22.09.2011
Studentin in Ausländer-raus-Show
Mit Applaus zur Abschiebung
Aus Groningen berichtet Benjamin DürrJeder Tag könnte der letzte sein. Seit fünf Jahren lebt Sabina Kadzhijeva, 24, geboren in Tschetschenien, mit dem Wissen, niederländische Grenzschützer könnten sie holen und abschieben, in ihr Geburtsland, ein fremdes Land.
Ein Moment, auf den man sich eigentlich nicht vorbereiten kann. Wie es sich aber anfühlen könnte, eine Gangway zum Abschiebeflieger raufzusteigen, das hat Sabina wenigstens schon erlebt - in der Fernseh-Show "Weg van Nederland" ("Raus aus den Niederlanden").
Sabina war Quiz-Kandidatin und spielte gegen vier andere junge, niederländische Migranten um 4000 Euro. Sie unterlag im Finale und kletterte zum Abschied mit der Siegerin, der jungen armenischstämmigen Kurdin Gulistan, durch eine Kabinentür in ein Flugzeug. Die Studio-Menge tobte. "Merkwürdig war das, so unter Applaus verabschiedet zu werden."
Die TV-Sendung, ausgestrahlt Anfang September, war für die Zuschauer vordergründig pure Unterhaltung. Ausstaffiert mit rot-weiß-blauen Fähnchen jubelten sie beim Einzug und beim Auszug der Kandidaten. Die fünf jungen Asylbewerber als Quiz-Kandidaten beantworteten Fragen über ihre neue Heimat Holland, die meisten davon fehlerlos. Sie sollten Volkslieder an der Melodie erkennen und aus Käsestücken die Umrisse der Niederlande formen. Vom gut gelaunten Moderator bekam Siegerin Gulistan am Ende ihr Geldköfferchen - "für den Start in deinem Heimatland, wohin du bald abgeschoben wirst".
Im Laster nach Amsterdam, aufgewachsen in den Niederlanden
Die Show war ironisch, hart, aber echt - genau wie die Schicksale ihrer Hauptfiguren. Sabina flüchtete mit ihrer Familie vor elf Jahren aus Tschetschenien. Dort hatte man die Familie verachtet, weil Sabinas Eltern eine christlich-muslimische Ehe führten. Die Polizei verfolgte den Vater, weil er den Wehrdienst verweigert hatte.
"Nach einem Bombardement hatten wir nichts mehr. Ein Lastwagenfahrer hat uns nach Europa mitgenommen." An ihre Flucht kann sich Sabina kaum noch erinnern. Der Fahrer versteckte die Familie im Laderaum, hinter Kisten. An der EU-Außengrenze spähten die Grenzer nur oberflächlich in den Laster. "Die Tür ging auf, aber gleich wieder zu." Dann ließ sie der Fahrer in Amsterdam aussteigen.
Aufgewachsen in Holland, spricht Sabina fließend Niederländisch. Anfang 2012 könnte sie ihr Bachelor-Studium der slawischen Sprache an der Universität in Groningen abschließen. Aber eigentlich, sagt sie, brauche sie gar keine großen Zukunftspläne zu schmieden. "Seit fünf Jahren lebe ich in den Tag hinein." Damals scheiterte der letzte Versuch, vor Gericht eine Aufenthaltsgenehmigung zu erstreiten.
Hinter der schrillen Spaß-Fassade der Show "Weg van Nederland" steckt ein ernstes Problem; in dem einst als offen und liberal geltenden Land ist die Stimmung aufgeheizt. Schuld an der Ausländer-raus-Hysterie sind Politiker vom Schlag Geert Wilders', der Sätze sagt wie: Holland ist das Land von Henk und Ingrid, nicht von Ali und Fatima. Seit einem Jahr stützt Wilders' Partei für die Freiheit eine konservative Minderheitsregierung. Und eine von Wilders' Bedingungen dafür war ein schärferes Asylgesetz.
Trostpreise: Tulpenzwiebeln und eine schusssichere Weste
Asylsuchende müssen sich in den Niederlanden an eine zentrale Stelle wenden. Binnen zwei Wochen wird vorgeprüft, eine Entscheidung fällt innerhalb von sechs Monaten. Kommt der Antrag durch, winkt eine zeitlich beschränkte Aufenthaltserlaubnis. Wird er abgelehnt, kann der Asylsuchende klagen.
Sabinas Trostpreis als zweitbeste Abschiebe-Kandidatin in "Weg van Nederland" war ein Überlebenspaket mit Energie-Riegel, Kerzen und Kopfschmerztabletten. "Für das raue Tschetschenien", sagte der Moderator. Weitere Preise: eine schusssichere Weste mit Windmühlenmotiven und ein Sack Tulpenzwiebel.
Sie habe gewusst, was auf sie zukommt, sagt Sabina. Allerdings, "dass die Show so zynisch wird, das hatte ich nicht erwartet". Marius van Duijn von der Produktionsfirma Skyhigh TV sagt, mit den Kandidaten seien das Konzept der Sendung "und der Ton" besprochen worden. Lediglich in die Quiz-Fragen hätten die Spieler keinen Einblick gehabt. Er nennt die Sendung einen "einmaligen Aufmerksamkeits-Magnet", eine Fortsetzung soll es nicht geben.
Sabina hofft, dass die Macht der Provokation ausreicht, damit sich etwas ändert - wie bei der in den Niederlanden inszenierten Organspende-Show vor vier Jahren. Die Kandidaten spielten damals vermeintlich um eine Spender-Niere. Die Sendung war ein Fake, trotzdem schnellte die Zahl potentieller Organspender in die Höhe.
Dorine Manson, Direktorin des Flüchtlingswerks der Niederlande, findet "Weg van Nederland" zwar "grenzwertig", aber die Sendung habe auch ein anderes Bild von Asylbewerbern gezeichnet. Einer der Teilnehmer studierte Medizin, ein anderer Luftfahrttechnik - alle sind gut ausgebildete junge Menschen. "Genau das wollten wir zeigen", sagt auch Frank Wiering, Chefredakteur des öffentlich-rechtlichen Senders VPRO, "wie sehr die Quiz-Teilnehmer Niederländer sind." Produktionsmitarbeiter van Duijn ergänzt: "Es kann doch nicht sein, dass Menschen einfach weggeschickt werden, die zehn Jahre lang ihr bestes gegeben haben, um Niederländer zu werden."
Das sieht auch Sabina so: "Im Fernsehen haben wir gezeigt, wie gut wir integriert sind und was wir im Kopf haben." Durch die Diskussionen auch im Ausland komme Holland nicht umhin, über seine Asylpolitik zu diskutieren, hofft sie. Dass sie schließlich mitmachte, bei "Weg van Nederland", war dem Zufall geschuldet. Über Asylorganisationen hatte der Sender gezielt junge, gut ausgebildete Asylbewerber gesucht. Sabina wurde so ausgewählt, den Vorzug hätte dann aber eine Freundin bekommen sollen, sagt Sabina. "Aber die wurde kurz vor der Aufzeichnung der Sendung nach Kasachstan abgeschoben."

