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26.12.2012
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Praxissemester in Australien

Tee trinken und Warane jagen

Johanna Wagner

Sie zog für ein Praxissemester in die australische Ödnis, um Aborigines einen gesunden Lebensstil beizubringen. Doch dann merkte Johanna Wagner, dass ihre deutsche Denke bei den Ureinwohnern gar nicht ankommt. Nun lässt sie sich treiben.

Vollgetankt, einen letzten Blick auf den Indischen Ozean geworfen - und dann verlassen wir Geraldton an Australiens Westküste und rollen mit dem Wagen 340 Kilometer Richtung Osten. Irgendwann finden wir sie: die endlosen Weiten, die rote Erde, Emus und Kängurus. Auf unserem Weg passieren wir nur zwei kleine Dörfer. Das dritte heißt Mount Magnet und soll für die kommenden Monate unser Zuhause sein.

Während uns die Menschen in Geraldton offen und hilfsbereit begegneten, treffen wir in Mount Magnet auf wortkarge Bewohner. Etwa 500 Menschen leben in dem Ort, der während des Goldrauschs Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurde. Meist wirkt er wie ausgestorben, denn tagsüber verschluckt die noch immer betriebene Goldmine die Menschen und nachts treibt man sich nicht draußen herum, es sei denn, man ist in eine Schlägerei verwickelt. In Mount Magnet leben Aborigines, Minenarbeiter und ein paar Weiße, die nicht ins System passen. Das Leben hat sie ausgesondert und im Outback wieder ausgespuckt.

Die Sonne knallt vom Himmel, die Luft ist trocken und heiß. Nur wenige Läden säumen den Highway, über den unaufhörlich riesige Lastwagen mit bis zu drei Anhängern rollen. Die Lebenshaltungskosten sind hoch, für mich als Studentin kaum bezahlbar. Zum Glück bietet Mount Magnet nicht viele Möglichkeiten, um Geld auszugeben. Metzger, Post, zwei Kneipen, zwei Tankstellen und ein Supermarkt - mehr gibt es hier nicht. Die nächste Apotheke ist 200 Kilometer entfernt.

"Man soll andere Kinder beißen und hauen"

In diesem Ort soll ich das Projekt Bidi Bidi unterstützen. Das Zentrum soll indigenen Frauen und deren Kleinkindern ein zweites Zuhause bieten, in das sie sich vor häuslicher Gewalt flüchten können. Während die Frauen an verschiedenen Kursen teilnehmen können und zum Beispiel Nähen lernen, lernen die Kinder etwas über Zahlen, Farben und sozialen Umgang. Das klingt banal, bleibt in der Erziehung aber oft aus.

Das Zentrum sieht aus wie ein Wohnzimmer, Kinderbücher stapeln sich neben Fotoalben in den Regalen, an den Wänden hängen selbstgemalte Bilder, daneben einige Verhaltensregeln, zum Beispiel: "Beiße und schlage keine anderen Kinder." Ich weiß nicht genau, wer das verstanden hat. "Da steht: Man soll andere Kinder beißen und hauen", erklärt mir die vier Jahre alte Danielle an einem meiner ersten Tage ernst.

Zu Hause hatte ich etwas über die dramatischen Unterschiede in der Lebenserwartung, bei der Schulbildung und den Jobchancen zwischen den Aborigines und der restlichen Bevölkerung Australiens gelesen. Da stand für mich fest: Während meines Praxissemesters wollte ich mich mit dem Gesundheitsbewusstsein der Ureinwohner beschäftigen. Seit August wohne ich nun mit meinem Lebensgefährten in Mount Magnet.

Motiviert habe ich die buntesten Konzepte entworfen. Ich wollte zunächst drei Generationen einer Familie auf Video aufzeichnen, um die Menschen und ihre Bedürfnisse kennenzulernen und um zukünftigen Sozialarbeitern zu helfen, an der richtigen Stelle anzusetzen. Mit den älteren Aborigine-Frauen wollte ich durch den Busch wandern und ein Buch über essbare und heilende Pflanzen zusammentragen.

Niemand entschuldigt sich, wenn er sich nicht an Zusagen hält

Doch am ersten Morgen öffnete sich die Tür des Zentrums kein einziges Mal, obwohl sie allen rund 60 Aborigine-Frauen offen steht. Meine Kollegin sagte: "Take a cup of tea." Die zweite Tasse bot sie mir eine halbe Stunde später an, die dritte 30 Minuten darauf.

