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30.01.2013
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Studieren online

Anwesenheitspflicht, adé

Von Christine Xuân Müller
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DPA

Studieren immer und überall: Viele deutsche Dozenten setzen inzwischen aufs Internet - und bieten mehr als nur Vorlesungen im Netz. Professoren twittern, Studenten diskutieren online oder lassen sich fernprüfen, berichtet das Hochschulmagazin "duz". Was noch fehlt, ist ein Geschäftsmodell.

An Deutschlands Hochschulen macht sich Goldgräberstimmung breit. Grund dafür ist ein alter Bekannter: das Internet. Nach jahrelangen E-Learning-Experimenten haben Hochschulen nun die soziale Komponente der Online-Welt für sich entdeckt. Vorlesungen, Seminare, Kurse werden kombiniert mit neuen Medien und sozialen Netzwerken. Das ist nicht nur interaktiv, es könnte auch eine völlig neue Dimension für die Hochschullehre bedeuten.

Von einem "radikalen" Veränderungsprozess für die akademische Ausbildung spricht etwa die Leuphana-Universität in Lüneburg. Seit Januar hat sie eine eigene "Digital School" im Lehrportfolio. Das ist eine Online-Plattform, auf der Studieninhalte und Lehrmaterialien speziell für Teilnehmer im Internet aufbereitet und präsentiert werden. Für Studierende soll es so möglich sein, weltweit von jedem Ort zu jeder Zeit kostenlos Zugang zum Studienangebot der Hochschule haben zu können. Präsenzveranstaltungen vor Ort sind nicht notwendig. Der Kontakt zum Professor, Vorlesung, Nachfragen, Tests, Teamarbeit zu bestimmten Aufgaben - all das läuft online ab.

Für den öffentlichkeitswirksamen Start des digitalen Lehrangebots schickte die Leuphana denn auch ihr bekanntestes Zugpferd ins Rennen: Stararchitekt Daniel Libeskind leitet den ersten Online-Kurs, der sich mit dem Thema "ThinkTank - Ideal City of the 21st Century" beschäftigt. Teilnehmer, die durchhalten, können Ende April eine Prüfung ablegen und sich teilweise auch ECTS-Punkte anrechnen lassen.

An der Leuphana setzt man große Erwartungen in die neue interaktive Lehrform. Denkbar sei, künftig nicht nur Kurse, sondern ganze Online-Studiengänge anzubieten, betont Vizepräsident Holm Keller. Die Lüneburger sehen sich als Vorreiter, und Keller betont selbstbewusst, die Leuphana sei damit die "erste deutsche Universität, die ihre digitalen Angebote in einer eigenen Einrichtung bündelt".

Mehr als 13.000 Teilnehmer aus mehr als 100 Ländern

Doch interaktive Lehrangebote gibt es vielerorts in Deutschland. Eine prominente Vorreiterrolle nimmt etwa das Hasso-Plattner-Institut (HPI) der Universität Potsdam ein. Hier war bereits im September vergangenen Jahres der erste kostenlose offene Online-Kurs gestartet - im Technikjargon spricht man auch von Moocs (Massive open online courses). Das englischsprachige Lehrangebot richtete sich an IT-Profis weltweit, die mehr zu einer neuartigen Datenbanktechnologie, dem In-Memory-Data-Management, wissen wollten.

Auch beim HPI stand ein bekannter Name hinter dem interaktiven Lehrangebot: Der Mitbegründer und Aufsichtsratsvorsitzende des Softwarekonzerns SAP, Hasso Plattner, leitete den achtwöchigen Kurs. Was der IT-Guru zu sagen hatte, interessierte viele. Mehr als 13.000 Teilnehmer aus mehr als 100 Ländern wurden registriert.

Der zweite Kurs - gehalten vom heutigen HPI-Chef Professor Christoph Meinel zur Frage, wie das Internet funktioniert - startete im November mit circa 10.000 Teilnehmern. 2700 nahmen nach HPI-Angaben intensiv teil. Knapp 1700 erhielten Ende Januar ein Abschlusszertifikat. Der dritte Kurs beginnt Anfang Februar.

Die Hochschule 2.0 nimmt Fahrt auf. Im Fokus stehen dabei speziell Formate wie Moocs. Sie könnten die Hochschulwelt revolutionieren, glauben Experten. Ein anderes aktuelles Beispiel: Die IMC AG aus Saarbrücken hat gerade die hochschulübergreifende Plattform www.opencourseworld.de gestartet.

