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Wirtschaft

Europäische Geldpolitik

Immer den Amis nach

Am Donnerstag wird die EZB über ihren weiteren Kurs entscheiden. Nervosität macht sich breit: Kommt ein Ende der lockeren Geldpolitik in Sicht? Ein Blick in die USA könnte etwas Klarheit schaffen.

AP

Wall Street

Eine Kolumne von
Sonntag, 16.07.2017   15:40 Uhr

Geldpolitik hat mitunter etwas Magisches. Die Hohepriester kommen zusammen, um die Zeichen zu deuten. Sie warten auf ein Omen, auf einen Hinweis des großen Unsichtbaren, was die Zukunft bringen wird. Doch leider: Die Zeichen bleiben uneindeutig, die Worte der Hohepriester vage. Das Warten der Gläubigen geht weiter. Und die Frage steht im Raum: Wie groß ist das bevorstehende Unheil?

Derzeit hängen Anleger und Spekulanten an den Worten der Notenbanker wie die Gläubigen an den Lippen der Hohepriester. Die Gemeinde ist nervös. In den vergangenen Wochen haben bereits einige Bemerkungen dafür gesorgt, dass viele Milliarden Dollar und Euro in die eine oder andere Richtung strömten.

So schnellten die Kurse an den Börsen nach Äußerungen von Janet Yellen in die Höhe. Anleger sahen sich durch die Worte der Chefin der US-Notenbank Fed in ihrem Glauben bestärkt, die Zinsen würden doch nicht so rasch angehoben wie mancher befürchtet hatte. Dagegen brachen die Notierungen kürzlich zeitweise ein, nachdem Äußerungen von Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), als Hinweis auf eine baldige Straffung der Geldpolitik interpretiert werden konnten.

Am Donnerstag wird sich die Aufmerksamkeit erneut auf Draghi richten, wenn er sich öffentlich über den derzeitigen Stand der Erkenntnis des EZB-Rats äußert: Zieht die Inflation an? Beginnen die Löhne zu steigen, weil angesichts robuster Konjunktur und sinkender Arbeitslosenzahlen in vielen Ländern Beschäftigte rar und begehrt sind? Und wenn das so ist, wie schnell werden dann die Notenbanken die immer noch üppige Geldversorgung verknappen?

Diese Fixierung der Anleger ist keine gute Entwicklung. Sie zeigt, wie mächtig die Notenbanken inzwischen sind: Massiv beeinflussen sie wichtige Preise, insbesondere die Kurse von Aktien, Anleihen und Währungen. Unter Marktwirtschaft stellt man sich gewöhnlich etwas anderes vor.

Wie groß ist das Risiko einer Inflation?

Die Notenbanken mögen zwar enorm mächtig sein, aber sie sind nicht in Besitz einer höheren Weisheit. Auch sie sind unsicher, was eigentlich mit der Wirtschaft los ist.

So wählte Draghi kürzlich die magische Formulierung, die Zentralbank könne durch bestimmte aktuelle Entwicklungen "hindurchsehen", um dahinter den künftigen Zustand der Wirtschaft zu erkennen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, gewissermaßen die Bank der Notenbanken, mahnte kürzlich: Trotz der besten globalen Konjunkturlage seit Langem gebe es "Paradoxien und Spannungen im Überfluss".

Alte ökonomische Gewissheiten scheinen nicht mehr zu gelten. Offenkundig hat sich Fundamentales verändert: Die lange Krise ab 2008, die Globalisierung und die beschleunigte Digitalisierung hinterlassen tiefe Spuren. Nicht nur private Akteure, auch staatliche Notenbanker agieren derzeit in einem Umfeld, das sie nicht mehr richtig verstehen.

Zum Beispiel müssten die Konsumentenpreise in vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften nach traditionellem Konjunkturmuster eigentlich längst schneller steigen. Doch die Inflationsrate (ohne Energie und Nahrungsmittel) verharrt im Euroraum bei nur einem Prozent und damit unter der angestrebten Zwei-Prozent-Zielmarke. Warum ist die Preisdynamik so schwach?

