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24.02.2012
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Syrischer Student sucht Asyl

"Prost, ich habe überlebt!"

Von Julia Reichardt
Julia Reichardt

Er zündete den Funken der Revolution an seiner Uni in Damaskus, jetzt hockt Dellair Youssef, 22, in einem Asylbewerberheim im Schwarzwald. Am Laptop verfolgt er den syrischen Aufstand und weiß nach vier Wochen in Deutschland: Hier bleib ich nicht.

Dellair Youssefs Zimmer im Asylbewerberheim ist gut zehn Quadratmeter groß. Vier Männer teilen sich den Raum. Einer schneidet Zwiebeln, der Zweite zerdrückt mit einer Tasse Kichererbsen zu Püree, der Dritte raucht. Youssef sitzt auf seinem Bett und schreibt auf seinem Laptop.

Er kommt aus Syrien und ist der Einzige im Raum, der keine Jogginghosen und Badelatschen trägt, sondern enge Jeans und eine braune Lederjacke. Mit seinen schwarzen Locken, der sanft gewölbten Nase und dem Vollbart sieht er aus wie der junge Cat Stevens.

"Wir, das Volk, sind die Lösung", steht auf seiner Facebook-Seite in arabischer Schrift. Darunter eine weiße Blume, "das Symbol für Streik", sagt Youssef. Direkt hinter seinem Bildschirm tunken die Mitbewohner Salatblätter in das Kichererbsen-Olivenöl-Püree. Es riecht nach Knoblauch.

Mit Mozart gegen den Krach im Heim

Auf Youssefs Bett liegen Bücher. Ein deutsch-arabisches Lexikon und Gedichte vom palästinensischen Dichter Mahmud Darwisch. Viele von Youssefs Mitbewohnern warten bereits seit über einem Jahr auf ihren Asylentscheid, es gibt kaum Privatsphäre. Youssef versucht, zu den Zimmergenossen freundlich Distanz zu halten. Oft stöpselt er sich die Ohren mit dem MP3-Player zu, hört Mozart oder syrische Popmusik.

Über ihm baumelt eine kleine Lampe vom Lattenrost. Nachts, wenn die anderen schlafen, knipst er sie an und beginnt mit der Arbeit für die Revolution. Dann schreibt er Streikaufrufe oder schickt Filme an al-Dschasira, lädt sie hoch bei YouTube. "Nur nachts habe ich hier meine Ruhe", sagt er.

Auf seinem Laptop hat Youssef sein altes Leben gespeichert. Fotos von der Freundin, von seinem Zimmer im Elternhaus. Kurzfilme, die er gedreht hatte, bevor die Revolution ausbrach, die inzwischen zum Bürgerkrieg geworden ist. Über das Schattentheater in Damaskus. Das traditionelle Lämmerschlachten zum Opferfest. Lange verharrt die Kamera auf der Blutlache der geschächteten Tiere.

Wer in Syrien demonstriert, bringt sich in Lebensgefahr

Der 14. April 2011 riss Dellair Youssef aus seinem alten Leben, macht ihn über Nacht zum Staatsfeind und Verfolgten. An jenem Apriltag organisierte er an seiner Uni eine Großdemonstration gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad mit. Für ein freies Syrien, in dem man Filme drehen, schreiben, offen seine Meinung sagen kann, ohne Angst, dafür verhaftet zu werden. Youssef weiß: Wer in Syrien demonstriert, muss damit rechnen, getötet zu werden.

Auf dem Uni-Campus überfielen ihn sechs Männer, warfen ihn zu Boden, schlugen ihn, legten ihm Handschellen an, erinnert sich Youssef. Die mutmaßlichen Geheimdienstmitarbeiter verschleppten, verhörten und folterten ihn, bis es dunkel wurde. Am nächsten Tag wollten sie ihn in ein anderes Gefängnis bringen. Auf der Fahrt dorthin gelang Youssef die Flucht. Er schaffte es in die die Türkei, später nach Ägypten. Seine Mutter schickte ihm den Laptop nach.

Das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" lud ihn im Oktober zu einem Interview nach Deutschland ein, als sich die politische Situation in Ägypten zuspitzte. Youssefs Wohnung in Ägypten wurde durchsucht, seine syrischen Freunde in Kairo riefen ihn an und rieten ihm, eine Weile in Deutschland zu bleiben.

