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10.02.2013
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Geschäftsidee Kleidertausch

Mein Rock ist dein Rock

DPA

Klar, Shoppen ginge immer - wenn das Geld reichen und der Kleiderschrank nicht ohnehin schon platzen würde. Zwei junge Frauen haben eine Lösung: den Klamottenverleih. In ihren Laden kommen Leute, die viel tragen und wenig besitzen wollen. Das Modell funktioniert offensichtlich.

Sie haben schon immer gern im Kleiderschrank des anderen gestöbert, fanden dort Neues, ohne Geld ausgeben zu müssen. Dieses Freundschaftskonzept haben Thekla Wilkening, 25, und Pola Fendel, 24, im vergangenen Herbst vermarktet: In ihrem Hamburger Laden, der Kleiderei, können Mädels und Frauen Klamotten ausleihen. Keine teuren Ballkleider wie in den geläufigen Kostümverleihen, sondern ganz normale Kleidung für den Alltag. Ihre Bilanz nach den ersten zwei Monaten: "Es werden immer mehr" - Kunden und Kleider gleichermaßen.

Mit der Kleiderei liegen Thekla und Pola im Trend. Im Akademikerdeutsch heißt dieser Tauschtrend "kollaborative Ökonomie". Seit Jahren würden auf Märkten immer mehr Güter getauscht und gemeinsam genutzt, sagt Ludger Heidbrink. Der Leiter des Lehrstuhls für praktische Philosophie an der Universität Kiel beschäftigt sich intensiv mit dem Thema. "Kollaborative Ökonomie ist eine verstärkte Form der Zusammenarbeit." Wichtiger als der Besitz eines Guts werde der Zugang zu diesem.

Sophie Utikal, 25, aus München folgt diesem Trend ebenfalls. Sie hat mit einer Freundin die Online-Plattform Kleiderkreisel ins Leben gerufen. Dort können Mitglieder untereinander Klamotten tauschen, verschenken oder verkaufen. Auch die Teilnehmerinnen mehrerer lokaler Facebook-Gruppen namens Mädchenflohmarkt kaufen regelmäßig auf selbstorganisierten On- und Offline-Trödelmärkten ihrer jeweiligen Stadt ein. "Wieso sollte man etwas neu produzieren lassen, wenn jemand anderes es schon besitzt?", fragt Sophie.

"Menschen wollen sich häufig eher verkleiden als kleiden"

Das oft beschworene Konzept der Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle bei der "Collaborative Consumption-Welle", wie Sophie sie nennt. Auf ihr reiten auch Thekla und Pola: "Wir wollen einen Lösungsvorschlag gegen Überkonsumption bieten", sagt Pola. In die Kleiderei kommen Kunden, die offen für die Idee sind, sich etwas zu leihen. Sie zahlen 14 Euro im Monat und dürfen vier Teile bis zu zwei Wochen lang ausleihen - und sie danach gegen neue tauschen.

Für jeden kommt das nicht in Frage. "Es gibt Menschen, die die Sicherheit des Besitzes brauchen", sagt Thekla. Für sie bleibe der Besitz wichtiger als die Nutzung. Sophies Projekt ist eine Mischform aus altem und neuen Marktmodell: Zwar gibt es auf Kleiderkreisel auch nur Kleidung aus zweiter Hand, sie wechselt aber dauerhaft den Besitzer, nicht nur leihweise.

Für Heidbrink sagt der Trend zum Kleidertausch viel über Identitätssuche in der heutigen Gesellschaft aus. "Menschen haben sich viel stärker eine experimentelle Lebensform angewöhnt", so der Professor. "Sie haben heute nicht mehr eine stabile, festgelegte Identität, sondern eine hybride - sie kann sich ändern." Kleidung sei ein Vehikel dafür. "Menschen wollen sich häufig eher verkleiden als kleiden." Durch die Leihangebote lassen sich verschiedene Identitäten ausprobieren.

Auch für Pola geht es um den Gedanken, unterschiedliche Stile auszuprobieren: Man traue sich mehr, weil man es nicht kaufe. Wer gern mit Identitäten spielt, dem ist neben dem Nachhaltigkeitsgedanken ein anderer Aspekt mindestens genauso wichtig: trendig sein. "Es ist auch eine soziale Frage", sagt Heidbrink. Wer bei der Kleiderei, dem Kleiderkreisel oder anderen Leih- und Tauschplattformen mitmache, sei im Leihgemeinschafts-Club. "Man nimmt teil an einer avantgardistischen Art, Güter zu nutzen. Das ist hip im Moment."

Pola und Thekla sitzen schon an Erweiterungsplänen für die Kleiderei: Ein zweiter Laden in Berlin soll es sein. Sophie hat inzwischen ihr Studium abgeschlossen, sie konzentriert sich seit einem Jahr Vollzeit auf den Kleiderkreisel. Die Zahl solcher Angebote werde zunehmen, glaubt Heidbrink. Immerhin sei das Leihgeschäft auch eine psychologische Entlastung - frei nach dem Motto: Simplify your life. "Je weniger du besitzt, desto freier fühlst du dich."

Lea Sibbel/dpa/fln

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