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25.01.2013
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Türkisch lernen in Istanbul

Wo geht es hier zur Wurst-Brot-Party?

Sarah Levy

Istanbul ist ein Sehnsuchtsort, ein Mix aus Orient und vertrautem Europa. Sarah Levy zog für einen Monat zum Türkischlernen in die Stadt - und um dem deutschen Winter zu entfliehen. Sie fand Schnee am Bosporus, einen überaus strengen Lehrer und eine Metropole, die einem den Kopf verdreht.

Die ersten türkischen Worte, die ich verstand, las ich in einem Istanbuler Café: Sucuk Ekmek Party - Wurst-Brot-Party. Was es damit auf sich hatte, habe ich allerdings nicht herausgefunden. Vier Wochen Istanbul und ich habe weder die ominöse Party besucht, noch so viel Türkisch gelernt, dass ich ein Gespräch über eine Wurst-Brot-Party hätte führen können. Türkisch ist schwierig und ich nicht besonders gut darin.

Dabei hatte ich mir alles so einfach vorgestellt: Vier Wochen Sprachkurs in Istanbul und ich würde endlich verstehen, was im Sofra Imbiss außer Döner noch auf der Karte steht. Nebenbei würde ich, die Haare in der Bosporus-Brise wehend, meinem türkischen Freund Liebesschwüre ins Ohr flüstern. So war's nicht. Statt in einen Türken habe ich mich in Istanbul verliebt, diese lebendige, chaotische und melancholische Stadt am Bosporus.

Anfang Dezember empfing Istanbul mich mit 18 Grad, mit Menschenmassen, die unter glitzernden Lichtern durch die Straßen strömten, mit Palmen und dem Duft von Maronen. Meinen Versuch, zwei Kilometer vom Taksim-Platz bis zu meiner Wohnung im Stadtteil Beyoglu zu Fuß zurückzulegen, machten die Istanbuler Straßen beinahe unmöglich.

Kulturmix: Neue Stadt mit alten Regeln

Ich trippelte, stolperte, schob und rollte hinter meinem Koffer her, durch spiegelglatte Gassen, die sich mit Treppen, Kopfsteinpflaster und mit Schlammwasser gefüllten Kratern abwechselten. Auf den Bürgersteigen saßen alte, schnurrbärtige Männer auf kleinen Hockern, rauchten und starrten mich und mein offensichtlich anstrengendes Unterfangen an. Einer half mir und meinem Koffer über einen besonders tückischen Abgrund und erwiderte auf mein "Tesekkür ederim" ein freundliches deutsches "Bitteschön".

Man kann so viel entdecken, man kann sich aber auch über vieles wundern. In meinem Viertel, dem ärmlicheren Tarlabasi, sieht man kaum Frauen auf der Straße. Sie lassen kleine Körbe von Fernstern und Balkonen herab, Ehemänner, Söhne und Nachbarn legen ihnen die Einkäufe hinein. Dann wird das Körbchen wieder hochgezogen. Dabei wohne ich nur wenige Meter von der Istiklal entfernt, eine der westlichsten und größten Einkaufsstraßen Istanbuls.

Das Tempo in meinem Sprachkurs war schon in der ersten Woche zügig, der Lehrer sprach ausschließlich Türkisch. In fünf Tagen peitschte er uns durch Präsensformen, Plural und eine gefühlte Milliarde Vokabeln. Mich erinnerte das stark an meine Schulzeit. "Benim adm Sarah. Senin adin ne?" - Ich heiße Sarah. Wie heißt du?

In Woche zwei bricht die Kolumbianerin in Tränen aus

Im Kurs saßen Rumänen, Portugiesen, Kolumbianer, Chinesen, Koreaner, Briten und Ukrainerinnen. Fehler machten alle, manche viele, manche wenige. Ich gehöre definitiv zu denen, die viele machten. Das Wort der ersten Woche war für mich: "elma" - Apfel. Trotz Sprachkurs verzweifelte ich am Türkisch der Marktverkäufer. Denn was bringt die Frage "Ne kadar?" (Wie viel kostet das?), wenn ich die mir hingeschleuderte Antwort nicht verstehe?