Die EZB sieht zwar gewisse Anzeichen für eine Veränderung. So steigen weltweit die Preise für Vorprodukte deutlich, die Unternehmen zur Weiterverarbeitung einkaufen. Vor zwölf Monaten waren diese Preise noch stabil, inzwischen legen sie um vier Prozent jährlich zu. Möglich, dass dies Vorboten einer künftigen Inflation der Verbraucherpreise sind. Aber kann man sich sicher sein?

Denn auch auf den Arbeitsmärkten haben sich die Maßstäbe verschoben.

Arbeit ist knapp, aber die Löhne steigen kaum

In den USA ist die Arbeitslosenquote inzwischen so niedrig wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Aber während damals jährliche Lohnzuschläge von bis zu zehn Prozent drin waren, bleiben die Steigerungen jetzt unter drei Prozent. Woran liegt das? Die Frage wird debattiert, Gewissheiten gibt es nicht.

Im Euroraum steigen sogar in Ländern wie Deutschland, wo die Konjunktur derzeit überhitzt, die Reallöhne kaum. Eine der großen Fragen bei der bevorstehenden EZB-Ratssitzung ist denn auch, wie groß die Zahl der aktivierbaren Unterbeschäftigten in den Eurostaaten ist, die in den offiziellen Arbeitslosenzahlen nicht auftauchen. Genau weiß das niemand.

Hält man das unausgeschöpfte Beschäftigtenpotenzial für immer noch "beträchtlich", wie die EZB in ihrem jüngsten Monatsbericht, spricht das gegen steigende Löhne und Inflationsraten - und gegen eine baldige Straffung der Geldpolitik.

Amerika eröffnet Spielräume für andere

So dürfte die EZB am Donnerstag beschließen, ihren Kurs zunächst beizubehalten: Der Leitzins wird wohl bei null verharren, die Strafgebühr für Bankeinlagen bei der EZB bei 0,4 Prozent. Bis auf Weiteres dürfte die Notenbank monatlich Wertpapiere im Wert von 60 Milliarden Euro aufkaufen. Anleger und Spekulanten werden deshalb sehr genau auf die Zwischentöne achten: Kündigt Draghi an, die Anleihekäufe zurückzufahren? Und wenn ja, schon im Herbst oder erst kommendes Jahr? Wann werden die Zinsen steigen?

Eine Vermutung liegt nahe: Angesichts all der Unsicherheiten ist die beste Vorhersage für den Kurs der EZB der Kurs der Fed. Die Europäer werden der US-Notenbank folgen - und zwar mit einigem Sicherheitsabstand. Die Fed hat bereits vor geraumer Zeit ihre Wertpapierkäufe eingestellt und begonnen, die Zinsen ganz langsam anzuheben. Nun bereitet sie sich darauf vor, Wertpapiere wieder abzustoßen.

Dadurch eröffnen sich Spielräume für die EZB. Sie kann ebenfalls den Ausstieg aus dem Krisenmodus einleiten, ohne befürchten zu müssen, dass der Euro gegenüber dem Dollar rasch aufwertet. Denn ein starker Euro wäre problematisch für die Wirtschaftsentwicklung in schwachen Eurostaaten wie Italien. Die dortige Exportwirtschaft profitiert derzeit vom billigen Euro. Eine rasche Aufwertung würde den Aufschwung gefährden.

Geld fließt dorthin, wo es die höchste Rendite abwirft. Der Wechselkurs einer Währung hängt deshalb entscheidend von der Zinsentwicklung ab. Entsprechend war der Euro über Jahre gegenüber dem Dollar ziemlich stark. Das hat sich seit 2014 geändert. Draghis Krisenstrategie hat die langfristigen Zinsen in der Eurozone unter US-Niveau gedrückt. Daher die gegenwärtige relative Schwäche des Euro.

