14.10.2007
Erasmus-Typologie
Der Königswegelagerer
Es ist Oktober, Semesterbeginn. Und wieder machen sich zahlreiche deutsche Studenten auf, um ihr Glück im Ausland zu suchen. Die einen setzen sich in Straßencafes, um zu dichten und zu denken. Die anderen liefern sich leidenschaftliche Trinkspiele und Raufereien mit ihren englischen Kommilitonen. Die ganze Wahrheit über deutsche Erasmusstudenten - heute...
Der Königswegelagerer
Kurz vor seiner Abreise verfasst er in seinem Spanischkurs an der Uni ein Traktat über den "Königsweg des Erasmusjahres", das er nahezu auswendig lernt. Nebenbei schaut er sich diverse Male "L’Auberge Espagnole" an, das audiovisuelle wie stereotypische Standardwerk eines jeden Erasmusstudenten. Er will dem klischeehaften Reigen der jungen EU-Bürger in seinem eigenen Auslandsjahr die sprichwörtliche Krone aufsetzen. Mit seinem Credo "Der Königsweg ist das Ziel" kommt er schließlich in der Fremde an, fest entschlossen, sein angesehenes Wissen in der Praxis anzuwenden.
Den ersten dafür notwendigen Schritt hat bereits seine Freundin in der Heimat für ihn unternommen: Sie trennt sich vorsorglich und (einem Betrug) überaus zuvorkommend von ihm, noch bevor er in den Flieger steigt. So genießt der Königswegelagerer viele Freiheiten und findet schnell Freunde aus aller Welt. Nachdem er eine erste Einheimische kennen und lieben lernt, hat er bereits im Herbst Frühlingsgefühle, die ihn zu der Dummheit inspirieren, seiner Ex-Freundin in Deutschland einen ernstgemeinten Dankesbrief zu schreiben. Darin gesteht er, von seiner neuen Liebe all das zu bekommen, was sie ihm nie geben konnte: zum Beispiel verständnisvolles Nicken (auch wenn sie seine Sprache nicht versteht).
Hinein in die Multikulti-WG
Die Ex-Freundin, ebenfalls längst wieder glücklich verbandelt, quittiert seine ehrlichen Zeilen mit einem verständnisvollen Nicken und einem ebenso ernstgemeinten "Gern geschehen"-Brief. Beide sind glücklich und zufrieden. Sie beschließen, Freunde zu bleiben. So geht es ihm immer. Den Satz "Wollen wir Feinde bleiben?" hat er in seinem Leben noch nie gehört. Er hatte nie welche.
Nachdem seine Liebesbeziehung mit der exotischen Einheimischen reibungslos und harmonisch verläuft, widmet er sich seinem WG-Leben. Die erste Wohnung, die er besichtigt, ist gleich ein Ort der Harmonie und Lebenslust. Er und seine Mitbewohner übertreiben es mit der multikulturellen WG aus "L’Auberge Espagnole" maßlos, aber wenigstens politisch korrekt: Er wohnt mit Leuten aus sämtlichen EU-Ländern plus Beitrittskandidaten zusammen. Auch einen Chinesen und eine dunkelhäutige US-Amerikanerin, überzeugte und überzeugende Christin, beherbergen sie die größte Zeit des Jahres.
So kommt es, dass der Königswegelagerer in seinem Erasmusjahr neben der jeweiligen Landessprache auch Spanisch, Englisch, Italienisch, Französisch und Polnisch sprechen lernt. Er fängt bald an zu beten und chinesische Schriftzeichen zu pinseln. Jeden zweiten Tag kochen sie zusammen und diskutieren bis spät in die Nacht hinein über Philosophie, Parteiensysteme und den Papst.
Freunde fürs Leben und die Web-4.0-Firma
In seiner WG findet er schließlich Freunde fürs Leben, mit denen er später einmal eine Web-4.0-Beratungsfirma gründet, einen Restaurantführer schreibt oder einfach nur im Wechsel die jeweiligen Ferienhäuser bereist.
Auch außerhalb der Wohnung findet er sich sehr gut zurecht. Er ist der perfekte Schwiegersohn unter den Austauschstudenten: beliebt bei Professoren, Vermieterinnen und Tabakverkäufern. Ohne große Mühe findet er bald einen Nebenjob als Nachhilfelehrer, betreut Kinder aus wohlhabenden Familien bei den Hausarbeiten und wird zum Abendessen oder zu einem Wochenendurlaub in ihr Landhaus eingeladen. Von allen Beteiligten wird es ihm nicht sehr schwer gemacht, seine Zeit im Ausland zu genießen.
Am Ende der beiden Erasmussemester macht er eine dreimonatige Reise mit seiner großen Liebe, die die Frau eines seiner Kinder werden wird. Das andere Kind adoptieren sie. Es wächst ebenfalls sechssprachig auf. Sein Erasmusjahr wird er nie vergessen. Wie auch? Wo ihn doch sein Kind täglich daran erinnert.