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04.07.2012
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Rituale auf Festivals

Götter im Dixi, erhöret uns

3. Teil: Dinge mit Dixis machen: Die Klo-Box als Gefängnis und Litfaßsäule

Ein Dixi ist für vieles gut, doch nur selten benutzen es Festivalbesucher fürs Geschäft
Jörg Everding

Ein Dixi ist für vieles gut, doch nur selten benutzen es Festivalbesucher fürs Geschäft

Als das erste Dixi unter die Festivalmenschen kam, muss es gewesen sein wie in Stanley Kubricks Film 2001: Odyssee im Weltraum, wo die Wilden verwirrt um den rätselhaften schwarzen Monolithen stehen und sich fragen, was sie damit anfangen sollen.

Klopfend entlockten die Besucher dem Hartplastik der Mobiltoilette dumpfe Töne, schreckten zurück und fanden schließlich die Tür. Drinnen steckten sie den Schädel in das große Loch, riefen die Namen ihrer Götter und beobachteten die Wellen, welche die Vibrationen ihrer Stimme in der blauen Flüssigkeit auslösten.

Im Prinzip hat sich an diesem Verhältnis zum Dixi bis heute nichts geändert. Der Besucher weiß mittlerweile, welchen Zweck das kleine Gebäude erfüllt, aber er macht trotzdem nicht das damit, was er soll. Immer noch zieht die blaue Kiste die Menschen magisch an und fordert sie heraus, sich mit ihr auszuleben.

So ist es Sitte, dass manche Rudel ihre jüngsten männlichen Mitglieder in Einkaufswagen setzen, die Tür des Dixis öffnen, Anlauf nehmen und den Wagen mit dem armen Tropf darin auf den Schlund zuschieben. Kurz vor der Tür kippen sie das Drahtgitter auf Rädern nach vorne, so dass der junge Mann mit Schwung in die Kabine fliegt. Diese halbe Sekunde ist für ihn das Spannendste an der Sache, weil er noch nicht weiß, wie genau er innen aufprallen und wo sein Gesicht landen wird. Im schlimmsten Falle steckt er kopfüber im Loch und hört das Echo der ersten Menschen als Nachhall in den blauen Wassern.

Klangkörper, Gewichtsstange, Litfaßsäule

Die Trommler benutzen das Dixi als riesigen Klangkörper und entlocken ihm je nach Füllgrad verschiedene Tonhöhen. Die Barbaren stemmen es über den Schädel, heben es wie eine Gewichtstange ein paarmal auf und ab und kniepen mit den Augen, wenn ein wenig Suppe aus der Ritze tropft. Der Weltverbesserer rückt ihm mit dickem Edding zu Leibe und macht daraus eine Litfaßsäule für seine politischen Botschaften. Der Vandale zündet es an.

FOTOSTRECKE

Typologie der Festivalbesucher: Flirter, Jünger, Vandale, Kinnbart
Niemand allerdings nutzt das Dixi für seinen eigentlichen Zweck. Gelegentlich mag es ein wenig Urin von Männern und Frauen aufnehmen, die nicht in die Pampa pinkeln wollen, aber für das große Geschäft finden die Besucher des Festivals andere Wege. Das ist verständlich. In einem Dixi herrschen bei 32 Grad Außentemperatur mindestens schwüle 60 Grad mit einer Luftfeuchtigkeit von 95 Prozent, zusammengesetzt aus den Dämpfen der Kloake.

Manche haben versucht, den Abstand zwischen sich und dem Abgrund zu vergrößern, indem sie mit den Füßen links und rechts auf der Klobrille balancierten. Sie trugen Chucks mit Gummisohlen und die Klobrille war glitschig vom Schweiß der Vormieter. Sie sind bis heute in Therapie.

Die Festivalbesucher weichen daher trotz langer Schlangen lieber auf die regelmäßig gereinigten, festen Kabinenwagen aus oder machen aus ihrem Stuhlgang einen genussvollen kleinen Urlaub. Alle zwei Tage verlassen sie das Gelände, wandern ins nächste Dorf, trinken in einer gutbürgerlichen Kneipe ein Bier für 2,50 Euro und lassen sich danach auf die Keramik der Zivilisation nieder.