"Eve" bedeutet "zum Haus", "evde" heißt "im Haus" und "evden" "vom Haus weg". Wenn ich mich nicht gerade mit der verflixten türkischen Grammatik rumschlug, ging ich auf Entdeckungstour. Mit Kopftuch habe ich die Blaue Moschee besucht, bin Hunderte Kilometer durch verwinkelte Gassen gelaufen, habe Çay und Ayran in mich reingepumpt, mir mit Raki einen Kater geholt und türkisch Karaoke gesungen. Nur einmal wurde ich unangenehm angemacht, als ich in einem ärmlichen Viertel allein unterwegs war.

In der zweiten Kurswoche brach die Kolumbianerin in Tränen aus, weil der Lehrer ihre Aussprache des punktlosen i kritisiert hat. Als der Damm gebrochen war, sprudelte es aus ihr heraus: Die Sprache sei scheiße, die Türkei sei scheiße, alles sei fremd. Sie vermisse ihre Heimat, ihre Familie. Die Aussprache war dabei wohl wirklich nur das i-Tüpfelchen, das ihren Zusammenbruch auslöste.

Unser strenger Lehrer kannte solche Szenen offenbar. Er sah unbewegt zu und ließ dann einen Schwall Türkisch auf uns niedergehen. Ich glaube, er sagte so etwas wie: Es sei nicht sein Problem, er gebe diesen Kurs seit 20 Jahren. Wir dürften nicht aufgeben und müssten weiter üben, anders ginge es nicht.

Istanbul macht "arabesk"

Die Menschen in meinem Kurs haben sehr unterschiedliche Geschichten. Da ist Tanja aus der Ukraine, die gerne hochhackige Stiefel und Glanzleggings trägt. Sie hat eine türkischen Ehemann und wollte darum die Sprache lernen. Sebastian, ein fröhlicher Brite, stellte die unmöglichsten Grammatikfragen, die uns anderen immer bewusst machten, dass er schon tiefer in die Materie eingedrungen ist. Margarita aus Russland war immer still und sehr schön. Mejit, der einer türkischen Minderheit in China angehört, spricht ein Türkisch, das wie Chinesisch klingt, und er fand in vier Wochen nicht heraus, wie er sein Handy auf lautlos stellt. Fernando aus Portugal, auf Jobsuche in der Türkei, erzählte, er werde immer abgelehnt, weil er zu wenig Türkisch kann. Der Südkoreaner und die Rumänin schmissen den Kurs nach kurzer Zeit. Ich hielt durch und mein Wort der zweiten Woche lautete: "hapsirmak" - niesen. Ich merkte es mir, weil es auch nach Niesen klingt: "haa-pschirr-mak".

Auf der asiatischen Seite Istanbuls traf ich Deniz, eine neue türkische Freundin. Mein Türkisch umfasste nur wenige Floskeln und einen Berg Grammatik, also sprachen wir Englisch. Deniz sieht die Politik ihres Landes sehr kritisch, wie so viele Türken, die ich hier kennengelernt habe. Sie erzählte, dass protestierende Studenten im Gefängnis landen und Geschichtsbücher umgeschrieben werden.

Fotostrecke

Erasmus-Studentin im türkischen Knast: Vorerst frei
Der Wandel stimme viele Leute "arabesk", sagt sie. Das ist eigentlich eine Bezeichnung für sentimentale Musik, die im heutigen Istanbul aber ein ganzes Lebensgefühl beschreibt: Das ist die nostalgische Schwermut der schnurrbärtigen Männer, die seufzend in ihre Teegläser starren und einer Welt nachtrauern, die es bald so nicht mehr gibt.

Nach vier Wochen Istanbul fühle auch ich mich "arabesk". Auf dem Markt verstehe ich zum ersten Mal den Verkäufer: "Baska?" Noch etwas? Ausgerechnet jetzt muss ich zurück nach Deutschland. Ich will wiederkommen. Vielleicht für Türkisch Level 2. Vielleicht auch einfach nur so.

