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05.02.2013
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Aberkennung des Doktortitels

Schavan kämpft gegen die Höchststrafe

Von Jörg Diehl und Oliver Trenkamp, Düsseldorf und Berlin

Annette Schavan soll ihren Doktorgrad verlieren. Mit großer Mehrheit votierte der zuständige Fakultätsrat für den Titelentzug - sie habe in ihrer Dissertation "systematisch und vorsätzlich" getäuscht. Die Ministerin kündigte prompt eine Klage an. Es ist der Versuch, sich im Amt zu halten.

Der Mann, der vor das Dutzend Kameras tritt, ist kein besonderer Fan der Moderne. Zumindest beruflich hat sich Bruno Bleckmann hauptsächlich mit längst vergangenen Zeiten beschäftigt. Der Althistoriker promovierte einst über "Die Reichskrise des 3. Jahrhunderts" und habilitierte sich über den Peloponnesischen Krieg. Die letzten Wochen jedoch beschäftigte sich der Düsseldorfer Professor immer wieder mit einem Vorgang, der für seine Verhältnisse geradezu lächerlich gegenwärtig ist - mit der 1980 vorgelegten Dissertation der heutigen Bundesbildungsministerin Annette Schavan, Titel: "Person und Gewissen".

Es ist 20.18 Uhr, als Bleckmann am Dienstagabend durch die Verbundglastür schreitet, über der "Dekanat der Philosophischen Fakultät" steht. Er tritt an die Mikrofone und beginnt: Der Fakultätsrat habe die Entscheidung getroffen, sagt Bleckmann in das Rattern der Fotoapparate hinein, "die schriftliche Promotionsleistung von Frau Schavan für ungültig zu erklären und ihr den Doktorgrad zu entziehen".

Auf der Grundlage eines hausinternen Gutachtens und der Stellungnahme der Ministerin habe das Gremium sich mit zwölf Ja-Stimmen, zwei Nein-Stimmen und einer Enthaltung zu diesem Schritt entschlossen. "Die damalige Doktorandin hat systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgegeben, die sie nicht selbst erbracht hatte", so Bleckmann (hier die Erklärung im Wortlaut). In bedeutendem Umfang seien Texte übernommen worden, ohne sie zu kennzeichnen. Das erfülle den "Tatbestand der vorsätzlichen Täuschung durch Plagiat".

"Eine Täuschung hat es nicht gegeben", so Schavans Anwälte

Was der Dekan verkündet, ist die Höchststrafe für Schavan. Allein der Verdacht hatte ihr zu schaffen gemacht, sie "im Kern getroffen", wie sie einmal sagte. Stets hatte sie jeden Plagiatsvorwurf bestritten, lediglich "Flüchtigkeitsfehler" eingeräumt. So ließ sie ihre Anwälte denn auch schnell ankündigen, vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf gegen den Titelentzug zu klagen: "Eine Täuschung hat es nicht gegeben", heißt es in einer Stellungnahme der von der Ministerin beauftragten Kanzlei.

Fotostrecke

Bildungsministerin im Titelkampf: Der Fall Schavan
Doch die Uni-Prüfer waren sich sehr sicher - und weitestgehend einig. Bleckmanns Angaben zufolge hielt der Fakultätsrat es nicht für notwendig, ein externes Gutachten zu der Dissertation in Auftrag zu geben. Das hatten Schavan und ihre Unterstützer aus Politik und Wissenschaft zuvor immer wieder gefordert.

Auch sei es nicht so, wie Schavan argumentiere, dass zur Entstehungszeit der Arbeit andere Zitierweisen üblich gewesen seien, sagt Bleckmann. Es handele sich bei der Entscheidung also nicht um eine "Rückprojektion heutiger Standards in die damalige Zeit". Er weist auch darauf hin, dass es schon damals "einschlägige Leitfäden und Handreichungen" gab, die das korrekte Zitieren erklärten. Eine wurde, das war in den vergangenen Tagen öffentlich geworden, sogar von ihrem Doktorvater herausgegeben.

Bei der Überlegung, wie die wissenschaftliche Fehlleistung zu ahnden sei, habe der Fakultätsrat dann abwägen müssen, so Bleckmann. Zugunsten Schavans sei zu berücksichtigen gewesen, dass die Promotion lange zurückliege und sie im Falle eines Titelentzugs keinen Studienabschluss habe. Andererseits: "Die Qualität und der Umfang der festgestellten Plagiatsstellen" und das "öffentliche Interesse am Schutz der Redlichkeit wissenschaftlichen Qualifikationserwerbs" wogen ebenfalls schwer, sagt Bleckmann. Die Entscheidung werde der Betroffenen nun zugestellt.

