10.02.2010
Sportstudent in Südafrika
Kicken mit den Kindern am Kap
Von Ellen Kollender
Fußball gegen Aids und Rassismus: Sebastian Neuerburg und sein Team laufen sich warm
Wäre es nach seinen Eltern gegangen, würde er jetzt in seinem WG-Zimmer in Köln-Braunsfeld hocken und an der Diplomarbeit schreiben, während düsterer Winterregen gegen das Fenster prasselt. Es ist anders gekommen. Sebastian Neuerburg steht auf einem Kunstrasenfeld unter der Sonne Südafrikas, in Gansbaai; er ruft und zeigt, joggt und stoppt, tut das, was es braucht, einer Horde Kinder ordentlich Fußballspielen beizubringen: Passen, Freilaufen, Antäuschen und Schießen durch Tore, markiert mit orangefarbenen Hütchen.
Der 25-jährige Student der Sporthochschule Köln arbeitet seit zwei Monaten als Freiwilliger für eine südafrikanische Non-Profit-Organisation, die Sportunterricht für Kinder und Jugendliche aus den Townships organisiert. Seit 2007 kicken täglich an die 120 Jungsportler auf dem Platz in dem 15.000-Einwohner-Ort unweit von Kapstadt.
Neuerburg ist durch den Career-Service seiner Hochschule auf das Programm gestoßen, die Berater dort hatten Interessanteres im Angebot als Tipps für den karriereträchtigen Lebenslauf.
Die Beratungsstelle kooperiert mit dem Projekt und hat mit ihm mittlerweile den dritten Kölner Sportstudenten nach Gansbaai vermittelt. "Bevor es in die harte Prüfungsphase geht, wollte ich noch mal was völlig anderes machen", sagt Neuerburg.
Die Apartheid ist noch jeden Tag sichtbar
"Ein Vierteljahr Auszeit" nennt er sein Engagement - er weiß, dass es ein Privileg ist. Etwas, das man sich leisten können muss, denn Geld für den Einsatz gibt es keins.
In das ehemalige Fischerdorf Gansbaai fährt, wer Haie gucken will; der Ort lebt von Touristen - und präsentiert sich als pure Reiseführeridylle. Der Ozean: weit. Die Strände: lang. Das Klima: sonnig warm. Aber auf dem Sportplatz erlebt Neuerburg die dunkle Seite der Kleinstadt, die Apartheid, die zwar aufgehoben, aber noch immer sichtbar ist. Er erlebt die Klassifizierung von Menschen nach der Farbe ihrer Haut: Schwarze, Farbige, Weiße.
"Zum Training kommen die Kinder aus drei verschiedenen Richtungen", erzählt Neuerburg. "Die Schwarzen aus dem Township in Mashakane, die Farbigen aus dem Südwesten, Richtung Blompark, und die Weißen aus Gansbaai." Der Fußballplatz sei so etwas wie neutraler Boden. Der sportliche Pazifismus zeigt sich auch im Fußballstil, glaubt er. Man spiele mit weniger Körperkontakt, stattdessen mit mehr technischer Finesse.
Nach wie vor existiert die einst durch die Apartheid vorgeschriebene Trennung der Wohnbezirke nach Hautfarbe. Die Kinder gehen zu getrennten Schulen und kommen auch in der Nachbarschaft nur mit ihresgleichen in Berührung.
Fußballprojekt als Arena für den Kampf gegen Aids
Ähnlich bei den Sprachen. Die Schwarzen aus Mashakane sprechen das auf Klicklauten basierende Xhosa. Die Muttersprache der Farbigen und Weißen ist Afrikaans, eine Mischung aus den verschiedenen Sprachen europäischer Einwanderer. Der Student spricht auf dem Rasen Englisch. Die Verständigung klappt trotzdem. "Zwei der Kinder übersetzen für mich", erzählt Neuerburg.
Das Fußballprojekt ist mehr als im Alltag gelebte Versöhnung. Es ist Arena für einen wichtigen Kampf: gegen Aids. Zwar liegt die Rate in der westlichen Kapregion deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 18 Prozent, infiziert sind aber immer noch zu viele. Durch Rollenspiele und kurze Unterrichtseinheiten im Sitzkreis sprechen die Trainer mit den Kindern über das, was zu Hause oft als Tabu behandelt wird.
