09.07.2009
Krisenkind-Protokoll
Meine Weltreise zu mir selbst
SALZSEE, Bolivien, Tag 311
In einem Jeep fahre ich über den größten Salzsee der Welt - der Salar de Uyuni ist fast 16-mal so groß wie Hamburg, eine meterdicke Salzkruste macht ihn befahrbar. Wir quetschen uns vier Tage lang in einen alten Toyota Landcruiser, binden Wasser-, Essens-, Spritvorräte und unsere Rucksäcke auf das Dach.
Wir rasen über die Weite dieser grellweißen Fläche, und ich verliere die Orientierung, was Land und was Himmel ist. Es ist wie der Besuch auf einem anderen Planeten, und neben mir im Jeep sitzt ein kleines braunes Wesen, vielleicht ein Bewohner dieses fernen Planeten.
Vikram Seth, 56, Inder, ist anders als all die Reisenden, die mir unterwegs begegnet sind. Er sieht nicht aus wie sie, er spricht nicht wie sie, er fragt nicht wie sie. Vikram ist zufrieden. Ohne dass ich es will, breite ich schon nach wenigen Stunden mein Leben vor ihm aus.
Nach der Jeeptour entscheidet er sich, mir Gesellschaft zu leisten. Mit dem Zug fahren wir durch Peru, es spielt keine Rolle, dass er mehr als 30 Jahre älter ist als ich. Wir spielen Karten, er erzählt von seiner Kindheit in Indien, fragt nach meiner in Deutschland.
Er beherrscht sieben Sprachen, ist an jedem Menschen interessiert. Er spricht Englisch mit Oxford-Akzent, zitiert Schubert-Lieder auf Deutsch. Er überrascht mich. Sein Gesicht ist kindlich, keine Falte, seine Schnürsenkel meist offen.
Im Zug liest ein Passagier neben uns ein Buch, darauf steht "'Two Lives' by Vikram Seth". Es ist von ihm. Die beiden kommen ins Gespräch. Er hat mir nichts von seinem Erfolg erzählt. Zu Hause in England versteckt er seine eigenen Bücher in einem Zimmer auf dem Dachboden.
Vikrams Gepäck: drei Rollkoffer vollgestopft mit Adaptern, Kabeln, einem Satellitentelefon und Alpaka-Pullovern, -Socken, -Mützen. Er kann nicht nein sagen, wenn die Kinder ihm Selbstgestricktes anbieten.
In einem Ruderboot durchqueren wir den Titicacasee, Vikram malt den Sonnenuntergang, ich rudere. Der westliche Teil des Sees gehört Peru, der östliche Bolivien. Die Peruaner sagen, der "Titi"-Teil gehöre ihnen, der "Caca"-Teil den Bolivianern.
Vikram ist fasziniert von der Welt; wenn er sie nicht malt, fotografiert er sie. Vikram kann immer wieder das Gleiche fotografieren, es kann nerven. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose?
Er erzählt davon, wie er vor zwei Wochen im Sheraton Iguazú geschlafen hat, einem Fünf-Sterne-Hotel in Argentinien. Ich bekomme ihn nicht zu fassen, er entgleitet mir immer wieder, ich begreife ihn nicht. Manchmal denke ich, dass die Welt, die er bereist, nicht die gleiche ist wie meine.
Wenn er in meiner Nähe ist, fühle ich mich zu Hause. Er stellt mir Fragen, die ich mir nie gestellt habe. Er gibt mir das Gefühl, meine Reise hätte einen Sinn.
FLUGHAFEN, Deutschland, Tag 365
Zurück in der westlichen Welt: Flughafentoilette. Kein Eimer, in den ich mein benutztes Klopapier werfen kann, kaum stehe ich auf, spült das Klo von allein. Wasser fließt mir automatisch über die Hände, als ich sie ins Waschbecken halte, Handtrockenpapier kommt mir entgegen, als ich mich dem Kasten an der Wand nähere.
Zu Hause. Auf die Frage "Wie war's?" habe ich keine Antwort. Ich freue mich über saftiges Schwarzbrot und deutsches Bier. Denke an meine Reise zurück und träume davon, wieder unterwegs zu sein.
"Was ist der Sinn, frage ich mich; warum diese Rastlosigkeit?", schreibt Vikram in seinem Buch "From Heaven Lake". "Manchmal kommt es mir vor, als wanderte ich durch die Welt, bloß um Material für zukünftige Nostalgien zu sammeln."