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27.04.2009
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US-Ikone Harley-Davidson

Mit Vollgas in die Vergangenheit

Aus Naples berichtet Jochen Vorfelder

Alte Technik für noch ältere Kunden: Die US-Kultfirma Harley-Davidson wechselt ihre komplette Führungsspitze aus, weil der Vorstand keine Antworten auf die Probleme des Konzerns hatte. Richten soll es jetzt ausgerechnet ein Mann knapp vor der Pensionsgrenze.

Naples - Wer dieser Tage in Naples, Florida, unter der gleißenden Frühlingssonne die Gateway Lane hinunterfährt, der erkennt das Problem auf den ersten Blick: Vor all den schmucken Anwesen in den Seitenstrassen sind "For Sale"-Schilder in den Rasen gepflockt. Und dass das Geld nicht mehr locker sitzt, erkennt man auch beim Motorradhändler ein Stückchen weiter: Unter der Harley-Davidson-Reklame parken FatBobs, V-Rods und andere, 35.000 Dollar teure Flagschiffe in einer Reihe. Fabrikneu und noch nicht zugelassen liegen sie wie Blei im Regal.

"So schlecht wie im vergangenen Winter ging das Geschäft noch nie", jammert Verkäufer Tony. Denn tatsächlich hat die Absatzkrise nicht nur Automarken wie General Motors, Ford und Chrysler getroffen. Auch eine weitere amerikanische Ikone bekommt die Wirtschaftskrise zu spüren: die traditionsreiche Marke Harley-Davidson.

Und das hat Folgen: Das erste Opfer war der alternde Vorstand und CEO James "Jim" Ziemer, der nach 40 Jahren Dienst im Stammwerk in Milwaukee Harley-Davidson verlässt. Er war in den vergangenen kritischen Monaten nur noch mit flammenden Durchhalteappellen aufgefallen.

Ersetzt wird er durch den ebenfalls 59-jährigen Keith Wandell, ein anderes Urgestein vom Mischkonzern und Autozulieferer Johnson Controls. Er, der ebenfalls aus Milwaukee, Wisconsin, kommt, soll den schwerangeschlagenen Motorradbauer in die Zukunft führen. Einem breiteren Publikum wurde der ehemalige Zuliefererchef allerdings erst in den Wochen vor Weihnachten bekannt: Gemeinsam mit den drei Bossen von GM, Ford und Chrysler wurde er vor den Bankenausschuss des US-Kongresses geladen und musste zur Frage aussagen, wie man eine Industrie so gründlich herunterwirtschaften kann.

Unmoderne Maschinen und geriatrische Kunden

Die Arroganz, die man ihm dabei vorwarf, wäre allerdings das geringste Problem für den Motorradbauer. Viel schwerer wiegen mangelnde Inspiration und Vergreisung der Kundschaft - worunter auch die Vertretung in Naples leidet. Jahrelang haben die angegrauten Baby-Boomer im Sunshine-State Florida gekauft wie die Wahnsinnigen. Deren Ersparnisse und Altersversorgung aber haben sich in den vergangenen Monaten mit dem Platzen der Immobilienblase quasi aufgelöst. Tony, Verkäufer von Luxus-Spielzeugen, bemerkt zu Recht: "Toys for Old Boys sind momentan schwer an den Mann zu bringen."

Und das spürt vor allem die Konzern-Tochter Harley-Davidson Financial Services (HHDFS). Das vor 15 Jahren gegründete Finanzhaus hat Subprime-Kredite wie Konfetti unter die potentiellen Käufer geworfen - mit der gleichen verheerenden "No Money Down"-Strategie, die auch dem Immobilienmarkt vor Ort schon das Rückgrat gebrochen hat: Laut der "New York Times" gilt allein ein Viertel Kredite, die 2008 an Käufer vergeben wurden, als "subprime - sind also nicht mit entsprechenden Gegenwerten oder Abschlagszahlungen der Käufer abgesichert. Sie sollen einen Gesamtwert von 2,8 Milliarden Dollar haben. Kein Wunder, dass ein Motorrad-Blogger die Situation "ein Kartenhaus im Erdbebengebiet" nannte.

Das haben auch die Bankhäuser und Investoren gemerkt, bei denen sich HHDFS die Vorfinanzierung zu günstigeren Zinsen besorgt hat: Sie wollen ihr Geld zurück - und zwar schnell. Bevor noch mehr Kredite platzen und gebrauchte Harleys von säumigen Ratenzahlern in rauen Mengen auf den Hof geschoben werden.