Nun schleust die Fed die Zinsen allmählich nach oben. In der Folge steigt der Zinsvorsprung der USA gegenüber der Eurozone immer weiter; er ist laut OECD-Zahlen inzwischen so groß wie seit 15 Jahren nicht. Eine Konstellation, die für einen weiterhin starken Dollar spricht.

Auch die Notenbanken Großbritanniens und Kanadas haben eine Straffung der Geldpolitik in Aussicht gestellt. Endlich können sie aus dem Krisenmodus aussteigen, ohne starke Aufwertungen gegenüber dem Dollar befürchten zu müssen.

Die dichten internationalen Verflechtungen durch offene Kapitalmärkte erzwingen es, dass die Notenbanken im Geleitzug fahren: vorneweg die USA, die anderen folgen - auch wenn sie alle nicht so genau wissen, wohin die Reise geht.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

Peking - China-Konjunktur - Die Statistiker der Großvolkswirtschaft präsentieren Zahlen zur Wirtschaftsentwicklung im zweiten Quartal.

Luxemburg - Inflationsupdate - Eurostat legt Zahlen zur Inflation im Juni vor. Eine erste Schätzung vor zwei Wochen hatte eine jährliche Preissteigerungsrate von 1,3 Prozent ergeben.

Brüssel - Brexit-Verhandlungen - Auch nach dem Start ist man sich noch nicht mal einig, worüber man verhandeln will. Vorige Woche sagte der britische Außenminister Johnson sinngemäß, die EU könne sich ihre hohen Finanzforderungen in die Haare schmieren. Deren Brexit-Beauftragte antwortete, er höre die "Uhr ticken". Der Countdown dauert zwei Jahre und läuft seit März.

Berichtssaison I - Quartalszahlen von Netflix, Blackrock

DIENSTAG

Berichtssaison II - Quartalszahlen von Bank of America, Goldman Sachs, Lockheed Martin, Harley-Davidson.

MITTWOCH

Berlin - Wer wählt was? - Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat die soziale Struktur der Wählerschaft der wichtigsten politischen Parteien analysiert

Berichtssaison III - Quartalszahlen von Morgan Stanley, American Express, Alcoa

DONNERSTAG

Frankfurt am Main - Alle Blicke auf Draghi - Der Rat der EZB entscheidet über den künftigen Kurs. Anschließend wird EZB-Chef Draghi die Sicht der Notenbank auf einer Pressekonferenz erläutern.

Berichtssaison IV - Quartalszahlen von SAP, Easyjet, ABB, Microsoft, Ebay.

FREITAG

Berlin - Was Manager wählen - Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die Zeitschrift "Capital" haben die Führungskräfte nach ihren politischen Einstellungen befragen lassen. Die Präsentation der Resultate.

Berichtssaison V - Quartalszahlen von General Electric, Vodafone, Colgate-Palmolive.