Deswegen hat Neuerburg sich durch Videos auf YouTube geklickt und Blogs von Hilfsorganisationen gelesen. Er wollte wissen, wie der Fußball lebenswichtiges Wissen übertragen kann. Eines der Spiele, die er gefunden hat, geht so: Ein paar Kinder schlüpfen in die Rolle von Bakterien, sie versuchen, ihre Gegner mit dem Ball zu treffen. Doch ein anderer Stoßtrupp, das Immunsystem, schützt die Angegriffenen, er wehrt die Bälle ab. Dann kommt das Virus, ein einzelner Spieler. Es schnappt sich die Hände der Lebensretter und behindert sie. Jetzt sind die Kinder in Gefahr, von den Bakterien-Bällen getroffen zu werden. "Und danach reden wir über den Sinn des Spiels", erzählt Neuerburg.
Alle hoffen auf Bafana-Erfolge
Soziale und ethnische Segregation, Armut, Aids, all das kannte der Kölner Student nur aus Zeitung und Fernsehen. Kein Wunder, dass der erste Spaziergang durchs Township ihn aufwühlte - und faszinierte. "Überall Blechhütten in unterschiedlicher Architektur. Es roch nach verbrannten Autoreifen, und jeder hat gegrüßt", erinnert sich Neuerburg. Kinder kamen angerannt, wollten ihn anfassen, seine Haare, seine Waden, sein Gesicht. Sie nahmen ihn an der Hand und zogen ihn durchs Dorf. "Ich hab mich sofort wohl gefühlt." Geschichten über Kriminalität und Gewalt, Warnungen von Freunden und Verwandten vergaß er im selben Moment.
"Fußball ist hier eindeutig ein Sport der Schwarzen", sagt Neuerburg. An seinen Teams kann er das täglich beobachten: Sie setzen sich fast ausschließlich aus schwarzen Schülern zusammen. Es sind die, die sich häufig keine Sportschuhe leisten können und meist nicht krankenversichert sind. Neben Fußball bietet die Organisation Hockey und Kricket an. Hier treffen sich vor allem die farbigen und weißen Kinder. Bei allem guten Willen: Auch auf dem Platz, auch beim Spiel muss etwas getan werden, damit die Kinder sich näherkommen.
Die Südafrikaner setzen große Hoffnungen auf die Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr. "Alles dreht sich um Bafana, Bafana", erzählt Neuerburg, so lautet der Spitzname der südafrikanischen Nationalmannschaft, was übersetzt "Jungs" bedeutet. Sebastian Neuerburgs Jungs sind über die teilnehmenden Mannschaften genau informiert.
"Diski Dance": Fußballtanz ohne Ball
"Seit der WM-Nominierung wachsen Entwicklungsprojekte rund um das Thema Fußball hier wie Pilze aus dem Boden", erzählt Leán Terblanche, eine Projektleiterin der Organisation Football Foundation of South Africa, die auch hinter dem Konzept von Gansbaai steht. Viele der Vorhaben hätten es ausgenutzt, dass die Regierung jede Menge Fördergelder über alles schüttete, was irgendwie mit Fußball zu tun hat. Aufgrund des Zeitdrucks seien sie allerdings oft so dürftig organisiert, kritisiert Terblanche, dass ihre Wirkung wohl nach der Weltmeisterschaft versiege.
Auch das Großprojekt selbst, die Fußball-WM, werde am Ende eher Dekoration sein als Anstoß für einen Umschwung in Südafrika, glaubt die 26-Jährige. Die Leute in den Townships seien nicht davon überzeugt, dass auch sie von der Weltmeisterschaft profitieren, sagt sie, deshalb muss man die Menschen dort ermutigen. Touristen, Touristen, Touristen ranholen, auch für die Zukunft, das ist ihre Idee, daher plant sie mit den Bewohnern Führungen und Verkaufsstände - attraktives Lokalkolorit soll präsentiert werden.
Ein Markenzeichen gibt es bereits, den "Diski Dance". Neuerburg hat ihn schon von seinen Schülern gelernt. "Diski" heißt im Township-Jargon "Fußball", "Diski Dance" bezeichnet einen neuen Tanztrend, der sich rasant verbreitet: Typische Fußballbewegungen werden zu afrikanischer Musik getanzt - nur ohne Ball.
Viele der jungen Spieler in Neuerburgs Teams träumen davon, eines Tages als Profi-Sportler in der Nationalmannschaft zu spielen. "Es gibt hier wirklich ein paar begnadete Fußballer", erzählt der Student. "Die sind wahnsinnig schnell, zeigen unglaublichen Einsatz, gute Ballführung und guten Schuss dazu."
Doch nur die wenigsten werden es schaffen, das weiß Neuerburg. Darum hat er seinen Zöglingen in der vergangenen Woche einen Vortrag zum Thema "bekannte Sportgrößen" gehalten. "Ich habe den Kindern gezeigt, dass fast alle guten Sportler eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben."