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09.07.2009
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Krisenkind-Protokoll

Meine Weltreise zu mir selbst

3. Teil: Downhill-Abfahrt auf der Todesstraße

STRASSE DES TODES, Bolivien, Tag 211

Die Straße des Todes ist 64 Kilometer lang und oft nur drei Meter breit. Ein Band aus Staub, das sich um die steilen Berghänge legt. "Sie ist die gefährlichste Straße der Welt", steht im "Lonely Planet".

Sie verbindet den Amazonas-Regenwald im Norden Boliviens mit La Paz, Händler nutzen sie. Rund 200 Menschen sterben jedes Jahr auf dieser Strecke: Bauern, Lkw-Fahrer und adrenalinsüchtige Backpacker.

Nach Pfannkuchen-Frühstück steige ich in den Kleinbus, der mich und 19 andere Abenteurer auf den La-Cumbre-Pass bringt. Auf dem Dach unsere Mountainbikes. Wir ziehen uns Westen mit Reflektoren über, setzen Fahrradhelme auf. Ein Bus nach dem anderen trifft ein. "Downhill Madness" steht auf einem, "Downhill thrill" auf einem anderen.

Der Guide nuschelt ein Gebet und bekreuzigt sich

Die Schotterpiste schüttelt mich durch, ein spitzer Stein, mein Vorderreifen platzt. Die Gruppe muss warten, der Guide wechselt den Schlauch. Die Mountainbiker von "Eco Adventure Bolivia" ziehen vorbei, lassen uns in einer Wolke aus Staub sitzen.

Wir fahren durch Nebelwälder, durch Flüsse, an Wasserfällen vorbei in den Regenwald. Die Höhe nimmt ab, die Vegetation zu.

Vor dem gefährlichen Teil der Strecke nuschelt unser Guide ein Gebet und bekreuzigt sich.

Hupend kommen uns Bolivianer entgegen, haufenweise Bananen in ihren Pick-ups. Die Straße ist einspurig, Kurve an Kurve. Die Schlucht zur Linken ist kilometertief, dort unten ist die Hölle. Keine Leitplanken, die mich vor ihr schützen. In den Hängen liegen Autowracks, Kreuze säumen die Todesallee. Nach einer Weile höre ich auf, sie zu zählen. Ich fühle mich lächerlich in meiner Weste. Ich Idiot, Idiot, Idiot.

Hinter jeder Haarnadelkurve sitzt ein Fotograf. "Cheeeese!" Nach sieben Stunden erhalten wir unser Diplom, eine Foto-CD und ein neongelbes "I survived the death road"-T-Shirt.

GRENZE, Argentinien / Chile, Tag 227

Ich stehe am Straßenrand, direkt am Grenzübergang, halte den Daumen in die Luft. Ein Kleinbus hält an, drei Anwälte und ihr Chauffeur kommen gerade aus Argentinien nach Hause. Vorbei am Cerro Aconcagua, dem höchsten Berg Amerikas, vorbei an Weinbergen, setzen sie mich in Viña del Mar ab, einer chilenischen Stadt am Pazifik.

In Südamerika habe ich einen anderen Zugang zu den Menschen als in Asien. Ich spreche fließend Spanisch, mein Vater ist Mexikaner, ich bin zweisprachig aufgewachsen. Als Kind weigerte ich mich, Spanisch zu sprechen, habe nicht verstanden, wieso mein Vater so anders redete als die Kinder im Kindergarten, als meine Geschwister, als meine Mutter. Jahrelang war mein einziger spanischer Satz: "Papá, puedo ver la tele? - Papa, darf ich fernsehen?" Ich bin blond und habe sehr helle Haut, man sieht mir nicht an, dass ich Halbmexikanerin bin. Viele Einheimische sind überrascht, wenn ich ihnen in mexikanischem Slang antworte. Es freut sie.

Ich fahre den Pazifik entlang, bis ich einen Strand finde, der mir gefällt. Ich mache einen Pferderitt durch die Sanddünen, galoppiere bei Sonnenuntergang durch die peitschenden Wellen. Ich habe Spaß und einen wunden Hintern. Ob ich auf seiner Farm bleiben darf, frage ich den Pferdebesitzer. El rancho wird mein chilenisches Kloster. Hier leben 60 wilde Pferde, 60 Kühe, Straßenköter und streunende Katzen.

Zum Sonnenaufgang melke ich die Kühe, mache aus der Milch Joghurt und Käse. Am Tag treibe ich mit dem Stalljungen Pitufo die Kuhherden durch die Dünen, sie sollen sich im See waschen, wir baden mit ihnen. Wir reiten ohne Sattel und barfuß, grillen Brot im Lagerfeuer, zählen Sternschnuppen, schlafen am Strand um die wärmenden Kohlen.

Ich lebe den Moment, wie es der Meistermönch befohlen hat, denke nicht an gestern, nicht an morgen. Ich befreie mich von meinen Gedanken, ich bin nackt, ich bin frei.

Aus dem Pferderitt, der einen Tag dauern sollte, werden mehrere Wochen. Ich lege mein Gepäck ab, reise ohne Rucksack. Er macht mich fremd.

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