Schavans Anwälte hingegen argumentieren, das ganze Verfahren sei "fehlerhaft" und "materiell rechtswidrig", die Entscheidung "unverhältnismäßig": "Die gemessen am Umfang der Doktorarbeit und ihrer Literaturnachweise geringfügige Zahl behaupteter Zitierverstöße, die sich zudem fast alle im referierenden Teil der Arbeit befinden, rechtfertigen die Rücknahme der Promotion unserer Mandantin nicht."

Politisch dürfte es jetzt schwer werden für Schavan, sie muss um ihr Amt fürchten. Ihr damaliger Kabinettskollege Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) war nach dem Verlust seines Doktortitels zurückgetreten. Auch wenn die Fälle unterschiedlich gelagert sind: Schon jetzt gibt es erste Rücktrittsforderungen - sowohl von verschiedenen Hochschulgruppen als auch aus der Berliner Politik. So ist bei Grünen, Linken und Piraten zu hören, dass Schavan nicht mehr zu halten sei.

Die Ministerin selbst erfuhr in Pretoria von dem Votum der Uni, Tausende Kilometer entfernt. Sie hatte die Reise angetreten, obwohl die Düsseldorfer Entscheidung drohte - die politischen Gespräche in Südafrika waren lange vorbereitet. Dasselbe gilt offenbar auch für die Erklärung ihrer Anwälte, die nur wenige Minuten nach dem Statement des Dekans veröffentlicht wurde. Schavans Botschaft ist klar: Sie will weiter gegen den Titelentzug kämpfen.

Forum

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insgesamt 207 Beiträge
1. Tja,
kalle_lutz 05.02.2013
das ist ja noch peinlicher wie die Affäre um den guten KTzG, der ist wenigstens Gegangen. Was mich Interessiert ist, wer den wohl die Gerichtsverhandlung bezahlt.
Zitat von sysopAnnette Schavan soll ihren Doktorgrad verlieren. Mit großer Mehrheit votierte der zuständige Fakultätsrat für den Titelentzug - sie habe in ihrer Dissertation "systematisch und vorsätzlich" getäuscht. Die Ministerin kündigte prompt eine Klage an. Es ist der Versuch, sich im Amt zu halten. Uni Düsseldorf entzieht Schavan den Doktortitel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/uni-duesseldorf-entzieht-schavan-den-doktortitel-a-881688.html)
das ist ja noch peinlicher wie die Affäre um den guten KTzG, der ist wenigstens Gegangen. Was mich Interessiert ist, wer den wohl die Gerichtsverhandlung bezahlt.
2. Klage
Tottiso 05.02.2013
Dann soll die selbstgerechte, realitätsverlustige Selbstgefälligkeit, mit all Ihrer Selbstherrlichkeit doch klagen. Demut, Respekt, Achtung und Bescheidenheit sehen anders aus, ganz anders.
Dann soll die selbstgerechte, realitätsverlustige Selbstgefälligkeit, mit all Ihrer Selbstherrlichkeit doch klagen. Demut, Respekt, Achtung und Bescheidenheit sehen anders aus, ganz anders.
3. Zeit zum Fremdschämen!
gbk666 05.02.2013
Für Frau Doktor Angela Merkel die dasbeste Kabinett aller Zeiten zusammenstellte!
Für Frau Doktor Angela Merkel die dasbeste Kabinett aller Zeiten zusammenstellte!
4. Immer im Februar
cassandros 05.02.2013
Unmöglich! Wenn sie nicht freiwillig geht, muss Merkel sie entlassen. Das ist jetzt ein ebenso nichtswürdiges Herumwinden wie im Fall Guttenberg.
Zitat von sysopDie Ministerin kündigte prompt eine Klage an. Es ist der Versuch, sich im Amt zu halten.
Unmöglich! Wenn sie nicht freiwillig geht, muss Merkel sie entlassen. Das ist jetzt ein ebenso nichtswürdiges Herumwinden wie im Fall Guttenberg.
5. Gut für den
prof.blaubär 05.02.2013
Wissenschaft-Standort Deutschland, desaströs für Frau Schavan. Es zeigt sich, dass Professoren auch unter großem öffentlichen Druck nicht zwangsläufig umfallen. Das ist gut so.
Wissenschaft-Standort Deutschland, desaströs für Frau Schavan. Es zeigt sich, dass Professoren auch unter großem öffentlichen Druck nicht zwangsläufig umfallen. Das ist gut so.

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