Forum

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insgesamt 15 Beiträge
1.
miruwa 04.07.2012
Man kann ja keinen zu seinem Glück zwingen. Festivals sollte man auf jeden Fall besucht haben, bevor der alternde Rücken den Campingspass trübt.
Zitat von hartholz365Solche Festivials haben mich deshalb nie gereizt. Für das ganze Pack drumherum das man ertragen muss, müsste man mir noch Geld bezahlen, dafür gebe ich keinen Cent aus.
Man kann ja keinen zu seinem Glück zwingen. Festivals sollte man auf jeden Fall besucht haben, bevor der alternde Rücken den Campingspass trübt.
2. kleine Anregung
walter_e._kurtz 04.07.2012
...zum Thema quer-durch-die-gegend-fliegen: Man nehme; einen ollen fuffi-scooter, schweiße ein ca. 4m langes Stahlrohr quer zur Fahrtrichtung an den Rahmen, auf der anderen Seite befestige man eine ausreichend große Öse, durch [...]
...zum Thema quer-durch-die-gegend-fliegen: Man nehme; einen ollen fuffi-scooter, schweiße ein ca. 4m langes Stahlrohr quer zur Fahrtrichtung an den Rahmen, auf der anderen Seite befestige man eine ausreichend große Öse, durch die man einen (ebenfalls ausreichend großen) Erdnagel in den Grund treibt. Den Umkreis am besten gut wässern! Ich weiß, ist für die Weicheier, aber der Streß mit den Besitzern der planierten Zelten ist geringer, und Knochenbrüche sind auch hier nicht ausgeschlossen!!
3.
Celegorm 04.07.2012
Crowdsurfing ist eigentlich nur in Kombination mit Stagediving vertretbar, sowohl aus Stilgründen wie auch durch den Umstand, dass die Person dann von vorne kommt. Zumal das ja auch der Ursprung des Ganzen ist. Blöderweise sind [...]
Crowdsurfing ist eigentlich nur in Kombination mit Stagediving vertretbar, sowohl aus Stilgründen wie auch durch den Umstand, dass die Person dann von vorne kommt. Zumal das ja auch der Ursprung des Ganzen ist. Blöderweise sind gerade Festivals mittlerweile ungeeignet dafür, da selbst kleinere Bühnen gefühlte 20 Meter-Gräben haben. Allerdings kein Grund, das mit einer grenzwertigen Light-Version fortleben zu lassen, bei der sich meist irgendein alkoholisierter Brocken hochheben lässt um den arglosen Leuten zwei Reihen weiter ins Genick zu fallen. Als Gegenwehr bleibt eigentlich nur noch, solche Gestalten absichtlich ins Leere fallen zu lassen. Sowieso sind eigentlich all diese "Rituale" so anachronistisch wie phantasielos. "Helga"-Rufer outen sich doch schon seit Langem als vorpubertäre Grünschnäbel oder Leute, die offenbar in den frühen 90ern mal die falschen Drogen erwischt haben. Gilt auch für die neuen "Trends". Ja, es sah witzig aus, als die Beatsteaks den Ring absitzen liessen, aber wenn manche das mittlerweile bei jeder Schnarchnasen-Band dreimal pro Auftritt anzetteln wollen ist es nur noch peinlich. Sowieso scheint man oft den Eindruck zu haben, dass viele so krampfhaft "Spass haben" wollen, dass sie diesen zielsicher nicht erreichen..
4.
kaninchenfurz 04.07.2012
sowas passiert immer nur im Suff ....
sowas passiert immer nur im Suff ....
5. Helga ...
kranewasser57 04.07.2012
.. wurde das erste Mal Mitte der 80er auf dem damaligen Passauer Open Air auf dem Thingplatz am Oberhaus gesucht. Und zwar während einer Musikpause am hellichten Tag. Als Mitorganisator des Festivals in den ersten Jahren (1980 war [...]
.. wurde das erste Mal Mitte der 80er auf dem damaligen Passauer Open Air auf dem Thingplatz am Oberhaus gesucht. Und zwar während einer Musikpause am hellichten Tag. Als Mitorganisator des Festivals in den ersten Jahren (1980 war das erste, 1998 m.W. das letzte) habe ich das als riesengroßen Spass empfunden, mit dem sich die Besucher in den musiklosen Umbaupausen die Zeit vertrieben haben. In den folgenden Jahren war das dann der "Schlachtruf der Eingeweihten". Ob nun der Erfinder das aus St. Gallen mitgebracht oder von Passau nach St. Gallen exportiert hat - darüber mögen sich andere streiten. Vielleicht gibt es im Netz ja noch jemand, der sich als Teilnehmer in Passau daran erinnert.

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