Schnell merkte ich, dass die deutsche Mentalität hier fehl am Platz ist. Termine werden oft nicht eingehalten. Man muss die Leute immer von zu Hause abholen, und niemand entschuldigt sich oder hat ein schlechtes Gewissen, wenn er sich nicht an Zusagen hält. Ich kann deshalb nichts planen und hänge ständig in der Luft.

Ein großes Problem sind auch die Unterschiede in der Kommunikation. Die Aborigines meiden Blickkontakt, sie stellen keine Fragen, und wenn ich sie etwas frage, schütteln sie nur den Kopf, nicken wortlos oder antworten gar nicht.

Endlich ein Ausflug ins Outback

Meine Stimmung pendelt auf und ab. Ich bin motiviert, dann niedergeschlagen, manchmal glücklich, dann bedrückt. Man braucht hier so viel Energie, um wenig zu erreichen. Den Aborigines etwas über einen gesunden Lebensstil beizubringen, wie ich es in der Uni gelernt habe, scheint unmöglich. Mein Chef in Geraldton erwartet, dass ich ihm von Aktionen und Fortschritten berichte. Doch für Aktionen und Fortschritte ist die Situation zu komplex.

Um etwas über die Sorgen und Wünsche der Menschen herauszufinden, brauche ich viel mehr Zeit. Ich muss mein angelerntes Wissen beiseiteschieben und das hervorholen, was kein Studium lehren kann: Intuition und Mitgefühl. Der kleinste Schritt ist plötzlich ein großer Erfolg. Ein längerer Blickkontakt. Ein Lächeln. Meinen Namen zu hören. Rebecca hat ihn zum ersten Mal ausgesprochen, sie ist arbeitslos und hilft hier im Zentrum aus, gießt zum Beispiel den Garten. Nach sieben Wochen hat sie mir schließlich angeboten, mir mehr vom Leben im Outback zu zeigen.

Anfang Oktober haben wir zusammen mit den anderen Frauen und Kindern mehrere Ausflüge in den Busch unternommen. Wir fanden Bäume, an denen Bimba wächst, eine harzähnliche Substanz, die sehr süß schmeckt. Wir jagten Warane, um sie zu essen, aber sie entwischten uns. Wir sammelten Quandong- und Sandelholz-Nüsse, um daraus Schmuck zu basteln.

Nach drei Monaten ist das Video immer noch nicht fertig, von dem Heilpflanzenbuch gibt es nicht eine einzige Seite. Ich wollte Projekte mit den Frauen machen, nicht für sie und nicht über sie. Die Streifzüge in den Busch waren ein großer Erfolg. Doch gemeinsam und stetig etwas auf die Beine zu stellen, ist in Mount Magnet schwer. Auch nach drei Monaten warte ich oft vergebens auf die Projektteilnehmer, man verliert sich in Gesprächen oder bei einer Tasse Tee, bis der Tag vorüber ist und ein neuer beginnt. Irgendwo im Nirgendwo tickt die Zeit eben anders.

