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10.11.2010
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Leben im Schnelldurchlauf

Ich, der Überflieger

Von Silvia Dahlkamp
Silvia Dahlkamp

Wie schnell darf die Jugend vergehen? Hinter einem Wunderkind steht manchmal auch eine wundersame Familie. Mirko Fillbrunn, 20, hat seine Schulzeit schon fast vergessen: Abi mit 14, Diplom mit 18, nun die Promotion in den USA - sein Leben rast dahin, nur fürs Achterbahnfahren bleibt keine Zeit.

Wo ist sie, die Hornbrille mit extra dicken Gläsern? Warum ist sein Haar nicht wirr, so wie es sich gehört für ein Genie?

Mirko Fillbrunn trägt einen braven Bob, seine braunen Augen brauchen keine Sehhilfe. Er sitzt in einem Café in Oberhausen und nippt an einer Cola light. Ganz leger in Jeans und Turnschuhen, kurz vor seinem 20. Geburtstag. Andere sind da schon Männer. Er wirkt wie ein Junge. Ein adretter, ein höflicher Junge.

So kann man sich täuschen. Mirko hat nämlich all die Männer längst überholt. Er übersprang in der Schule vier Klassen, wurde mit 16 Jahren Deutscher Meister im Badminton, machte mit 18 ein Einser-Diplom in Mathe und promoviert jetzt in Boston - mit einem 25.000-Dollar-Stipendium.

So was ist nicht normal. Und deshalb denken manche: Der ist doch nicht normal.

Wer versteht schon, dass einer, der sich gerade erst rasiert, komplexe Szenarien analysiert? "Systematische Stress-Testings auf Basis des Maximum Loss" lautete das Thema seiner Diplomarbeit an der Uni Essen. Als Mirko sie schrieb, war er 17.

Eine Lehrerin wollte Mirkos Mutter zur Räson bringen

"Was isn das?", fragten seine Freunde aus dem Sportverein. Mirko erzählte von faulen Krediten, die ein ganzes Land in den Abgrund reißen können. Klar, da wussten die Kumpel Bescheid. Bonität? Das ist, wenn die Knete nicht reicht. Depression? Die kriegt man, wenn kein Job da ist. So oder ähnlich, egal. Für die Jungs im Badminton-Kader Sterkrade-Nord zählte vor allem eins: Kondition. Sie schafften es bis in die Bundesliga.

"Der ist anders", sagen manche über Mirko. Mirko sagt: "Ich habe mich nie anders gefühlt." Dabei war in seinem Leben vieles - anders.

Der erste Schultag: Mirko hat nie einen Kindergarten besucht, hat keine Schultüte, kann nicht schreiben. Dafür kann er etwas anderes: Karten kloppen - Doppelkopf. Er grinst: "Schon als Kind zählte ich die Punkte." Elf für ein Ass, vier für einen König, drei für eine Dame... Das liebt er immer noch.

Noch etwas war anders: Die anderen vergaßen ihre Hausaufgaben. Er nie. Die anderen kritzelten Liebesbriefchen. Er nie. In anderen Ranzen schlummerten Arbeitsblätter, gammelten Brote. Kam bei Mirko nicht vor. Denn: "Schule ist Arbeit, und Ordnung muss sein."

"Mir ist so langweilig", jammerte der Siebenjährige in der zweiten Klasse. Die Mutter stellte einen Antrag auf Überspringen. Mirkos Lehrerin warnte: "Mirko ist zu jung, hat eine Vier in Kunst." Sie rief sogar beim Ehemann an: "Bringen Sie Ihre ehrgeizige Frau zur Vernunft." Ein psychologisches Gutachten half. Heute sagt Mirkos Mutter: "Was soll man tun, wenn die Schule den Kindern nicht genug Futter gibt?"