Alles, was er bei sich hatte, waren Rucksack und Laptop. Sein Businessvisum für Europa galt nur noch wenige Tage. Früher hatte er als Freiwilliger in syrischen Flüchtlingslagern gearbeitet. Jetzt musste er selbst Asyl beantragen. Nach der Türkei und Ägypten ist Deutschland das dritte Land innerhalb von sechs Monaten, in dem er sein Leben von vorn beginnen muss.

Die Deutschen sind hilfsbereit, die Bürokratie zermürbend

"Ich wusste nicht, was ich machen sollte, hatte keinen Plan", sagt er. Ein deutscher Journalist hilft Youssef bei seinem Asylantrag. "Sie müssen warten", heißt es in der zuständigen Behörde und im Aslybewerberheim. Immerzu hört er diesen Satz. Die Menschen in Deutschland findet er hilfsbereit, die Bürokratie zermürbend.

In seinem ersten Asylbewerberheim in Karlsruhe geht es ihm gut, es liegt in der Stadt, er hat Freunde, geht aus. Dann wird er in die tiefste, süddeutsche Provinz verlegt. Das Heim steht zwischen einer stillgelegten Papierfabrik und Bahngleisen. Seinen Pass musste er abgeben, maximal 30 Kilometer darf er sich von der Unterkunft entfernen, arbeiten ist ihm verboten.

Manchmal sucht er bei Google Maps sein Elternhaus und seine Uni. In Syrien gehen Zehntausende auf die Straße, Assads Schläger knüppeln die Proteste nieder, Panzer schießen auf die Aufständischen. Youssef sitzt auf seinem Bett im Heim und singt die Demo-Lieder leise mit. Er, der die Revolution von Anfang an begleitet hat, ist allein in der deutschen Einöde und wartet.

Youssef sitzt in einem Café in der nächstgelegenen Kleinstadt, er ist gesprächiger als im Heim. "Dort bin ich nicht ich", sagt er. Wieder hat er eine Nachtschicht hinter sich. "Die Revolution wächst von Tag zu Tag", sagt er. "Dies ist keine arabische Revolution. Es ist eine menschliche Revolution. Zum ersten Mal setzen sich in Syrien Araber für die Rechte der Kurden ein."

Youssefs Großvater war kurdischer Aktivist in Syrien. Er suchte den Namen Dellair aus, das heißt mutiges Herz. Seine Mutter floh als Regimegegnerin aus dem Irak nach Syrien. Sein älterer Bruder beantragte politisches Asyl in England, der Onkel in Holland. "Ich habe die Revolution im Blut", sagt Youssef.

"Ich liebe dich wie Damaskus"

Lachen ist seine Stärke, Lachen ist Widerstand, sagt er. Sie konnten es nicht aus ihm herausprügeln. Die Folter hat ihn nicht gebrochen, auch wenn sie äußerst brutal war: Er habe sich ausziehen müssen, sie traten mit Stiefeln gegen seinen Kopf und in sein Gesicht. Zweimal war er bewusstlos. Mit kaltem Wasser weckten sie ihn wieder auf.

Mit leiser Stimme erzählt Youssef von der Folter. Zuerst habe er damals Rache üben wollen. Töten, Bomben legen, sich in die Luft sprengen. Die Rachegefühl sind inzwischen verflogen, für Syrien wünscht er sich noch immer eine friedliche Revolution, auch wenn es nicht danach aussieht.

Er hebt sein Bierglas und sagt: "Prost, ich habe überlebt." Er trinkt aus, bestellt noch eins und erzählt von Damaskus und von seiner Freundin. "Wenn ich ihr ein Kompliment machen will, dann sage ich: 'Ich liebe dich wie Damaskus.'" Was würde passieren, wenn er zurück nach Syrien ginge? "Sie würden mich an der Grenze erschießen."

Anfang Februar hat er seinen Pass abgeholt. Er will nicht länger in Deutschland warten, will zurück nach Ägypten. Seine Eltern sind besorgt. "In Kairo leben viele Exil-Syrer. Dort bin ich näher dran an der Revolution." Verwandte in den Niederlanden werden helfen, den Flug zu bezahlen. Als Syrer darf er drei Monate in Ägypten bleiben, wenn er Arbeit findet, länger.