Forum

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insgesamt 42 Beiträge
1. Am deutschen Wesen...
gernot999 26.12.2012
ich schreib das ohne zynisch sein zu wollen. Laßt die Menschen einfach in Frieden. Solange sie nicht um Hilfe bitten, haben "Sozialarbeiter/Weltverbesserer" dort nichts zu suchen.
ich schreib das ohne zynisch sein zu wollen. Laßt die Menschen einfach in Frieden. Solange sie nicht um Hilfe bitten, haben "Sozialarbeiter/Weltverbesserer" dort nichts zu suchen.
2. @ gernot999
Christofkehr 26.12.2012
Sozialarbeiter ist also gleich Weltverbesserer - "ohne zynisch sein zu wollen". Gottseidank haben wir Studenten, die sich noch für die Misere auf der Welt interessieren. Und dabei selbstkritisch sind. Helfen ist eine [...]
Sozialarbeiter ist also gleich Weltverbesserer - "ohne zynisch sein zu wollen". Gottseidank haben wir Studenten, die sich noch für die Misere auf der Welt interessieren. Und dabei selbstkritisch sind. Helfen ist eine Kunst - nicht jeder geht ins Museum oder ins Konzert. Ich finde es großartig, wenn junge Leute darüber nachdenken, ob die Welt gerecht ist. Von "Weltverbesserern" in dem Zusammenhang zu sprechen ist eng im Denken und so bescheuert wie pazifistische jüdische Kriegstdienstverweigerer im Ersten Weltkrieg "Drückeberger" zu nennen. Liebe Autorin, versuch noch mal mit den Frauen im Busch einen Waran zu jagen und in zu grillen, das bleibt im Gedächtnis hängen ... Selbst jagen und dann essen - war gibt es besseres für die Tierwelt.
3. interkulturelle Kommunikation
ilsebillschnell 26.12.2012
Wer als Studentin derartige Erfahrungen macht, konzipiert seine Projekte im Berufsleben später vielleicht anders. Aber das Rad muss nicht mit jedem Kleinstprojekt neu erfunden werden. Interkulturelle Kommunikation heißt das [...]
Wer als Studentin derartige Erfahrungen macht, konzipiert seine Projekte im Berufsleben später vielleicht anders. Aber das Rad muss nicht mit jedem Kleinstprojekt neu erfunden werden. Interkulturelle Kommunikation heißt das Zauberwort und ist wahrlich kein Geheimtipp. Wie begegne ich einer fremden Kultur mit Respekt, auf Augenhöhe, was bewegt die Menschen, wie ist das Umfeld. Sowas muss doch Bestandteil der Projektvorbereitung sein.
4.
billhall 26.12.2012
Bei den Aborigines sind die Männer für die Jagd verantwortlich und nicht die Frauen. Alleine daran sieht man schon dass Sie (wie so vielen anderen auch) für andere Kulturen nichts als Ignoranz übrig haben. Wenn Sie schon [...]
Zitat von ChristofkehrSozialarbeiter ist also gleich Weltverbesserer - "ohne zynisch sein zu wollen". Gottseidank haben wir Studenten, die sich noch für die Misere auf der Welt interessieren. Und dabei selbstkritisch sind. Helfen ist eine Kunst - nicht jeder geht ins Museum oder ins Konzert. Ich finde es großartig, wenn junge Leute darüber nachdenken, ob die Welt gerecht ist. Von "Weltverbesserern" in dem Zusammenhang zu sprechen ist eng im Denken und so bescheuert wie pazifistische jüdische Kriegstdienstverweigerer im Ersten Weltkrieg "Drückeberger" zu nennen. Liebe Autorin, versuch noch mal mit den Frauen im Busch einen Waran zu jagen und in zu grillen, das bleibt im Gedächtnis hängen ... Selbst jagen und dann essen - war gibt es besseres für die Tierwelt.
Bei den Aborigines sind die Männer für die Jagd verantwortlich und nicht die Frauen. Alleine daran sieht man schon dass Sie (wie so vielen anderen auch) für andere Kulturen nichts als Ignoranz übrig haben. Wenn Sie schon anderen Kulturen gegenüber so wenig Interesse und Verständnis entgegenbringen, was erwarten Sie dann von den anderen? Das man Sie bejubelt nur weil Sie sich als der tolle deutsche "Gutmensch" ungefragt in die Lebensart von anderen einmischen? In vielen (sogar den meisten) Kulturen gilt es übrigens als ausgesprochen anmassend anderen zu helfen wenn sich diese gar keine Hilfe erbeten haben. Und immer daran denken: das Gegenteil von gut gemacht ist gut gemeint.
5. Warum eigentlich Australien?
aquarelle 26.12.2012
Weshalb gehen eigentlich die meisten nach Australien? Die Welt hat doch noch so viele andere schöne Ecken zu bieten, wo man vielleicht auch noch Pionierarbeit leisten kann. Im Lebenslauf ist das doch kaum mehr beeindruckend, [...]
Weshalb gehen eigentlich die meisten nach Australien? Die Welt hat doch noch so viele andere schöne Ecken zu bieten, wo man vielleicht auch noch Pionierarbeit leisten kann. Im Lebenslauf ist das doch kaum mehr beeindruckend, weil jeder andere auch schon da war. Mal abgesehen davon wird es von Chefetagen gern als "Partyland" betrachtet... Tibet, Mongolei, Peru...damit kann man punkten. Studenten wollen doch immer gern individuell sein ;)

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Zur Person

  • Johanna Wagner
    Johanna Wagner, 27, studiert Integrative Gesundheitsförderung auf Bachelor an der Fachhochschule Coburg. Ihr Heimatort ist verglichen mit Mount Magnet eine Metropole: Sie kommt aus Melsungen, einem nordhessischen Ort mit weniger als 15.000 Einwohnern.

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