"Wer Leistung bringt, gilt als Trottel"

Damals ahnte sie nicht, dass das der Startschuss war - zu einem Sprint durchs Leben. Während andere Kinder noch spielten und Quatsch machten und rauften und so fürs Leben lernten, wurde Mirkos Leben das Lernen. Mit acht Jahren wechselte er auf die Heinrich-Böll-Gesamtschule. Mit 12 Jahren bereitete er sich aufs Abi vor. Er war ein Ass in Mathe, eine Niete in Latein und malte in Kunst immer noch Strichmännchen.

Die Oberstufenschüler waren fünf Jahre älter als er. Mirko sagt: "Das war kein Problem." Die Lehrer sagen, privat habe es "keine Schnittmengen" gegeben. Die Jugendlichen lächelten über das Bübchen, das noch nicht im Stimmbruch war. Mirko sagt: "Das war mir egal." Er sagte jede Klassenfahrt ab, machte kein Praktikum, war auf keiner Fete. Und übersprang scheinbar locker die Pubertät. Null-Bock-Phasen, Liebeskummer? Mirko zuckt die Achseln: "Keine Ahnung, das ist viel zu lange her." Fünf Jahre.

Bio-Lehrerin Astrid Tzschoppe, 56, hat in den Konferenzen gesessen, wenn über Mirko diskutiert wurde. "Sicher, er hat viele Erfahrungen übersprungen." Hätte er die Langeweile aushalten müssen? Sie weiß es nicht. "Intelligente Kinder haben es in Deutschland schwer. Wer Blödsinn macht, ist Superstar. Wer Leistung bringt, ein Trottel."

Mirko spricht nicht über Leistung, er sagt: "Ich war faul." Vielleicht, weil er fürchtet, sonst wie ein Freak daherzukommen. Stefan Raab lädt ihn in seine Talkshow ein. Auch dort sagt Mirko, er sei faul gewesen. Der Entertainer tut begeistert: "Du bist ja ganz normal." Flapsiger Tipp zum Abschied: "Lass dich nicht verarschen."

Jeder Tag durchgetaktet

Verarschen? Das Wort kommt bei Mutter Ines, 55, und Vater Klaus, 57, nicht vor. Sie ist Lehrerin, er Psychologe. Beide waren gute Schüler, und jedes ihrer fünf Kinder übersprang Klassen: Sohn Tim und Nesthäkchen Ines drei, Tochter Anja zwei und Lisa eine. Bei Mirko waren es sogar vier Klassen.

Alle Kinder sagen: "Wir mussten nicht lernen." Seine frühere Bio-Lehrerin sagt: "Vielleicht denken sie das wirklich, aber in den Ferien wurde bei Fillbrunns gebüffelt." Mirko selbst erinnert sich nur an glückliche Urlaube in Holland.

"Gutes Zeitmanagement" nennt es die Mutter. Eiserne Disziplin nennen es andere. 1999 meldet sich die ganze Familie beim Badminton an. Jeder Tag ist durchgetaktet: Von 8 bis 13.30 Uhr Schule, anschließend Mittagessen. Um 16 Uhr kutschiert die Mutter alle Kinder zum Training. Um 21 Uhr sind sie zurück. Vokabeln lernen sie im Ford Transit.

Auszeiten? "Das ist, als würde man auf der Überholspur fahren und stehen bleiben", sagte Mirko vor vier Jahren als jüngster Student Nordrhein-Westfalens. Er sammelte eifrig Leistungspunkte: Diplom nach acht Semestern, Durchschnitt 1,3. Und während nun die meisten Kommilitonen noch über ihrer Abschlussarbeit hängen, ackert er schon weiter - als Doktorand in den USA.

"Es ist ein guter Zeitpunkt für einen Schnitt", sagte Mirko zwei Wochen vor seiner Abreise. Es klang ein wenig wehmütig, doch er hat sich gut im Griff. Schließlich ist jeder Abschied schon Routine. Vor vier Jahren verließ er die Badminton-Truppe. "Als Student hatte ich keine Zeit mehr fürs Training."

