04.07.2012
Rituale auf Festivals
Götter im Dixi, erhöret uns
Ein Dixi ist für vieles gut, doch nur selten benutzen es Festivalbesucher fürs Geschäft
Klopfend entlockten die Besucher dem Hartplastik der Mobiltoilette dumpfe Töne, schreckten zurück und fanden schließlich die Tür. Drinnen steckten sie den Schädel in das große Loch, riefen die Namen ihrer Götter und beobachteten die Wellen, welche die Vibrationen ihrer Stimme in der blauen Flüssigkeit auslösten.
Im Prinzip hat sich an diesem Verhältnis zum Dixi bis heute nichts geändert. Der Besucher weiß mittlerweile, welchen Zweck das kleine Gebäude erfüllt, aber er macht trotzdem nicht das damit, was er soll. Immer noch zieht die blaue Kiste die Menschen magisch an und fordert sie heraus, sich mit ihr auszuleben.
So ist es Sitte, dass manche Rudel ihre jüngsten männlichen Mitglieder in Einkaufswagen setzen, die Tür des Dixis öffnen, Anlauf nehmen und den Wagen mit dem armen Tropf darin auf den Schlund zuschieben. Kurz vor der Tür kippen sie das Drahtgitter auf Rädern nach vorne, so dass der junge Mann mit Schwung in die Kabine fliegt. Diese halbe Sekunde ist für ihn das Spannendste an der Sache, weil er noch nicht weiß, wie genau er innen aufprallen und wo sein Gesicht landen wird. Im schlimmsten Falle steckt er kopfüber im Loch und hört das Echo der ersten Menschen als Nachhall in den blauen Wassern.
Klangkörper, Gewichtsstange, Litfaßsäule
Die Trommler benutzen das Dixi als riesigen Klangkörper und entlocken ihm je nach Füllgrad verschiedene Tonhöhen. Die Barbaren stemmen es über den Schädel, heben es wie eine Gewichtstange ein paarmal auf und ab und kniepen mit den Augen, wenn ein wenig Suppe aus der Ritze tropft. Der Weltverbesserer rückt ihm mit dickem Edding zu Leibe und macht daraus eine Litfaßsäule für seine politischen Botschaften. Der Vandale zündet es an.
Niemand allerdings nutzt das Dixi für seinen eigentlichen Zweck. Gelegentlich mag es ein wenig Urin von Männern und Frauen aufnehmen, die nicht in die Pampa pinkeln wollen, aber für das große Geschäft finden die Besucher des Festivals andere Wege. Das ist verständlich. In einem Dixi herrschen bei 32 Grad Außentemperatur mindestens schwüle 60 Grad mit einer Luftfeuchtigkeit von 95 Prozent, zusammengesetzt aus den Dämpfen der Kloake.
Manche haben versucht, den Abstand zwischen sich und dem Abgrund zu vergrößern, indem sie mit den Füßen links und rechts auf der Klobrille balancierten. Sie trugen Chucks mit Gummisohlen und die Klobrille war glitschig vom Schweiß der Vormieter. Sie sind bis heute in Therapie.
Die Festivalbesucher weichen daher trotz langer Schlangen lieber auf die regelmäßig gereinigten, festen Kabinenwagen aus oder machen aus ihrem Stuhlgang einen genussvollen kleinen Urlaub. Alle zwei Tage verlassen sie das Gelände, wandern ins nächste Dorf, trinken in einer gutbürgerlichen Kneipe ein Bier für 2,50 Euro und lassen sich danach auf die Keramik der Zivilisation nieder.