Forum

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insgesamt 12 Beiträge
1. Istanbul
Layer_8 25.01.2013
Interessant ist's vielleicht auch "umgekehrt". Statt direkt aus Deutschland kommend, hab ich mal den Weg nach Istanbul über Ägypten, die jordanische Wüste, Damaskus und die ganze östliche Türkei gefunden. Am [...]
Zitat von sysopSarah LevyIstanbul ist ein Sehnsuchtsort, ein Mix aus Orient und vertrautem Europa. Sarah Levy zog für einen Monat zum Türkischlernen in die Stadt - und um dem deutschen Winter zu entfliehen. Sie fand Schnee am Bosporus, einen überaus strengen Lehrer und eine Metropole, die einem den Kopf verdreht. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/sprachkurs-in-istanbul-erfahrungsbericht-uebers-tuerkischlernen-a-879267.html
Interessant ist's vielleicht auch "umgekehrt". Statt direkt aus Deutschland kommend, hab ich mal den Weg nach Istanbul über Ägypten, die jordanische Wüste, Damaskus und die ganze östliche Türkei gefunden. Am ersten Abend dort landete ich in einer Bierbar, wo Eric Burdon's "Tobacco Road" lief. Und die "Kundschaft" dort waren fast alle Australier, aus Griechenland kommend. Das ist jetzt 25 Jahre her...
2.
shuggarcgn 25.01.2013
So so! Die Türken seien also pessimistisch über ihre politische Zukunft? Warum denn? Die AKP ist mittlerweile seit über 12 Jahren an der Macht und kann mit den demokratischsten Reformen in der türkisch-republikanischen [...]
Zitat von sysopSarah LevyIstanbul ist ein Sehnsuchtsort, ein Mix aus Orient und vertrautem Europa. Sarah Levy zog für einen Monat zum Türkischlernen in die Stadt - und um dem deutschen Winter zu entfliehen. Sie fand Schnee am Bosporus, einen überaus strengen Lehrer und eine Metropole, die einem den Kopf verdreht. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/sprachkurs-in-istanbul-erfahrungsbericht-uebers-tuerkischlernen-a-879267.html
So so! Die Türken seien also pessimistisch über ihre politische Zukunft? Warum denn? Die AKP ist mittlerweile seit über 12 Jahren an der Macht und kann mit den demokratischsten Reformen in der türkisch-republikanischen Geschichte glänzen. Weiterhin ist es ihr zu verdanken, dass nicht nur Portugiesen dort auf Arbeitssuche sind, sondern auch Deutschland eine Rückwanderung seiner verhassten Türken erfährt!!! Außerdem wird auch Deutschland von einem christianistischen Doppelgestirn geführt. Die neoliberale Politik gegen den kleinen Mann hat mittlerweile die größte Armut seit Nazi-Deutschland geschaffen, wieso beschwert sich hier niemand? Ach ja, "eine Erasmusstudentin" sei in der Türkei im Gefängnis gewesen. Nun, im Gegensatz zu z.B. Deutschland wo der eigene Nutzen über dem Terrorismusbegriff steht und damit die Willkür entscheidet, ist in der Türkei auch Terroristenpropaganda verboten, egal welchen Koleurs und das ist auch gut so, denn sonst wird allen voran im Westen nicht die Regierung in Ankara, sondern die PKK aus Brüssel als Ansprechpartner definiert, wie es Frankreich noch vor kurzem ganz offiziell vorgeführt hat. Ein schöner Artikel, dessen unterschwellige Propaganda allerdings doch zu offensichtlich ist, das kann doch SPON noch viel besser oder?...
3. optional
redant69 25.01.2013
Is ja ganz nett geschrieben und mehr kann man in I'bul in 4 Wochen auch nich wirklich kennenlernen. Aber für den Anfang und um einen ersten Einblick zu bekommen ist's ganz ok. Hab selbst 4 Jahre dort gelebt und gearbeitet, [...]