Mirko hat jetzt neue Ziele

Hallo, tschüs und wieder weg. Wo führt ein Leben hin, in dem jeder Abschnitt nur eine Stippvisite ist? "Ins Management", sagte Mirko begeistert, als er mit 14 Jahren sein Mathe-Studium mit Nebenfach Volkswirtschaft begann. Mit 16 trug er Krawatten und fand sich schick. Ein Jahr später war das vorbei. Er hatte ein Praktikum bei einer Frankfurter Bank gemacht und sich allein gefühlt - zwischen all den Schlipsträgern. Die Kollegen nahmen ihn zu einer Weinprobe mit. Doch Mirko wusste nichts über Riesling und Burgunder. Er war schockiert: "Alle waren verheiratet, hatten Kinder. Das kommt doch erst in vielen Jahren."

Die Anzüge hat er nie wieder getragen, will es nie wieder tun. Jetzt, als 20-Jähriger, hat er neue Ziele: den Doktor machen, eine Freundin finden und in Deutschland Professor werden. Fünf Jahre läuft das Mathematik-Stipendium an der Boston University. Da will er zügig durch.

Was passiert, wenn es nicht klappt wie gedacht?

Mirko versteht die Frage nicht.

Neulich hat er gehört, dass es in Florida Disneyland gibt. Wenn er mal Zeit hat, würde er da gern mal hin, "ich liebe Achterbahnen". Natürlich, er ist schließlich ganz normal. Auch wenn andere schon zehn Jahre früher davon träumen.

