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02.02.2013
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Plagiatsvorwürfe gegen Schavan

"Jeder wusste, wie zu zitieren ist"

Von Jan Friedmann und
dapd

Bildungsministerin Schavan: Vorsätzliche Plagiate oder ein Versehen?

Die Plagiatsvorwürfe gegen Bildungsministerin Annette Schavan werden immer noch geprüft. Dabei spielt Fachliteratur zu Zitierweisen aus den Siebzigern eine wichtige Rolle. Die Erkenntnis: Die Vorgaben waren damals so streng wie heute.

Die "Düsseldorfer Materialien zum Studium der Erziehungswissenschaft 1" waren schon bei ihrem Erscheinen 1978 kein Stoff, den sich ein Leser freiwillig vornahm. Die Reihe sollte angehenden Pädagogen zum Beispiel bei der "Anfertigung von Seminararbeiten" helfen. Die verlegende Buchhandlung Bierbaum ist pleite, ihre Schriften aber finden neuerdings wieder großes Interesse - bei all denjenigen, die sich für die Doktorarbeit Annette Schavans interessieren. Und für die Frage, ob sie vor über 30 Jahren für ihre Dissertation im Fach Erziehungswissenschaft abgeschrieben hat oder nicht.

In der Debatte wird abgewogen, wo absichtliches Abschreiben beginnt und was noch als Zurückhaltung beim Verwenden von Anführungszeichen durchgeht. Die Bierbaum-Handreichung liefert hier Hilfestellung von erfrischender Klarheit: "Wer gegen die Zitierpflicht verstößt, verletzt nicht nur das Gebot der intellektuellen Redlichkeit", heißt es dort. Oder: In wissenschaftlichen Beiträgen sei es selbstverständlich, "alle wörtlichen und sinngemäßen Entlehnungen aus fremden Texten kenntlich zu machen", und zwar "mit einer genauen Quellenangabe".

Einer der Herausgeber des Bandes ist Schavans Doktorvater Gerhard Wehle. Die Regeln seien "in unserem Institut bis in die Gegenwart immer wieder vervielfältigt und verbreitet worden", bestätigt ein anderer Herausgeber, Hartmut Steuber. Seit neun Monaten prüfen die zuständigen Gremien die Dissertation der heutigen Bundesbildungsministerin auf Plagiate. Am Dienstag befindet der Fakultätsrat erneut über den Fall. Ob die CDU-Politikerin ihren Titel behalten darf, ist ungewiss.

"Jeder wusste, wie zu zitieren ist"

Dabei spielen nun auch entlegene Fachbücher zu Zitierweisen wissenschaftlicher Arbeit aus der Entstehungszeit der Promotion eine Rolle. Das Verfahren nimmt den Charakter einer fachhistorischen Exegese an. Schavan hat an mehreren Stellen Fußnoten und Anführungsstriche weggelassen, wo sie hätte welche anbringen sollen, so viel ist klar. Nun muss der Fakultätsrat entscheiden, ob diese Mängel gravierend genug sind, um den Grad abzuerkennen. Der Prüfer der Universität hatte sogar eine "plagiierende Vorgehensweise" und eine "leitende Täuschungsabsicht" erkannt - ein weitreichender Vorwurf.

Schavan selbst räumt bislang nur entschuldbare Flüchtigkeitsfehler ein, einige ihrer Unterstützer aus der Wissenschaft erklärten, unklar abgegrenzte Zitate seien 1980 in den Erziehungswissenschaften keine Seltenheit gewesen. "Das entspricht dem damaligen Zitationsstil", sagte der emeritierte Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers (SPIEGEL 4/2013). In den siebziger und achtziger Jahren sei es durchaus üblich gewesen, auch Paraphrasen außerhalb der ausgewiesenen Zitate zu verwenden. Weitere ältere Wissenschaftler argumentierten ähnlich. Der Bonner Philosophie-Emeritus Ludger Honnefelder sprach in der "Zeit" von einer "Regelung, die in geisteswissenschaftlichen Disziplinen der Nachkriegsjahrzehnte wie der Pädagogik häufig anzutreffen ist". Die Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth und Helmut Fend verwiesen dort auf den "spezifischen Gattungscharakter" und forderten, die "gesamten Komposition der Arbeit" zu würdigen.

Doch inzwischen mehren sich Stimmen von Erziehungswissenschaftlern, die die Regeln ihrer Disziplin hochhalten - vergangene Woche etwa ein halbes Dutzend im Berliner "Tagesspiegel". Auch Vertreter des Pädagogikfachs aus Schavans Alma Mater Düsseldorf verweisen auf geltende Standards. "Zwar arbeiteten wir damals stärker referierend, doch wusste jeder, wie zu zitieren ist", sagt Gisela Miller-Kipp, die auf ihrem Lehrstuhl Schavans Doktorvater nachfolgte. "Es gab dazu an den Universitäten Einführungsveranstaltungen, auch in Düsseldorf." Hilfsmittel wie elektronische Literaturverwaltungsprogramme habe es damals nicht gegeben, sagt ihr Kollege Steuber vom selben Fachbereich, der später eine solche Software mit entwickelt hat. "Man musste sehr penibel mit Karteikarten und Exzerpten arbeiten, wenn man keine Fehler machen wollte. Das heißt aber nicht, dass grobe Schludrigkeiten damit entschuldigt werden könnten und nicht einmal peinlich sind."