Mehr als ein Zehntel der Belegschaft muss gehen

Wie eng die Lage tatsächlich ist, hat Harley bereits Anfang des Jahres erfahren müssen: Finanzchef Saiyid Naqvi war nach nicht einmal zwei Jahren von seinem Amt zurückgetreten, Ziemer hatte seinen Abschied angekündigt und das Unternehmen brauchte eine erste dringende Finanzspritze. Die Ratingagentur Standard & Poors stufte die aktuelle Bewertung des Unternehmens von A auf BBBB zurück - ein Verlust von zwei Punkten und ein klares Signal: "Risikoinvestment!".

Entsprechend sahen die Konditionen aus, mit dem Berkshire Hathaway Warren E. Buffetts Investmentfirma, und Harleys Großanteilseigner Davis Selected Adviser zu Hilfe eilten: Sie pumpten jeweils 300 Millionen Dollar in die leeren Kassen von Milwaukee - allerdings zu einem saftigen Zinssatz von 15 Prozent. Allerdings wird das Geld nicht lange reichen: Tom Bergmann, Harley-Davidsons aktueller Finanzchef, hat bereits einen Finanzierungsbedarf von rund einer Milliarde Dollar allein für 2009 in den Raum gestellt.

Außerdem reagiert Harley auf die angespannte Finanzlage und den schwindsüchtigen Aktienkurs: Seit vergangenem September haben die Papiere mehr als 60 Prozent verloren. Weil das Unternehmen unter den Rettungsschirm der Obama-Regierung will, hat es harte Einschnitte angekündigt. Dazu gehören Werkschließungen und Kurzarbeit, 1100 der knapp 10.000 festen Mitarbeiter und 300 bis 400 Teilzeitkräfte müssen bis 2010 gehen. Auch die Produktion wird drastisch zurückgefahren: Statt 305.000 sollen nur 264.000 Maschinen geliefert werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2006 lag diese Zahl noch über 350.000.

Zwar haben auch die anderen Hersteller, die Japaner und BMW, ihre Jahresprognosen für den amerikanischen Markt inzwischen angepasst. Doch Harley hat ein spezielles Manko: Das Unternehmen verkauft alte Technik für ein noch älteres Publikum. Der durchschnittliche "Captain America ist inzwischen mehr als 50 Jahre alt und mit der Modellpalette werden die lukrativen Sport- und Supersportler-Segmente, auf die gutbetuchte Mittdreißiger abfahren, quasi nicht bedient.

Kein Sinn für scharfe Italienerinnen

In Milwaukee kennt man das Problem seit Jahren, aus diesem Grund hat man die V-Rod-Motoren und neuerdings die XR 1200 entwickelt. Außerdem hat man sich die sportliche Buel-lLinie und vor zwei Jahren die italienische Edelmarke MV Agusta einverleibt. Damit - das war der Plan - wollte man der Mega-Anbieter für alle Zielgruppen werden. Funktioniert hat es nicht: Bei MV Agusta wurde der trockene Harley-Mann Matt Levatich ans Ruder geschickt, der mit seiner rigiden Kostenkontrolle und dem Wunsch nach mehr Fertigungseffizienz viel kreatives Porzellan zerschlagen hat: Im Januar reichte der Mentor der Marke und Taktgeber der MV-A Agusta Designabteilung, MassimoTTamburini seine Demission ein. Levatichist zurück in Wisconsin - er wird als Chief Operation Officer ab Mai verantwortlich fürs Tagesgeschäft bei einer der weltweit immer noch bekanntesten Marken.

Doch gerade die Stärke der Marke ist inzwischen auch ihr Nachteil: Im Gegensatz zu den achtziger Jahren, als man noch bis zu einem Jahr auf seine Harley warten musste, ist die Mitgliedschaft in der weltweiten "HOG-Family" inzwischen mit einem Scheck und dem Anbringen des Nummerschilds besiegelt. Echte Fans wenden sich mit Grausen ab, neue wachsen nicht nach.

Zwar ist der Abgang der Amis eine gute Nachricht für MV Agusta, wo an Stelle von Levatich nun der frühere Finanzchef von Ducati, Enrico D'Onofrio einsteigt. In Wisconsin ist man aber skeptisch, ob die erhofften Synergieeffekte mit dem Eigengewächs Levatich zu erreichen sind.

In Naples Florida, sind sie auf jeden Fall noch nicht angekommen. Die spärlichen Besucher, die sich in den Harley-Showroom verirrt haben, brauchen eher Sehhilfe und Hörgerät statt Customizing oder Powersports-Zubehör. Und auch der Verkäufer ist nicht ganz auf Höhe der Krise: Auf die Frage, ob man nicht mit ein paar schnellen MV-Agusta-Italienerinnen ein anderes Klientel in den Laden locken könnte, fühlt er sich eher brüskiert: "Was soll das sein, MV Agusta?"

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