insgesamt 52 Beiträge
peter.di 16.07.2017
1. Sobald die EZB aus der "ultralockeren Geldpolitik" aussteigt
ist Italien pleite und die Euro-Krise wieder voll da. Eine solche Krise gibt es in den USA nicht, das es dort ein Land mit einer nationale Währung gibt (und auch niemand auch nur im Traum auf die Idee kommen würde mit anderen [...]
ist Italien pleite und die Euro-Krise wieder voll da. Eine solche Krise gibt es in den USA nicht, das es dort ein Land mit einer nationale Währung gibt (und auch niemand auch nur im Traum auf die Idee kommen würde mit anderen amerikanischen Ländern eine Gemeinschaftswährung (genannt vielleicht "Ameri") zu schaffen.)
Rooo 16.07.2017
2. 2 Gründe, warum die Löhne nicht steigen...
Es gibt vermutlich zwei Gründe, warum die Löhne nicht steigen. 1. ist die tatsächliche Arbeitslosigkeit höher als es die Arbeitslosenquote wiedergibt (jeder Student, der nur studiert, weil er keinen anständigen Job findet [...]
Es gibt vermutlich zwei Gründe, warum die Löhne nicht steigen. 1. ist die tatsächliche Arbeitslosigkeit höher als es die Arbeitslosenquote wiedergibt (jeder Student, der nur studiert, weil er keinen anständigen Job findet (z.B. als Bachelor), ist im Prinzip auch arbeitslos, aber wählt natürlich lieber die Alternative des Weiterstudierens. Ja, vielleicht könnte er auch kellnern, aber sorry Leute, das können gerne die Menschen mit IQ unter oder nahe 100 übernehmen. 2. Würden Lohnsteigerungen schnell dazu führen, dass sich ein neues Equilibirum ergibt, bei dem der Job dann im Ausland von jemand anderem gemacht wird oder durch eine momentan noch zu teure Maschine / einen Roboter / einen Algorithmus erledigt wird. Es gibt also keinen Spielraum für Lohnsteigerungen. Die Weltbevölkerung wächst und wächst. Asien hat immer mehr gut ausgebildete Leute, die auch in Wohlstand leben wollen. Die Informationstechnologie und Mobilität der globalen Arbeitskräfte verhindert, dass man sich hier oder in den USA mit dem Arbeitgeber anlegen und höhere Löhne fordern kann, es sei denn, man ist einer der ganz wenigen IT-Cracks (und da meine ich nur die - geschätzt - oberen 20% innerhalb dieser Gruppe) oder [hier einen der wenigen Mangelberufe einfügen].
freejack75 16.07.2017
3. Vereinigte Staaten
@peter: äh, doch. Die vereinigten Staaten sind genau das was der Name sagt, und deren Einheitswährung ist der $.
@peter: äh, doch. Die vereinigten Staaten sind genau das was der Name sagt, und deren Einheitswährung ist der $.
hru 16.07.2017
4. Lieber Herr Müller,
vielleicht werfen Sie mal einen Blick auf die aktuellen Wechselkurse? Was Sie da schreiben steht so im VWL Lehrbuch, aber derzeit haben wir trotz steigender Zinsen in den USA einen schwachen $. Nicht am historischen Höchstkurs [...]
vielleicht werfen Sie mal einen Blick auf die aktuellen Wechselkurse? Was Sie da schreiben steht so im VWL Lehrbuch, aber derzeit haben wir trotz steigender Zinsen in den USA einen schwachen $. Nicht am historischen Höchstkurs aber deutlich gestiegen. Trump wirkt offensichtlich mehr als FED. Wenn jetzt Drago die Zinsen angeht, was passiert dann? Nach Leerbuch steigt der € noch mehr, aber weiss das heute schon.
53er 16.07.2017
5. De westliche Politik
wandelt in den Spuren der seeligen Handtaschenschwingerin und zieht allen Gewerkschaften kräftig die Zähne (jüngstes Beispiel die Wackelpudding-Entscheidung des BGH) und greift damit massivst in den Arbeitsmarkt ein. In [...]
wandelt in den Spuren der seeligen Handtaschenschwingerin und zieht allen Gewerkschaften kräftig die Zähne (jüngstes Beispiel die Wackelpudding-Entscheidung des BGH) und greift damit massivst in den Arbeitsmarkt ein. In Deutschland wird jedes Unternehmen, das die Tarifbindung verläßt freudig beklatscht und die, den neoliberalen Ideologien verfallene, Volkswirtschaft fragt sich, warum ökonomisch einiges durcheinander gerät? Die Menschen haben schlicht kein Geld mehr, um es in einer funktionierenden Volkswirtschaft ausgeben zu können. Wer zusätzlich fürs Alter vorsorgen muss und ständig hört, dass Altersarmut sein Los sein wird, der hat auch wenig Lust zum Feiern. Es ist eine leise Abstimmung mit Füßen und sollte die Wirtschaft auf das einstimmen, was eintritt, wenn breite Altersarmut Realität werden sollte. Liebe Volkswirte, ihr habt´s mit Euren Theorien einfach zu weit und zu real getrieben. Die Folgen sind ebenso absehbar, wie unausweichlich.
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