"Nachdem ich das erlebt hatte, konnte ich nicht zurück"

Inspirieren ließen sich HPI und Leuphana zweifellos von den jüngsten Entwicklungen an US-Universitäten. Auch sie versuchen, weltweit Studierende mit interaktiven Lehrangeboten zu rekrutieren. Als wichtigster Innovationstreiber gilt die private Online-Akademie Udacity, die von dem gebürtigen Deutschen und ehemalige Stanford-Professor Sebastian Thrun 2012 gegründet wurde.

Thrun hatte die Lehrmaterialien für seine "Einführung in Künstliche Intelligenz" als Online-Kurs angeboten und auf Anhieb rund 160.000 Kursteilnehmer aus 190 Ländern gewonnen. "Nachdem ich das erlebt hatte, konnte ich nicht nach Stanford zurückkehren", sagte Thrun auf der "Digital Life Design"(DLD)-Konferenz in München vor rund einem Jahr. Er ließ sich von seinen Lehrverpflichtungen entbinden und gründete Udacity. Inzwischen zählt die Plattform rund 400.000 registrierte Studierende.

Im Laufe des vergangenen Jahres kamen mächtige Konkurrenten hinzu: Das Massachusetts Institute of Technology und die Uni Harvard haben zusammen die Online-Lehrplattform edX gestartet, für die sich bislang 350.000 Studierende eingeschrieben haben. Thruns ehemalige Stanford-Kollegen gründeten zudem die Plattform Coursera, die bereits nach einem halben Jahr 1,7 Millionen Einschreibungen in diversen Kursen verbucht. All diese Angebote sind vorerst gratis. Angesichts des enormen Zulaufs spricht Stanford-Präsident Professor John Hennessy davon, dass auf die Hochschulen ein "digitaler Tsunami" zukomme.

Im Vergleich dazu wirken die deutschen Initiativen bescheiden. Doch auch hier werden die Chancen des digitalen Umbruchs erkannt: Internetkurse ermöglichen der Hochschulbildung eine Reichweite, an die ohne Web 2.0 nicht zu denken war. Auch können Hochschulen über Online-Angebote völlig neue Zielgruppen, etwa wissbegierige Schüler oder an akademischer Weiterbildung interessierte Berufstätige, erreichen. Vor diesem Hintergrund tüfteln die ersten Hochschulmanager bereits an möglichen Geschäftsmodellen für interaktive Online-Kurse.