"Die Heimleitung wird froh sein, wenn ich gehe", sagt er. "Ich bin ein Problem." Immer wieder kommen Filmstudenten und Journalisten, um zu zeigen, wie ein Exil-Syrer dort lebt. Einer, der seine Heimat verloren hat. Aber auch einer, der mehr Glück hatte als viele seiner Landsleute. Bei den Angriffen ist erst vor wenigen Tagen wieder ein guter Freund von Youssef gestorben. Auch für ihn will er nun weiterkämpfen.

Forum

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insgesamt 21 Beiträge
1.
unterländer 24.02.2012
Es ist natürlich bedauerlich, im Schwarzwald leben zu müssen. Habe mir aber sagen lassen, dass Andere dort freiwillig leben und sogar Urlaub machen. Im Übrigen wurde die Residenzpflicht für Asylbewerber m.W. gerade von der [...]
Zitat von sysopEr zündete den Funken der Revolution an seiner Uni in Damaskus, jetzt hockt Dellair Youssef, 22, in einem Asylbewerberheim im Schwarzwald. Am Laptop verfolgt er den syrischen Aufstand und weiß nach vier Wochen in Deutschland: Hier bleib ich nicht. Syrischer Student sucht Asyl: "Prost, ich habe überlebt!" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,815778,00.html)
Es ist natürlich bedauerlich, im Schwarzwald leben zu müssen. Habe mir aber sagen lassen, dass Andere dort freiwillig leben und sogar Urlaub machen. Im Übrigen wurde die Residenzpflicht für Asylbewerber m.W. gerade von der Landesregierung Ba-Wü abgeschafft.
2. Feigling...
glaubhafter_politiker 24.02.2012
...erst sowas anfangen und wenns brenzlig wird abhauen.
...erst sowas anfangen und wenns brenzlig wird abhauen.
3. schlau geht anders
leser008 24.02.2012
Na ja, ich wünsch dem Youssef alles Gute und Erfolg. Aber sein timing ist superschlecht und sein Lebensmotto wohl einzig: wird schon gutgehen. Dass in drei Monaten der Tumult in Syrien vorbei ist, glaubt wohl niemand. Dann [...]
Zitat von sysopEr zündete den Funken der Revolution an seiner Uni in Damaskus, jetzt hockt Dellair Youssef, 22, in einem Asylbewerberheim im Schwarzwald. Am Laptop verfolgt er den syrischen Aufstand und weiß nach vier Wochen in Deutschland: Hier bleib ich nicht. Syrischer Student sucht Asyl: "Prost, ich habe überlebt!" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,815778,00.html)
Na ja, ich wünsch dem Youssef alles Gute und Erfolg. Aber sein timing ist superschlecht und sein Lebensmotto wohl einzig: wird schon gutgehen. Dass in drei Monaten der Tumult in Syrien vorbei ist, glaubt wohl niemand. Dann läuft seine Zeit in Ägypten ab, denn jobs gibt es dort überhaupt nicht mehr. Da werden die mittlerweile stengislamischen Ägypter einen Unruhestifter und bekennenden Biertrinker (sogar 2 mal!!) ruckzuck loswerden wollen.
4. kein Problem
Was_sein_muß_muß_sein 24.02.2012
Ich hab kein Problem damit, wenn er den schönen Schwarzwald wieder verläßt. In Ägypten wird er sicherlich mehr benötigt als hier in der Idylle.
Ich hab kein Problem damit, wenn er den schönen Schwarzwald wieder verläßt. In Ägypten wird er sicherlich mehr benötigt als hier in der Idylle.
5. Ein Asylant
friedrich1954 24.02.2012
Im Syrien wird es er Leib undLeben bedroht.Er hat anrecht auf Asyl. Soweit mir bekannt, muß das erste Land, welches er in der EU betritt, aufnehmen. Wieso ist er dann in Deutschland.Funktioniert die ERU nicht.Hat sich [...]
Im Syrien wird es er Leib undLeben bedroht.Er hat anrecht auf Asyl. Soweit mir bekannt, muß das erste Land, welches er in der EU betritt, aufnehmen. Wieso ist er dann in Deutschland.Funktioniert die ERU nicht.Hat sich rumgesprochen,das die Unterhaltsleistung in D am besten sind? Wieso ist es hier?

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