Herausgeber plädiert für scharfe Kritik, aber keine Aberkennung

Kaum Spielraum lassen auch andere zeitgenössische Anleitungen für wissenschaftliches Arbeiten, wie der von Winfried Böttcher und Johannes Zielinski, erschienen 1973: Zitieren aus zweiter Hand sei in "Dissertationen, Diplomarbeiten, Staatsexamensarbeiten und Habilitationen strikt zu vermeiden". In einer Einführung von Gundolf Seidenspinner aus dem Jahr 1971 heißt es: "Ungenaue und zu großzügig wiedergegebene Zitate bringen den Verfasser einer Arbeit leicht in den Verdacht wissenschaftlicher Unredlichkeit und Manipulationen."

Eine Hochschul- oder Fachkultur der Ungenauigkeit, auf die sich einige Verteidiger Schavans berufen, hat es demnach wohl nie gegeben. Trotzdem muss die Bundesbildungsministerin ihren Titel nicht unbedingt verlieren. "Ich finde es arg untertrieben, wenn Frau Schavan von Flüchtigkeitsfehlern spricht, und arg übertrieben, wenn ihr gezielte Täuschungsabsicht unterstellt wird", sagt Steuber. Er plädiert dafür, "das Vorgehen Schavans scharf zu kritisieren, damit niemand sich ermutigt fühlt, es ihr nachzumachen", gleichzeitig solle man die Politikerin aber "für ihre Jugendsünden begnadigen". Formal würde eine solche Lösung bedeuten, Schavan den Titel zu belassen, aber die Mängel offiziell festzustellen.

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insgesamt 51 Beiträge
1. Oh, dieser Deutsch!
Kaiserstuhlwinzer 02.02.2013
Zitat:"...sagt Gisela Müller-Kipp, die auf i h r e m Lehrstuhl Schavans Doktorvater nachfolgte." (Fettdruck von mir) Also Frau Müller Kipp folgte Schavans Doktorvater auf s e i n e m Lehrstuhl nach. Genau [...]
Zitat:"...sagt Gisela Müller-Kipp, die auf i h r e m Lehrstuhl Schavans Doktorvater nachfolgte." (Fettdruck von mir) Also Frau Müller Kipp folgte Schavans Doktorvater auf s e i n e m Lehrstuhl nach. Genau diese "Verwechselung" zwischen "mein" und "sein" ist Frau Schavan vorzuwerfen. Aber das ist inzwischen ja so allgegenwärtig, daß auch die SPON-Schreiber garnicht mehr merken, wem was zuzuordnen ist. (siehe auch Artikel über den neuen Düsenjäger des Iran: "Biden forderte die Regierung in Teheran auf über s e i n Atomprogramm zu reden"). Ogottogott!
2.
1berliner 02.02.2013
Ich fände den Vorschlag von Herrn Prof. Steuber gar nicht so schlecht. Das Verfahren hat so viel Porzellan zerschlagen, es war so umstritten - da wäre die Lösung, das Fehlverhalten festzustellen, aber offiziell Mängel [...]
Ich fände den Vorschlag von Herrn Prof. Steuber gar nicht so schlecht. Das Verfahren hat so viel Porzellan zerschlagen, es war so umstritten - da wäre die Lösung, das Fehlverhalten festzustellen, aber offiziell Mängel festzustellen vielleicht nicht die schlechteste. Dann würde keiner das Gesicht verlieren, und es wäre ob der Verfehlungen von Frau Schavan (wir erinnern uns: bei VroniPlag gab es keine Mehrheit für die Veröffentlichung) wäre das auch eine angemessene Strafe.
3. ja
gesell7890 02.02.2013
das wußten wir sogar in der ddr...laßt ihr doch den dr.: eine wissenschaftsministerin, die nicht die einfachsten wissenschaftlichen regeln einhalten kann - ist sie nicht beispielhaft und pars pro toto (frau schavan, gucken sie in [...]
das wußten wir sogar in der ddr...laßt ihr doch den dr.: eine wissenschaftsministerin, die nicht die einfachsten wissenschaftlichen regeln einhalten kann - ist sie nicht beispielhaft und pars pro toto (frau schavan, gucken sie in die wikipedia, wenn sie's nicht verstehen) für die ganze politikergarde, die da seit jahren diäten frißt?
4. Nachtrag
1berliner 02.02.2013
An der TU Berlin ist übrigens gerade ein Plagiats-Verfahren zu einem ähnlichen Abschluss gekommen http://www.pressestelle.tu-berlin.de/medieninformationen/2013/januar_2013/medieninformation_nr_92013/ Und hier stellte VroniPlag [...]
An der TU Berlin ist übrigens gerade ein Plagiats-Verfahren zu einem ähnlichen Abschluss gekommen http://www.pressestelle.tu-berlin.de/medieninformationen/2013/januar_2013/medieninformation_nr_92013/ Und hier stellte VroniPlag auf gut 30% der Seiten Textübernahmen fest (z.T. echtes copy & paste)
5. Einfach nur mal so...
jrnewdel 02.02.2013
Als ich Anfang der 80er Jahre an der Uni Mainz zu studieren begann, gab es bereits im Pro-Seminar eine Literaturliste, auf der sich folgender Titel befand: "Die Form der wissenschaftlichen Arbeit" von Standop/Meyer. Das [...]
Als ich Anfang der 80er Jahre an der Uni Mainz zu studieren begann, gab es bereits im Pro-Seminar eine Literaturliste, auf der sich folgender Titel befand: "Die Form der wissenschaftlichen Arbeit" von Standop/Meyer. Das Buch gibt es in aktualisierter Form auch heute noch und darin sind unter anderem die Zitierregeln aufgeführt. Ich nehme an, dass dieses Handbuch auch in Düsseldorf erhältlich war, weshalb es für mich nur eines geben kann - Frau Schavan den Doktortitel aberkennen.

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