04.07.2012
Rituale auf Festivals
Götter im Dixi, erhöret uns
Heavy Metal in Wacken: "Noch härter als der Start ist die Landung"
Doch so erhebend die Momente sind, in denen man auf Händen getragen wird, so anstrengend sind Start und Landung. Zum Zweck des Starts muss der Crowdsurfer einen Freiwilligen überzeugen, ihn mittels einer Räuberleiter erst mal über die Leute zu hieven. Das fällt am leichtesten, wenn der Crowdsurfer eine Crowdsurferin ist. Frauen werden bei Festivals am liebsten auf Händen getragen und können sich im Gegensatz zu Männern auch sicher sein, immerfort weitergereicht zu werden.
Männer benötigen zum Start einen Freund oder Bekannten, der die Räuberleiter macht. Ist keiner in der Nähe, sind sie in ihrer Euphorie häufig so dumm, ihrem Vordermann einfach ungefragt ins Kreuz zu steigen, was den Start oft schon im Keim erstickt.
Noch härter als der Start ist die Landung. Findet diese noch innerhalb der Menge statt, liegt das daran, dass sich ein Loch in den Händen aufgetan hat oder einfach niemand mehr die Verpflichtung fühlt, mit dem Tragen weiterzumachen. Da meistens auf dem Rücken gesurft wird (auch wenn die Grapscher ständig versuchen, die Surferinnen umzudrehen), fällt man aus zweieinhalb Metern Höhe ungebremst auf die Wirbelsäule und kann nach der Heimfahrt die Frührente einreichen.
Campino, der Späher am Mast
Wird man bis zum Graben durchgetragen, muss man beten, dort auf die Sicherheitskräfte des Lichts zu treffen. Sie pflücken einen sanft von den Händen und geben einem zum Zwecke des zügigen Weitergehens noch einen kleinen Klaps auf den Hintern. Haben hingegen die Sicherheitskräfte der Finsternis Dienst, rupfen sie den Crowdsurfer wie einen Verbrecher aus der Menge und rammen ihn zu Boden.
Einen Sonderfall stellt das Crowdsurfing der Musiker dar, die sich gütig in die Menge begeben, um sich von ihren Fans tragen zu lassen. Sie drücken dadurch Volksnähe aus und haben die Möglichkeit, ihr Publikum einmal wörtlich zu beschnuppern. Arnim von den Beatsteaks lässt sich gerne ein paar Meter wie ein Surfer auf einem Brett über die Menge tragen. Campino von den Toten Hosen schmeißt sich pur in die Leiber und rollt sich bis hinten zum Mischpultaufbau durch, dessen Stahltürme er erklimmt, um wie ein Späher am Mast eines Segelschiffes zu seinen Anhängern herunterzuwinken. Sticht ihn besonders doll der Hafer, springt er aus ein paar Metern Höhe in die Menge zurück.
Man kann von Glück reden, dass die Toten Hosen als fundamentalistische Düsseldorfer niemals auf der Kölner Domplatte spielen würden, denn dann wäre es durchaus wahrscheinlich, dass Campino während des antiklerikalen Liedes "Paradies", das Funkmikro in der Hand, aus 157 Metern in die Menge stürzen würde.