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21.09.2001
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Glosse "Elfenbeinturm, 1. Stock"

Die Examenskandidaten

Von Philipp Köster

Auf jeden Menschen warten harte Prüfungen: Ehe, Gespräche mit dem Chef wegen Gehaltserhöhung, Schwiegermütter, Einkaufen mit Kind. Aber kaum eine Prüfung fordert so den ganzen Menschen wie das universitäre Examen.

Sie hatten sich noch einmal getroffen, wie damals im Studium. Hier ganz am Rande des Biergartens hatten sie immer gesessen und davon erzählt, was sie wohl nach dem Studium machen würden. Christian, der zum Fernsehen wollte und in der Schule gelandet war. Ulf, der noch immer keinen Job als Mathematiker gefunden hatte, und Andrea, die Pädagogik studiert hatte und mittlerweile im Kindergarten arbeitete. "Wisst ihr noch, das Examen?", fragte Christian, hob sein Glas in die Runde und erinnerte sich.

Erst hatte er nämlich gelacht. Über die Narren, die sich schon Monate vorher verrückt machten. Die sich nach der Anmeldung im Wohnheim kasernierten, bei Kunstlicht und Beuteltee. Er dagegen blieb ganz locker. Achtzig Seiten in vier Wochen, das würde klappen. Plötzlich waren es nur noch drei Wochen, zwei Wochen, eine Woche. Und noch dreißig Seiten. Anruf bei Ulf. Er sollte kommen und helfen. Er hatte geweint am Telefon. Noch drei Tage. Nachtschichten. Der Tag der Abgabe. Noch immer fehlten fünf Seiten, und wo war die Einleitung? Blanke Nerven. Im Laufschritt zum Copy-Shop, dort verkündete ein Schild: Betriebsferien. Zur Konkurrenz. Kopieren, binden lassen. Schneller, schneller.

Zum Examen wie David Bowie zum Hit?

Drei vor zwölf fiel die Kladde in den Postkasten des Prüfungsamtes. Christian hatte schwer geatmet und dann zu Ulf gesagt: "Hab' ich doch immer gesagt. Nicht verrückt machen lassen."

Auch Ulf musste grinsen, als Christian das erzählte, und dachte an sein eigenes Examen. Er hatte gewusst, mit normalen Mitteln war das nicht zu schaffen. Dann hatte er gelesen, dass David Bowie unter Drogeneinfluss eines seiner berühmten Lieder geschrieben hatte. Warum nicht auch eine Examensarbeit? Also hatte er experimentiert. Mit der Duftlampe aus dem Asia-Shop. Mit den Pillen, die sein Mitbewohner aus Peru mitgebracht hatte. Und mit dem Kraut, das nachmittags in der Küche herumlag. Das hatte er sich in seine Filterzigarette gestreut und an ihr gezogen, oft und lange. Erst hatte er nichts gemerkt, plötzlich aber war es richtig abgegangen. Eine Reise in fremde Galaxien. Fünf Stunden lang hatte er Luftgitarre gespielt, dann setzte er sich an den Computer und schrieb drauf los. Drei Minuten später war er eingeschlafen. Als er wieder zu sich kam, hörte er die Stimme seines Mitbewohners. Der suchte in der Küche verzweifelt den getrockneten Wirsing, den seine Mutter mitgebracht hat.

Ablenkungstherapie Gardinen waschen

Wirsing. Andrea schüttelte sich und schauderte beim Gedanken an ihr Examen. Sie war jeden Morgen früh aufgestanden und hatte sich an den Schreibtisch gesetzt. Weil sie lernen musste, für die Klausuren und die mündlichen Prüfungen. Sie hatte sich noch einmal die Studienordnung durchgelesen und beinahe deswegen den Anfang vom "Landarzt" verpasst, die alten Folgen wurden gezeigt, als Christian Quadflieg noch Doktor war.

Und gleich anschließend wurden die "Wicherts von nebenan" wiederholt, mit Schnuppe, dem Zimmergolf spielenden Herrn Tenstag und der Möbelunion. Am frühen Nachmittag hatte sie schließlich wieder am Schreibtisch gesessen und eine halbe Stunde lang die Bücher und Papiere sortiert.

Dann war ihr Blick auf die Gardinen gefallen. Mussten auch mal wieder gewaschen werden. Schnell hatte sie auch noch die Fliesen im Bad geputzt. Und hatte Urlaubsfotos eingeklebt und die mitgebrachten Münzen aus fernen Ländern katalogisiert. Plötzlich war es schon wieder Abend. Müde war sie ins Bett gefallen und hatte sich kurz vor dem Einschlafen geschworen: Morgen setze ich mich an die Bücher und lerne. Dann war sie eingeschlafen und hatte geträumt. Von Büchern, von Prüfungen und vom Landarzt.

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