29.01.2010
Top-Absolventen an Problemschulen
Der Widerspenstigen Zähmung
Von Oliver TrenkampIhr Erweckungserlebnis hatte Kaija Landsberg, 30, in New York. Während ihres Amerikanistikstudiums besichtigte sie eine Schule im Stadtteil Harlem. Vor der Tür standen zwei Polizisten, wegen der ständigen Probleme mit Gewalt und Drogen. Doch drinnen fand sie eine disziplinierte Klasse vor, gebannt lauschten die Kinder, als eine junge Frau mit ihnen "Romeo und Julia" las.
Für die wunderbare Zähmung der Widerspenstigen war keine erfahrene Lehrerin verantwortlich, sondern eine Uni-Absolventin der Elite-Hochschule Stanford in Kalifornien. Sie hatte sich im Rahmen eines speziellen Programms vor die Klasse gewagt. "Teach for America" heißt es, die Idee: Junge, ambitionierte Akademiker helfen an Problemschulen aus, bevor sie mit der Karriere durchstarten. Die Initiative zählt zu den beliebtesten Arbeitgebern in den USA.
Kaija Landsberg war beeindruckt, sie besuchte weitere Schulen in den USA und Großbritannien, schrieb ihre Magisterarbeit über das Programm. Und stellte sich die Frage: Warum gibt es das eigentlich nicht in Deutschland?
Seit diesem Herbst stehen auf Landsbergs Betreiben auch in Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen junge Freiwillige vor Schülern, helfen ihnen mit den Hausaufgaben und hören ihnen zu, wenn sie über private Probleme sprechen wollen. Nicht, weil sie unbedingt Lehrer werden wollen, sondern weil ihnen diese Arbeit eine Auszeit wert ist.
Hunderte Absolventen bewarben sich
66 "Fellows" hat die Organisation "Teach First Deutschland" für zwei Jahre als Hilfslehrer abgestellt, vorbereitet lediglich in einem dreimonatigen pädagogischen Crashkurs im Sommer. Für ihren sozialen Einsatz bekommen sie knapp 1700 Euro pro Monat, bezahlt von den Bundesländern. Die pädagogische Vorbereitung wird von Sponsoren finanziert.
Es werde sich ohnehin niemand bewerben, hörte Landsberg häufig. Doch schon für die erste Runde des Programms meldeten sich Hunderte Uni-Absolventen an. Nach einem mehrstufigen Online-Verfahren, Motivationsschreiben, einem Telefoninterview, Auswahlgesprächen und Assessment-Center blieben jene Fellows übrig, die jetzt im Einsatz sind.
Es sind Freiwillige wie Jan Gadow, 28, der seit September jeden Morgen an die Mildred-Harnack-Gesamtschule im Berliner Stadtteil Lichtenberg fährt. Das letzte Mal tauchte die Lehranstalt prominent in der Presse auf, als ein Schüler drohte, seine Lehrerin umzubringen - sie hatte von ihm verlangt, sein Handy wegzupacken.
In London, Hamburg und Jena hat Gadow studiert, Politik, Geschichte und Germanistik; er hat sich bei den "Jungen Europäischen Föderalisten" engagiert, dann bei einer Stiftung - im Moment aber steht die Karriere hintenan.
Das ist auch bei Lukas Gaertner so. Er hat den Studiengang "Finance and Accounting" in München absolviert und nennt seine Vita "ziemlich geradlinig". Es finden sich darauf: Auslandsaufenthalte, hervorragende Noten, Praktika bei guten Adressen. Ein Jobangebot hatte er schon, von einer Investmentbank.
Für einen "bewussten Bruch" entschieden
Doch nun habe er sich für einen "bewussten Bruch" entschieden, erzählt Lukas. Gegen Mittag steht er vorn an der Tafel, das Hemd in kleinem Karo, Strickjacke, die gelockten Haare mit Gel gebändigt. "Schwuchtel", pöbelt ein Junge im Jogging-anzug seinen Banknachbarn an, ein anderer wedelt mit seiner Zunge.
Gaertner ist gerade mit seiner Powerpoint-Präsentation durch, er hat die Internetseiten der "Frankfurter Allgemeinen" und der "Bild"-Zeitung verglichen. Er macht seine Schüler auf verschiedene Möglichkeiten der Präsentation aufmerksam, auch bei der eigenen Bewerbung für einen Job. "Wollt ihr eher sein wie die 'Bild' oder eher wie die 'Frankfurter Allgemeine'?", fragt er in die Runde.
Ein Mädchen zieht ihren Lidstrich nach, ein Junge bekommt einen Lachanfall. Gaertners Wangen röten sich, aber die Ruhe verlieren darf er jetzt nicht, das würde seine Autorität bei den Schülern untergraben. Mittlerweile habe er sich an die Lautstärke gewöhnt und an den Stress, sagt Gaertner.
Wer sich an einer Problemschule behauptet hat, der wird anders auf die Welt blicken, auch wenn er es bis zum Vorstandsvorsitzenden, Bundesminister oder Chefredakteur bringt, das ist die Hoffnung von "Teach First". Vor der Karriere muss das Karitative kommen, die Erfolgreichen helfen den Schwachen. "Einsatz für andere + Karriere für Dich", wirbt die Organisation auf ihrer Web-Seite. Doch das ist in Deutschland gar nicht so einfach, vor allem im Schulwesen mit seinen bürokratischen Hürden.
"Das macht niemand aus Karrieregründen"
"Unzählige Bedenken" habe sie ausräumen müssen, erzählt Kaija Landsberg, als sie sich um Geldgeber und politische Förderer bemühte. Die Bildungsgewerkschaft GEW gab sich schon vor dem Start miesepetrig. Als "staatlich gesponsertes Sozialkompetenztraining für angehende Manager" bezeichnet sie "Teach First" auf der eigenen Web-Seite. "Es ist nie etwas dagegen zu sagen, wenn Elite-Akademiker Einblick in die graue Wirklichkeit bekommen", so die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer. Aber es sei fraglich, ob das Programm tatsächlich den Schülern und Schulen helfe - oder nur den Absolventen.
In den Berliner Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg und Tempelhof-Schöneberg blockierten Personalräte den Einsatz der Fellows - die Verträge seien nicht zulässig. "Da werden ideologische Grabenkämpfe ausgetragen", sagt Robert Hasse, Direktor der Carl-Friedrich-Zelter-Hauptschule in Kreuzberg. Er war von seiner "Teach First"-Absolventin begeistert. Sie war aus Passau nach Berlin gezogen, sprach Türkisch, ein echtes Pfund an Hasses Schule mit einem Migrantenanteil von 80 Prozent. Doch dann musste sie nach Intervention des Personalrats an eine Ersatzschule wechseln.
Die Fellows finden die Kritik unfair; besonders raffiniertes Karrierestreben wollen sie sich nicht unterstellen lassen. "Zwei Jahre an Schulen aushelfen, das macht niemand aus Karrieregründen", sagt Gaertner. So ähnlich sieht es auch Geschäftsführerin Landsberg: "Es ist zu hart, um es nur als ein Plus im Lebenslauf zu sehen."