer in Bayern und Baden-Württemberg eine einzige Katastrophe, die Situation für Studenten in vielen Unis ebenfalls katastrophal. Ich denke diese Missstände alle abzuschaffen und endlich wirklich mehr Geld und vor allem mehr Qualität in Bildung und Forschung zu bringen wäre deutlich wichtiger.
4. Wäre doch gelacht,
Pfaffenwinkel 23.01.2013
wenn sich nicht irgendein Gutachter finden würde, der in seinem Gutachten zu dem Schluss kommt, dass die Ministerin bei ihrer Doktorarbeit nicht abgeschrieben hat.
wenn sich nicht irgendein Gutachter finden würde, der in seinem Gutachten zu dem Schluss kommt, dass die Ministerin bei ihrer Doktorarbeit nicht abgeschrieben hat.
5. Ein Schelm...
mag-the-one 23.01.2013
wer Schlechtes dabei denkt. Hat Herr Dr. Nolte etwas zu verbergen? ;-) Seine Bemerkung über die vermeintlich veränderte Wissenschaftskultur ist eine Frechheit gegenüber dem Wissenschaftsbetrieb der 70er und 80er Jahre.
Zitat von sysopdapdDie Uni Düsseldorf hat ein Verfahren gegen sie eröffnet, die Bildungsministerin muss um ihren Doktortitel bangen. Nach der Entscheidung der Hochschule hat Annette Schavan erneut alle Plagiatsvorwürfe von sich gewiesen und weitere Gutachten verlangt. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/plagiatsverfahren-schavan-fordert-externe-gutachten-a-879204.html
wer Schlechtes dabei denkt. Hat Herr Dr. Nolte etwas zu verbergen? ;-) Seine Bemerkung über die vermeintlich veränderte Wissenschaftskultur ist eine Frechheit gegenüber dem Wissenschaftsbetrieb der 70er und 80er Jahre.

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