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09.07.2009
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Krisenkind-Protokoll

Meine Weltreise zu mir selbst

Fünf Kontinente, 365 Tage, Tausende Menschen - Amrai Coen, die junge Frau auf dem Cover des SPIEGEL SPECIAL, reiste ein Jahr lang um die Erde. Sie ging ins Kloster, auf eine Schaffarm und befuhr die Straße des Todes. Sie suchte, was sie die ganze Zeit dabei hatte: sich selbst. Tagebuch einer 22-Jährigen.

KLOSTER, Thailand, Tag 5

Wer bin ich?, fragt sich das Mädchen, das mit Durchfall über einem Loch im Boden hockt, Mücken auf den Schenkeln, Schmerzen im Rücken, Tränen in den Augen. Klopapier gibt es nicht. Auch keine Spülung. Nur einen Eimer voll Wasser.

Der Gong gongt, flip, flop machen die Flip-Flops der Mönche. Vor der Halle lassen sie ihre Schuhe stehen, barfüßig besingen sie ihr Mittagessen. Es ist 10.30 Uhr.

Wer bin ich?, fragt sich das Mädchen, das in dem würzigen Reisbrei stochert und weiß, dass es in den nächsten 17 Stunden nichts mehr essen darf.

Ich weiß nur, wo ich bin. Wat Ram Poeng, Chiang Mai, Thailand. Ein buddhistisches Meditationskloster. Ich bin gekommen, um mich nach einer versoffenen Abi-Zeit selbst zu finden.

Zwei Jahre habe ich neben der Schule gearbeitet, Toiletten geputzt, Burger serviert. Das ist meine Belohnung.

Bücherlesen, Musikhören, Tagebuchschreiben hat mir der Meistermönch beim Einzug ins Kloster verboten. Das lenke mich von mir ab. Dreimal soll ich gedanklich wiederholen, was mich beschäftigt. Rückenschmerz, Rückenschmerz, Rückenschmerz, denke ich.

In meinem Zimmer kann ich mich drei Schritte vorwärts, drei Schritte seitwärts bewegen. Neben der Holzpritsche steht eine Wand, die das Bad markiert. Eine Kloschüssel, ein Wasserhahn, ein Eimer. Keine Dusche, kein Waschbecken, kein Spiegel.

Der Tag im Kloster beginnt um 4 Uhr morgens. Reissuppe zum Frühstück, Reisbrei mit Gemüse zum Mittag. Nach zwölf darf man keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen.

Vor Hunger ist mir übel. Wenn ich nicht esse, soll ich meditieren. Ich verlaufe mich in meinen Gedanken, halte mich selbst nicht aus, sehne mich nach Ablenkung, nach Wäschewaschen und Müllrausbringen. Außer mir und zwei anderen Mädchen leben 60 Nonnen, 60 Mönche, Straßenköter und streunende Katzen im Kloster.

Nach dem fünften Tag wird es leichter. Ich tue elf Stunden am Tag so, als würde ich meditieren. Ich meditiere, meditiere, meditiere. Wie sich das wirklich anfühlt, an nichts zu denken, frei von Gedanken zu sein, erfahre ich bei meiner Zeit im Kloster nicht.

Nach zwölf Tagen langweilt mich die Suche nach mir selbst. Am Morgen danach esse ich Bananenpfannkuchen und beginne meine Reise auf dem "Banana-Pancake-Trail". So wird der Trampelpfad der Rucksackreisenden genannt, weil es in den Hostels Pfannkuchen zum Frühstück gibt, obwohl die Einheimischen lieber Nudelsuppe frühstücken. Die Route geht von Thailand nach Laos, Kambodscha, Vietnam. Nach Australien, Neuseeland, Südamerika.

Zwei Tage Bangkok, drei Tage Angkor Wat, vier Tage Halong Bay. Ich trage meinen 15-Kilogramm-Rucksack durch Städte, durch Dörfer, über Berge, durch Flüsse. Trecken, surfen, saufen. Fischen, reiten, rauchen. Ich suche das Abenteuer, tauche mit Haien, schwebe in Heißluftballons.

IM BUS, Laos, Tag 48

Eine Kuhherde versperrt den Weg, der tägliche Monsunregen verwandelt die Straße in ein Schlammloch, eine Reifenpanne. Ich bin seit sieben Stunden in einem rostigen alten Bus unterwegs, habe erst 120 Kilometer zurückgelegt. Aus den Boxen dröhnt laotische Popmusik, die Kassette leiert, es stinkt nach Urin. In den Gängen stehen Tüten voller Bananen und Körbe mit lebenden Hühnern.

Überall: die anderen Backpacker. Die weißen Stöpsel ihres iPods in den Ohren, lesen sie Paulo Coelhos "Der Alchimist" oder Alex Garlands "The Beach". Oder sie markieren die günstigsten Hostels im "Lonely Planet"-Reiseführer. "Where are you from, where have you been, where are you going?" Der Ausweis eines Rucksackreisenden: die eigene Klopapierrolle.

Wasserfälle, Tempel, Tropfsteinhöhlen, Palmen, Strände. Ich bewege mich in einer Fremde, die nicht fremd ist. Ich kenne sie schon, habe im "Lonely Planet" von ihr gelesen. Diese Welt, sie passt in eine Handtasche.

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