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13.11.2012
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Deutschlands beste Professoren

Lehren unter Strom

Von Caroline Schmidt
Illustration: Silja Götz

Professor Stephan Porombka: Künstler müssen raus, die Welt erkunden

Er will irritieren, aufwiegeln, begeistern - und eine Revolution anzetteln. Mindestens. Der Hildesheimer Professor Stephan Porombka gilt als Provokateur und möchte die Literatur von morgen finden. Dafür untersucht er auch die Brillanz und Rotzigkeit der Neuen Medien.

Es gibt Zeiten, da muss man radikal sein. Stephan Porombka, weißes Hemd, schwarzes Sakko, wetzt ein Fleischermesser. Er steht vor einer grünen Wand und besingt mit aufgerissenen Augen "Die Haut der Mädchen". "Sie riecht", sagt er in der Performance, "im Einstein nach Kaffee, im Kranzler nach Baiser." Und so geht es weiter, vorbei an den "Aushilfskräften bei C&A" mit ihrer "sündigen Synthetik" durch die kranke Sinnenwelt eines Serienkillers, bis Porombka neben einem gehäuteten Kaninchen am Boden liegt.

Stephan Porombka will irritieren, provozieren, begeistern, nicht nur als Künstler auf Veranstaltungen oder im Internet, sondern auch als Universitätsprofessor in Hildesheim. Dort bringt er angehenden Journalisten und Schriftstellern literarisches Schreiben bei. Es ist kein einfacher Job, mitten in der größten Medienkrise aller Zeiten. Niemand weiß, wie der Markt in zehn Jahren aussehen wird. Gibt es noch Zeitungen, Bücher, Verlage? Viele in der Branche haben Angst. Porombka dagegen zettelt lieber eine ästhetische Revolution an.

An einem spätsommerlichen Tag sitzt er mit seinen Studenten im Kreis. Sie balancieren ihren Laptop auf den Knien und reden über YouTube und Facebook, über Cyborgs und Twitter und eine Firma in Österreich, die Kommentare unter Videoclips mit Hilfe eines speziellen Algorithmus in E-Books verwandelt.

Es hört sich an, als tauschten die Studenten hier einfach nur ihre kleinen Beobachtungen und Anekdoten aus. Doch eigentlich geht es um Großes. Die Gruppe ist auf der Suche nach nichts weniger als der Literatur von morgen. Sind zum Beispiel die Nachrichten auf Twitter oder Facebook nicht wie Aphorismen? Erinnern sie nicht manchmal in ihrer Brillanz und Rotzigkeit an die Kurznotizen berühmter Schriftsteller? Sind sie nicht genauso intelligent, treffend und zeitkritisch?

Künstler, findet Porombka, müssen raus, die Welt erkunden, "alle Sinne aufmachen". Ganz gleich, ob in der Stadt, auf dem Land oder im Internet. Er jagt seine Studenten vor die Tür, lässt sie jeden Baum, jede Brücke und jedes Haus beschreiben. Die Ergebnisse veröffentlicht er dann in Sammelbänden wie "Statusmeldungen. Schreiben in Facebook" oder "Hildesheim schön trinken", in dem es um heimische Kneipenerlebnisse geht.

"Kreativ ist man selten für sich allein"

In dem Arbeitskreis hört Porombka viel zu. Dann ordnet er die Dinge ein. Er will, dass seine Studenten lernen, wie man als Literaturwissenschaftler über Texte nachdenkt. Sie sollen auch sehen, aus welchem Fundus er schöpft, was er so in der Woche liest und hört. "Kreativ ist man selten für sich allein", sagt Porombka. Es bedürfe vielmehr eines "Ökosystems", einer Vielzahl von Netzwerken und Einflüssen. Man brauche sich nur die Tagebücher großer Schriftsteller anzusehen, dort finde man stets eine Menge Gesprächspartner, Briefwechsel, Notizen über Theaterbesuche oder Politik.

Porombka lehrt nun seit fast zehn Jahren in Hildesheim, und er hat viele Fans unter den Studenten. Doch nicht alle hier schätzen den Mann. Manche vermissen die Ernsthaftigkeit, die andere Professoren an den Tag legen, und die tiefgründige Exegese klassischer Literatur.

Dabei können sie hier etwas lernen, das im Verlauf epochaler Umbrüche viel wichtiger ist als Bücherwissen: Neugier, Mut und Biss. Porombka hat sich ein Motto auf den rechten Arm tätowieren lassen. Es ist wie gemacht für schwere Zeiten. Es heißt: "Labor omnia vincit". Die Arbeit besiegt alles.

Porombka, 44, studierte Germanistik, Politologie und Theaterwissenschaft an den Universitäten Braunschweig und Berlin. 1999 promovierte er über die Geschichte der digitalen Literatur. Seit 2003 lehrt er an der Universität Hildesheim. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil leitet Porombka dort den Studiengang "Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus". Sein jüngstes Buch heißt: "Schreiben unter Strom. Experimentieren mit Twitter, Blogs, Facebook & Co.".

