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08.10.2007
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Erasmus-Typologie

Wer früher fliegt, ist länger fort

Es ist Oktober, Semesterbeginn. Und wieder schwärmen zahlreiche deutsche Studenten aus, um ihr Glück im Ausland zu suchen. Was sind das nur für Menschen, diese Erasmus-Studenten? Philipp Braun kennt sieben Typen - vom Durchmogler bis zum Snob.

Ob mit oder ohne finanzielle Hilfe: Jedes Jahr absolvieren inzwischen rund 75.000 deutsche Studenten einen Teil ihres Studiums im Ausland. Niederlande heißt inzwischen ihr Favorit, auf den nächsten Plätzen folgen Großbritannien, Österreich, die USA, die Schweiz und Frankreich.

Viele werden aus dem Erasmus-Programm der Europäischen Union gefördert. Was die Auslandsstudenten antreibt, ist recht unterschiedlich - der Wunsch nach alltagstauglichen Sprachkenntnissen zum Beispiel, die Flucht aus der Enge ihres Fachstudiums, Fernweh und Abenteuerdrang. Die einen setzen sich in Straßencafés, um zu dichten und zu denken. Die anderen liefern sich leidenschaftliche Trinkspiele und Raufereien mit ihren englischen Kommilitonen.

UniSPIEGEL-Autor Philipp Braun hat sein Erasmus-Jahr in Madrid genossen und dort Kurse in Werbung und Public Relations besucht. Dabei begegnete der Leipziger Student vielen anderen Erasmus-Studenten. Von Montag bis Sonntag schildert er sieben Typen - heute...

Der Übereifrige

Immer nach dem Motto "Wer früher fliegt, ist länger fort" macht er sich bereits Mitte August in sein Zielland auf. Den Sprachkurs für September hat er längst gebucht, bezahlt und eine Kopie der Quittung abgeheftet. Im Kurs ist er begeistert bei der Sache und langweilt die nur auf den ersten Blick Gleichgesinnten bereits nach wenigen Minuten. Wie ein spanischer Sandplatzspezialist auf dem Tennisplatz hechelt er übermotiviert von Ecke zu Ecke, stöhnt dabei laut auf und lächelt gequält, auch wenn er Erfolg hat.

Erfolg? Für den Übereifrigen ist das nur die Umsetzung eines präzisen Plans. Nach wenigen Wochen spricht er die Landessprache fließend. Kurz bevor ihm die Urkunde als Jahrgangsbester des Sprachkurses überreicht wird, wird ihm leider nicht klar, dass nur wenige mit ihm sprechen wollen. Er wird seine Sprachkenntnisse lediglich einheimischen Kioskbesitzern und Kassiererinnen demonstrieren dürfen. Er hat von Beginn an den Stempel des Außenseiters, des Zeitungsartikel-Verstehers, des Museum-Schließungszeiten-Auswendigkenners.

Was andere an Kultur-, Boulevard- und Geschichtswissen erst aufschnappen müssen, was sie beim Friseur oder im Fernsehen über Stadt, Land, Fluss, Promis und Essen erfahren, hat er bereits vor Reisebeginn parat. Was andere tatsächlich erleben, hat er in seinem total fiktiven Blog bereits erfunden und berichtet darüber täglich im Netz. Die wenigen Partys, zu denen er eingeladen wird, sagt er in letzter Minute ab. Grund: "Muss heute Nacht noch über das Nicht-Erlebte bloggen."

Er liest schneller als sein Schatten

Vor den Prüfungen sitzt der Übereifrige wochenlang in der Bibliothek. Gerüchten zufolge liest er dabei auch in der Fremdsprache schneller als sein Schatten. Seine Prüfungsergebnisse sind allesamt sehr gut mit Sternchen. Einmal schreibt er sogar die beste Klausur unter allen - sogar den einheimischen - Studenten seines Faches, Erasmusbonus nicht eingerechnet (man darf sich als Ausländer mehr Fehler oder Wissenslücken erlauben).

Er ist ein Phänomen, und vor allem ist er: schön von hinten. Denn man sieht ihn am liebsten, wenn er gerade geht. Fliegt das Phänomen nach einer zweimonatigen Rucksacktour durch den Süden des Landes wieder nach Hause, weint es höchstens sich selbst eine Träne nach.

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