Forum

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insgesamt 99 Beiträge
1. Nachzucht und Höchstbegabungsverdacht
Systemrelevanter 10.11.2010
das erinnert doch frappierend an Kollegen Wischmeyer's Nachzucht und Höchstbegabungsverdacht: Neuster Elternwahn ist der Höchstbegabungsverdacht gegenüber jedwedem schiefen Knilch, der das Licht der Welt erblickt. Ist ja [...]
das erinnert doch frappierend an Kollegen Wischmeyer's Nachzucht und Höchstbegabungsverdacht: Neuster Elternwahn ist der Höchstbegabungsverdacht gegenüber jedwedem schiefen Knilch, der das Licht der Welt erblickt. Ist ja noch gar nicht lange her, da war jedes Plag irgendwie krank. Zappelphillipsyndrom, Legansthenie, Dyskalkulie, Kindergärtnerinnenalergie. Die ganze Brut bestand nur aus B-Ware. Hintergrund war natürlich, die Verantwortung für das elterliche Aufzuchtversagen an ein objektivierbares Krankheitsbild zu delegieren und mit Pharmaka aus der Welt zu schaffen. Das war praktisch, hatte nur den Nachteil, dem Rangen letztendlich das Stigma des Bekloppten aufzudrücken. Da ersann sich aber die Elternfantasie das Hirngespinst der Höchstbegabung. Geradezu als Karrikatur auf die tatsächlichen Pisaergebnisse, strotzt es unter den Germanenwelpen seither nur so von Blitzgescheiten, die an sich jede Menge Klassen überspringen müssten, wenn sich nicht gar direkt die Windeln gegen Harvard wechseln müssten. In auffälliger Korelation zum Einzelkindstatus übrigens ist fast jeder normale Dreikäsehoch ein verkannter Einstein, dem mit ein paar pedagogischen Push-ups the return of Relativitätstheorie abgeluchst werden könnte. Und so weiter..
2. Titel
testthewest 10.11.2010
Irgendwie sagt der Artikel mehr über Frau Dahlkamp aus, als über Mirko. Es wird mehrfach darauf hingewiesen, dass er also unter Personen, die 5 Jahre älter waren nicht mit auf Feten ging. Ach echt? Ist auch doof, wenn [...]
Zitat von sysopWie schnell darf die Jugend vergehen? Hinter einem Wunderkind steht manchmal auch eine wundersame Familie. Mirko Fillbrunn, 20, hat seine Schulzeit schon fast vergessen: Abi mit 14, Diplom mit 18, nun die Promotion in den USA - sein Leben rast dahin, nur fürs Achterbahnfahren bleibt keine Zeit. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,728101,00.html
Irgendwie sagt der Artikel mehr über Frau Dahlkamp aus, als über Mirko. Es wird mehrfach darauf hingewiesen, dass er also unter Personen, die 5 Jahre älter waren nicht mit auf Feten ging. Ach echt? Ist auch doof, wenn alle inne Disco rennen und Bier trinken und man selbst draussen bleiben muss und Selters bekommt. Hat die Autorin selber eine Aversion gegen das lernen? Heisst es nicht, Schule sein interessant? Nun interessiert sich mal wirklich jemand dafür und wird dafür negativ porträtiert. Es kommen auch nur Leute zu Wort, die das genauso sehen, wie zB ihrgendwelche Lehrer, die behaupten "die büffeln in den Ferien!!" als ob das verwerflich sei. Unterbewusst finden diese Personen also ihr Fach selbst so langweilig, dass jemand mit Interesse unheimlich wird. Überhaupt: Was genau hat es mit der Physis des Jungen auf sich, dass sie permanent beschrieben wird? Hat sie sich von Altersgenossen unterschieden? Haben sonst alle 20 jährige in Dtl einen Vollbart? Gehen sie doch mal in eine Uni und schauen sich die Erstsemester dort an, sehen nicht viel anders aus als das Bild oben.
3. Überholspur
SirLurchi 10.11.2010
Ist doch toll, wenn es dem jungen Mann Spaß macht. Wichtig ist, dass er seine Schulzeit nicht als Belastung empfunden hat und das kann ich dem Artikel nicht entnehmen. Dafür zeigt der Artikel aber ganz deutlich, woran es [...]
Ist doch toll, wenn es dem jungen Mann Spaß macht. Wichtig ist, dass er seine Schulzeit nicht als Belastung empfunden hat und das kann ich dem Artikel nicht entnehmen. Dafür zeigt der Artikel aber ganz deutlich, woran es in der Schule mangelt: Der Vermittlung eines gewissen Leistungsgedanken und -anspruchs. "Wer rumalbert ist toll!" So, oder ähnlich hat sich doch die Lehrerin geäußert. Schade, das für diesen hehren Anspruch dt. Schulen so viele talientierte Jugendliche leiden müssen unter tödlicher Langeweile.
4. ...
Senfkorn 10.11.2010
Das stimmt so. Wenn Kinder sich in anderem Tempo entwickeln als allgemein üblich, hab man es schwer im deutschen Schulsystem, das oft nur Einheitsgrössen stricken kann. Niemand überspringt auch 4 Schuljahre weil von den [...]
Zitat von sysopWie schnell darf die Jugend vergehen? Hinter einem Wunderkind steht manchmal auch eine wundersame Familie. Mirko Fillbrunn, 20, hat seine Schulzeit schon fast vergessen: Abi mit 14, Diplom mit 18, nun die Promotion in den USA - sein Leben rast dahin, nur fürs Achterbahnfahren bleibt keine Zeit. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,728101,00.html
Das stimmt so. Wenn Kinder sich in anderem Tempo entwickeln als allgemein üblich, hab man es schwer im deutschen Schulsystem, das oft nur Einheitsgrössen stricken kann. Niemand überspringt auch 4 Schuljahre weil von den Eltern in den Sommerferien gedrillt, wie von der Lehrerin angenommen. Manche Kinder passen eben nicht in die gängigen Schubladen, das ist alles.
5. gut gut
nachtjaeger 10.11.2010
schön zu sehen, was möglich ist, ich bin ein bisschen neidisch. hoffentlich bleibt er, wie er ist und wirft sich nicht irgendwann plötzlich vor einen zug oder sowas.
schön zu sehen, was möglich ist, ich bin ein bisschen neidisch. hoffentlich bleibt er, wie er ist und wirft sich nicht irgendwann plötzlich vor einen zug oder sowas.

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