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insgesamt 5 Beiträge
1. Provokateur Professor Porombka
spontifex 13.11.2012
"Hä, Hä, Hä"? (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-der-buerger-versteht-die-institutionen-nicht-mehr-a-866906.html) Provokation, Rotzigkeit und wahrscheinlich auch Brillanz bei der Darstellung [...]
Zitat von sysopIllustration: Silja GötzEr will irritieren, aufwiegeln, begeistern - und eine Revolution anzetteln. Mindestens. Der Hildesheimer Professor Stephan Porombka gilt als Provokateur und möchte die Literatur von Morgen finden. Dafür untersucht er auch die Brillanz und Rotzigkeit der neuen Medien. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/literaturprofessor-stephan-porombka-will-provozieren-a-866019.html
"Hä, Hä, Hä"? (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-der-buerger-versteht-die-institutionen-nicht-mehr-a-866906.html) Provokation, Rotzigkeit und wahrscheinlich auch Brillanz bei der Darstellung unangenehmer Realität werden im vergleichsweise neuen Medium zum Beispiel des Forums von Spiegel online gerne zensiert. Zumindest da wird Herr Porombka also nicht viel zu untersuchen haben, und um Mösenaufruhr, Feuchtgebiete und Sümpfe untersuchen zu können, muß er erst einmal bezahlen. (http://www.dooyoo.de/belletristik/feuchtgebiete-charlotte-roche/)
2. optional
sincere 13.11.2012
Bei Herrn Porombka habe ich das Gefühl dass er um jeden Preis anders sein möchte um sich von anderen zu Distanzieren, etwa "seht alle her, ich bin ja so cool und anders" etc
Bei Herrn Porombka habe ich das Gefühl dass er um jeden Preis anders sein möchte um sich von anderen zu Distanzieren, etwa "seht alle her, ich bin ja so cool und anders" etc
3.
Newspeak 13.11.2012
Ich mag ja Subversion, aber wenn man mitbekommt, was in den Geisteswissenschaften so alles als "hochschulreife" Leistung erachtet wird, erhöht das nicht gerade den Respekt, den man als Naturwissenschaftler diesen [...]
Ich mag ja Subversion, aber wenn man mitbekommt, was in den Geisteswissenschaften so alles als "hochschulreife" Leistung erachtet wird, erhöht das nicht gerade den Respekt, den man als Naturwissenschaftler diesen Fächern entgegenbringen möchte. Irgendwie wird am Ende des Tages noch jedes Klischee der "zwei Kulturen" erfüllt. Und man fragt sich, warum man sich eigentlich als Naturwissenschaftler auf so hohem Niveau abrackert, während man als Geisteswissenschaftler anscheinend auch mit Zirkusnummern zum Professor berufen werden kann.
4.
astirbezwinger 13.11.2012
Das bringt meinen wenig öffentlichkeitstauglichen Gedankengang nach Lektüre dieses Artikels sehr gut auf ein weniger erbostes Niveau und in eine präsentierbare Form. Danke.
Zitat von NewspeakIch mag ja Subversion, aber wenn man mitbekommt, was in den Geisteswissenschaften so alles als "hochschulreife" Leistung erachtet wird, erhöht das nicht gerade den Respekt, den man als Naturwissenschaftler diesen Fächern entgegenbringen möchte. Irgendwie wird am Ende des Tages noch jedes Klischee der "zwei Kulturen" erfüllt. Und man fragt sich, warum man sich eigentlich als Naturwissenschaftler auf so hohem Niveau abrackert, während man als Geisteswissenschaftler anscheinend auch mit Zirkusnummern zum Professor berufen werden kann.
Das bringt meinen wenig öffentlichkeitstauglichen Gedankengang nach Lektüre dieses Artikels sehr gut auf ein weniger erbostes Niveau und in eine präsentierbare Form. Danke.
5. Geist vs. Natur
spon-facebook-1529072547 14.11.2012
Muss die alte Diskussion um Geist vs. Natur wirklich jedes Mal neugeführt werden? Als Geisteswissenschaftler sind Forscher "Deutungswissenschaftler", d.h. sie setzen sich mit kulturellen Erscheinungen auseinander und [...]
Muss die alte Diskussion um Geist vs. Natur wirklich jedes Mal neugeführt werden? Als Geisteswissenschaftler sind Forscher "Deutungswissenschaftler", d.h. sie setzen sich mit kulturellen Erscheinungen auseinander und denken - auf möglichst hohem Niveau; möglichst innovativ - darüber nach. Nicht mehr, nicht weniger. Aristoteles, Kant, Nietzsche, Marx, Sloterdijk; sämtlich Geisteswissenschaftler in diesem Sinne. Alles Wissen über den Menschen, das über das anatomische hinausgeht: Deutungswissen. Unser heutiges Kulturverständnis, unsere Selbstbilder: nur eine Summe der Deutungsleistungen von Disziplinen wie Soziologie, Philosophie und eben auch Facebookforschung. Unter Zürich für 1 Milliarde im Jahr Elementarteilchen aufeinanderprallen zu lassen, um mehr über die physikalische Beschaffenheit der Welt zu erfahren, scheint mir in diesem Zusammenhang nicht mehr oder weniger sinnvoll, als darüber nachzudenken, was die digitalen Medien (wie dieses Forum) mit uns als Menschen machen.

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Zur Person

Porombka, 44, studierte Germanistik, Politologie und Theaterwissenschaft an den Universitäten Braunschweig und Berlin. 1999 promovierte er über die Geschichte der digitalen Literatur. Seit 2003 lehrt er an der Universität Hildesheim. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil leitet Porombka dort den Studiengang "Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus". Sein jüngstes Buch heißt: "Schreiben unter Strom. Experimentieren mit Twitter, Blogs, Facebook & Co.".

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