Forum

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insgesamt 14 Beiträge
1.
gog-magog 30.01.2013
Interessant ist, wie die Leuphana sich selbst für überflüssig erklärt und ihre eigene Abschaffung betreibt. Die Sparkommissare in den Politbüros wirds sehr freuen.
Zitat von sysopStudieren immer und überall: Viele deutsche Dozenten setzen inzwischen aufs Internet - und bieten mehr als nur Vorlesungen im Netz. Professoren twittern, Studenten diskutieren online oder lassen sich fernprüfen, berichtet das Hochschulmagazin "duz". Was noch fehlt, ist ein Geschäftsmodell. Deutsche Hochschulen online: Mehr als Vorlesung im Netz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/deutsche-hochschulen-online-mehr-als-vorlesung-im-netz-a-879736.html)
Interessant ist, wie die Leuphana sich selbst für überflüssig erklärt und ihre eigene Abschaffung betreibt. Die Sparkommissare in den Politbüros wirds sehr freuen.
2. saubere Recherche
ZeroOne84 30.01.2013
Liebe Redaktion.. Wenn sie schon über einen mit Computern besetzten Lehrraum berichten, dann wählen sie bitte von der Uni Magdeburg kein Bild aus der Bibliothek aus. Das ist irgendwie verzerrend.
Liebe Redaktion.. Wenn sie schon über einen mit Computern besetzten Lehrraum berichten, dann wählen sie bitte von der Uni Magdeburg kein Bild aus der Bibliothek aus. Das ist irgendwie verzerrend.
3. Geld, Geld, Geld...
dunham 30.01.2013
...nichts zählt mehr oder ist etwas wert, außer es fließt Geld in irgendjemandes Tasche. Ich meine, hey, die Universitäten sind das Eigentum der Steuerzahler oder? Genau wie ARD und ZDF und ihre Abkömmlinge ohne Steuergelder nie [...]
...nichts zählt mehr oder ist etwas wert, außer es fließt Geld in irgendjemandes Tasche. Ich meine, hey, die Universitäten sind das Eigentum der Steuerzahler oder? Genau wie ARD und ZDF und ihre Abkömmlinge ohne Steuergelder nie so riesig geworden wären. Da haben wir alle zusammen uns etwas geschenkt. Nun haben sie die Chance, uns etwas dafür zurück zu geben. Freie Vorlesungen auf Youtube, freie Sendungen in den Mediatheken, kostenlose eBooks in den Büchereien. Aber - moment mal - da hält doch schon wieder jemand die Hand auf, um am Volkseigentum zu verdienen. Kann die nicht mal jemand aufklären, wer sie eigentlich sind und was sie in wessen Auftrag tun? DH
4. alles oo neu..
zelema030 30.01.2013
das nennt man Schlafmützenjournalismus... - 1999 FU Berlin war es bereits möglich das Gehörte und gesehene sich nochmals im Internet anzuhören bzw zu sehen Stichwort Whiteboard. Seitdem habe ich diverse Unis besucht (Ok immer [...]
das nennt man Schlafmützenjournalismus... - 1999 FU Berlin war es bereits möglich das Gehörte und gesehene sich nochmals im Internet anzuhören bzw zu sehen Stichwort Whiteboard. Seitdem habe ich diverse Unis besucht (Ok immer Informatikschiene) und es gab immer eine Möglichkeit des Onlinestudiums was ist speziell neu das damit Werbung gemacht wird? In jedem Fall kann ich berichten das ich es nicht so gut finde denn es setzt totale Selbstkontrolle vorraus und dieses alleine Zuhause lernen isoliert natürlich schon diese ach so kontaktfreudigen Informatiker. - I
5.
zelema030 30.01.2013
Rischtisch, Sie haben Recht, jeder weiss das aber es glänzt soooo schön, mein Schatz.
Zitat von dunham...nichts zählt mehr oder ist etwas wert, außer es fließt Geld in irgendjemandes Tasche. Ich meine, hey, die Universitäten sind das Eigentum der Steuerzahler oder? Genau wie ARD und ZDF und ihre Abkömmlinge ohne Steuergelder nie so riesig geworden wären. Da haben wir alle zusammen uns etwas geschenkt. Nun haben sie die Chance, uns etwas dafür zurück zu geben. Freie Vorlesungen auf Youtube, freie Sendungen in den Mediatheken, kostenlose eBooks in den Büchereien. Aber - moment mal - da hält doch schon wieder jemand die Hand auf, um am Volkseigentum zu verdienen. Kann die nicht mal jemand aufklären, wer sie eigentlich sind und was sie in wessen Auftrag tun? DH
Rischtisch, Sie haben Recht, jeder weiss das aber es glänzt soooo schön, mein Schatz.

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Flipped Classroom
Flipped Classroom oder auch inverted classroom heißt soviel wie "umgedrehter Unterricht". Hausaufgaben und Unterricht vertauschen hier die Reihenfolge. Studenten schauen sich den Lehrinhalt zu Hause online an. Bereitgestellt werden etwa Vorlesungsvideos, Material und Aufgaben. So vorbereitet treffen sie später real auf den Dozenten, der dann, statt einen Vortrag zu halten, zielgerichtete Fragen stellt und mit den Studenten das Thema diskutiert.
Microlearning
Microlearning ist das Lernen in kleinen Einheiten und kurzen Schritten. Insbesondere netzgestützte Anwendungen sind damit gemeint. Kleine Informationseinheiten und Testfragen werden über den Computer oder via App aufs Smartphone oder Tablet vom Server abgerufen. Die Software beobachtet den individuellen Lernfortschritt und passt die Fragestellungen an den Nutzer an.
Mooc (Massive open online courses)
Mooc (Massive open online courses) sind interaktive Online-Kurse mit offenem Zugang und unbegrenzter Teilnehmerzahl. Meist richten sie sich nicht nur an klassische Studenten an verschiedenen Hochschulen, sondern auch an neue Zielgruppen wie Schüler oder Berufstätige. Sie bieten die Möglichkeit, Hochschullehre zu bezahlbaren Konditionen im Internet anzubieten.
P2PU
P2PU steht für Peer-to-Peer-University. Das ist eine kleinere Online-Initiative, die ähnlich wie die großen Moocs arbeitet, allerdings mit weniger Geld ausgestattet ist und auf viel Eigeninitiative und Idealismus basiert. So kann hier nicht nur jeder kostenlos an Kursen teilnehmen, sondern auch selber welche anbieten. Siehe: Website der P2PU - Peer-to-Peer-University

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