25.08.2010
Bürokratie in Holland
Medizinstudium scheitert an fehlender Briefmarke
Chefvisite: Nachwuchsärzte können hier was lernen, doch erst braucht es einen Studienplatz
Amsterdam - Der Schulabschluss ist super, die Bewerbung für das Medizinstudium war rechtzeitig in der Post - und trotzdem hat ein junger Niederländer den ersehnten Platz in seinem Traumfach nicht bekommen.
Schuld ist ein kleiner Formfehler. Der Musterschüler mit erstklassigem Abitur vergaß, seiner Bewerbung um einen Platz an der renommierten Reichsuniversität Groningen eine Briefmarke für das Antwortschreiben beizulegen.
Die für die Studienplatzvergabe zuständige Behörde zeigte sich erbarmungslos: kein Rückporto, kein Studienplatz. Das war völlig korrekt so, entschied am Dienstag ein Gericht in der Stadt Amelo. Es wies die Klage des 17-jährigen Niels Grote Beverborg gegen das Amt zurück. Vergeblich argumentierte er vor Gericht, seine Zurückweisung sei "unverhältnismäßig und bürokratisch".
Medizinstudienplätze sind nicht nur in Holland heiß begehrt. Besonders im deutschsprachigen Raum bewerben sich Jahr für Jahr viel mehr Schulabgänger auf die raren Stellen als es Plätze gibt.
Wegen eines Formfehlers ein Jahr warten
Zwischen Österreich und Deutschland tobt in der Frage, wie viel Deutsche an österreichischen Medizinfakultäten aufgenommen werden dürfen, seit Jahren ein regelrechter Kleinkrieg. Österreich schützt seine Plätze mit einer strengen Deutschen-Quote gegen den Ansturm von der Alpennordseite.
Der Grund für den Mangel: Medizinstudienplätze kommen den Staat besonders teuer zu stehen, in die Bildungs- und Forschungsetats der Bundesländer reißt die Universitätsmedizin die größten Lücken. Darum versuchte im Sommer auch das Land Schleswig-Holstein die kostspielige Medizinerausbildung zu schließen, bis der Bund rettend zur Seite sprang und mit einem Buchungstrick das Medizinstudium in Lübeck rettete.
Deutsche Bewerber bemühen sich wegen der geringen Zahl an verfügbaren Studienplätzen oft auf verschlungenen Wegen darum, doch noch Arzt zu werden: Sie klagen auf nicht ausgelastete Kapazitäten, zahlen Unsummen an private Unis und wandern aus.
Der an einer Briefmarke gescheiterte Holländer Niels Grote wird weder sein Land verlassen, noch Schulden aufnehmen. Er wartet ab und will sich für das kommende Jahr einschreiben. Wie das funktioniert, weiß er ja nun: "Diesmal mit Briefmarke."
ore/cht/dpa