Is ja ganz nett geschrieben und mehr kann man in I'bul in 4 Wochen auch nich wirklich kennenlernen. Aber für den Anfang und um einen ersten Einblick zu bekommen ist's ganz ok. Hab selbst 4 Jahre dort gelebt und gearbeitet, gesehen hab ich schon weit mehr als viele Türken aber auch nich alles. Geht auch nicht, Istanbul ist dafür zuuu gross und mega Multi-Kulti. Aber wenn einen erstmal der Flair gepackt hat, dann fährt man immer wieder hin...und lernt auch Türkisch.
4. Istanbul ist nicht DIE Türkei
haschmixyz 25.01.2013
Kopf hoch, liebe Sarah. Nach einigen Wochen kommt eine Art Durchbruch beim Türkischlernen und danach versteht man die logisch aufgebaute Grammatik viel leichter. War selbst 24 Jahre in Istanbul tätig und habe auch viele Viertel [...]
Kopf hoch, liebe Sarah. Nach einigen Wochen kommt eine Art Durchbruch beim Türkischlernen und danach versteht man die logisch aufgebaute Grammatik viel leichter. War selbst 24 Jahre in Istanbul tätig und habe auch viele Viertel erwandert und durchstreift, allerdings nur bis 2001 und in den letzten 10 Jahren hat Istanbul noch einmal einen Riesensatz hingelegt - positiv oder negativ mag jeder selbst beurteilen. Liebe Sarah, geben Sich sich Mühe beim Erlernen der Sprache, viele viele kleine angenehme Erfahrungen im täglichen Leben werden es Ihnen danken. In Istanbul habe ich immer wieder erlebt, wie Einheimische einen Ausländer bewundern/bestaunen, der ihre angeblich so schwere Sprache beherrscht und es wird niemand ausgelacht, wenn er Sprachfehler macht ! Etliche Male haben Taxifahrer von mir kein Geld angenommen, weil ich mit ihnen immer gute Gespräche führen konnte - wenige andere haben auch versucht, mich zu übervorteilen. Sucuk ist eine stark gewürzte Wurst, meist mit viel Knofi, teils auch sehr scharf, und schmeckt am besten vom Grill (Mangal) beim Picknick (Türkisch: Piknik, ja so einfach ist das manchmal), lassen Sie sich von Einheimischen im Frühsommer oder Herbst zu solch einem Piknik mal einladen ! Und: Rakı ( i ohne Punkt !) trinken die Einheimischen mit Wasser verdünnt ( 1 : 3 oder 1 : 4 je wie man es verträgt) sonst hat man einen fürchterlichen Rausch. Weiterhin viel Spass beim Türkisch-Lernen und Istanbul erforschen wünscht Hans
5.
Hans Klopek 25.01.2013
Die Bildunterschrift zu Bild 3 der Fotostrecke von wegen "Schnee ist selten" ist komplett daneben, so viel und oft wie in Istanbul schneit es in ganz Deutschland nicht. Außerdem ist es schade, dass es kein Bild [...]
Zitat von sysopSarah LevyIstanbul ist ein Sehnsuchtsort, ein Mix aus Orient und vertrautem Europa. Sarah Levy zog für einen Monat zum Türkischlernen in die Stadt - und um dem deutschen Winter zu entfliehen. Sie fand Schnee am Bosporus, einen überaus strengen Lehrer und eine Metropole, die einem den Kopf verdreht. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/sprachkurs-in-istanbul-erfahrungsbericht-uebers-tuerkischlernen-a-879267.html
Die Bildunterschrift zu Bild 3 der Fotostrecke von wegen "Schnee ist selten" ist komplett daneben, so viel und oft wie in Istanbul schneit es in ganz Deutschland nicht. Außerdem ist es schade, dass es kein Bild von Margarita, der Russin in die Fotostrecke geschafft hat. "Immer still und sehr schön" - diese Kombination ist leider sehr selten bei Frauen.

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  • Sarah Levy
    Sarah Levy, 27, ist freie Autorin und absolvierte im Dezember einen Sprachkurs in Istanbul. Sie wohnt und arbeitet derzeit in Mannheim.

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