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12.03.2012
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Mitarbeitermangel in China

Hölle der Personalchefs

Von Philipp Mattheis, Shanghai
AP

Geschäftsviertel in Schanghai: "Ständig müssen Mitarbeiter neu eingearbeitet werden"

Es ist eine Schattenseite des Booms: Unternehmen in China kämpfen mit rasanter Mitarbeiterfluktuation. Zu groß ist die Zahl der freien Stellen, zu niedrig die der qualifizierten Mitarbeiter. Die Konzernlenker müssen mit hohen Gehältern locken - was das Wachstum der Volksrepublik bedrohen könnte.

Bei Wacker Greater China ist man hochzufrieden. Innerhalb eines Jahres haben 15 Prozent aller Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. In Deutschland wäre eine derart hohe Fluktuationsrate ein Krisensignal. In China gilt sie als Erfolg. "Das ist im Vergleich zu anderen Firmen in China ein sehr guter Wert", sagt Rebecca Liu.

Als die 39-Jährige vor neun Jahren bei der chinesischen Tochtergesellschaft des Chemieunternehmens Wacker als Personalmanagerin anfing, hatte das Unternehmen 50 Mitarbeiter in China. Heute sind es über 800. Von ihrem Büro im 31. Stock des Bank of China Towers blickt die zierliche Frau auf die Hochhausschluchten von Pudong, dem Geschäftsviertel der chinesischen Metropole Shanghai. Vor drei Jahrzehnten gab es hier nichts als Reisfelder. Nun liegt das Wirtschaftswachstum in diesem Teil der Stadt bereits seit Jahren im zweistelligen Bereich. Wer in China etwas erreichen will, kommt nach Pudong.

Doch es kommen zu wenige. In Chinas Unternehmen herrscht akuter Fachkräftemangel. Längst ist ein erbitterter "War for Talent" entbrannt, ein Wettstreit der Unternehmen um die besten Arbeitnehmer. Die Jagd nach klugen Köpfen führt zu einer extrem hohen Fluktuation. Während ein Arbeitnehmer in Deutschland im Schnitt 10,8 Jahre bei einer Firma arbeitet, sind es in Asien nur fünf Jahre. Für Betriebe ist das ein großes Problem: Neun von zehn in China tätigen Unternehmen antworteten auf die Frage, was die größte Herausforderung des nächsten Jahres sei, an erster Stelle: Qualifiziertes Personal zu finden.

Zwar gibt es in China Millionen von Wanderarbeitern, die bereitwillig jede Arbeit verrichten und dafür kaum mehr als 350 Euro im Monat erhalten. Doch an ausgebildeten Fachkräften mangelt es. Gerade deutsche Unternehmen, die auf hochqualifizierte Arbeitnehmer angewiesen sind, leiden darunter.

"Ständig müssen Mitarbeiter neu eingearbeitet werden"

"In manchen Branchen, wie der Automobilindustrie oder der IT, liegt die Fluktuationsrate sogar bei 30 Prozent", sagt Rolf Köhler, Vorstandsmitglieder der Deutschen Handelskammer in Shanghai. Oft würden aus Mangel an Personal zunächst alle Interessenten eingestellt und erst nach Wochen bewertet. "Allein der organisatorische Aufwand ist riesig, doch der wirkliche Verlust ist noch höher: Ständig müssen Mitarbeiter neu eingearbeitet werden. Das hemmt die Produktivität."

30 Prozent Fluktuationsrate bedeuten: Im Schnitt muss ein Unternehmen seine Belegschaft alle 40 Monate komplett ersetzen. Erschwerend hinzu kommt, dass die Kündigungsfrist in China zwischen einer Woche und einem Monat liegt - nachdem Mitarbeiter gekündigt, haben sind sie auch binnen weniger Tage tatsächlich weg. Köhler hat schon von Fällen gehört, in denen deutsche Unternehmen kurzfristig Fachkräfte aus dem Hochlohnland Deutschland einfliegen mussten, um die Produktion aufrecht zu erhalten.

Der Fachkräftemangel hat noch eine andere Folge: Zweistellige jährliche Lohn- und Gehaltssteigerungen sind in China normal. "Die Nachfrage nach Arbeitskräften treibt zunächst die Löhne und dann die Preise nach oben", sagt Köhler. Das kann volkswirtschaftlich negative Effekte haben und sogar das Wachstum abwürgen - nämlich dann, wenn es zu einer Lohn-Preisspirale kommt. Das bedeutet: Die Unternehmen wälzen die entstandenen Mehrkosten auf die Preise ihrer Produkte um. Als Reaktion fordern Gewerkschaften daraufhin wieder höhere Gehälter. Diese Spirale beginnt sich zu drehen, die Inflationsrate steigt. Im Februar war die chinesische Inflationsrate zwar auf ein 20-Monatstief gesunken. Doch das könnte sich bald wieder ändern - denn der demografische Wandel verschärft den Arbeitskräftemangel in China zusätzlich.

Es gibt zu wenig neue Arbeitskräfte

Seit einigen Jahren zeigen sich die Folgen der Ein-Kind-Politik: Schon jetzt sei der Peak an jungen Berufsanfängern erreicht, so eine Studie der Unternehmensberatung Kienbaum. In Zukunft werden es immer weniger. Rolf Köhler wünscht sich deswegen von der chinesischen Regierung vor allem ein verbessertes Ausbildungssystem: "Eine solide, sozial anerkannte Fachkräfteausbildung - wie das duale System in Deutschland - würde China deutlich weiterbringen." Noch immer klaffe eine große Qualifikationslücke zwischen Universitätsabsolventen und ungelernten Billigarbeitern.

Immer höhere Gehälter genügen längst nicht mehr, um die begehrten Fachkräfte im Unternehmen zu halten. Köhler nennt als Anreize Weiterbildungsmöglichkeiten, schnelle Karrierewege und konstruktives Feedback. Dass nicht in erster Linie das Gehalt den Ausschlag gibt, ob ein Mitarbeiter im Unternehmen bleibt oder nicht, legt auch die Kienbaum-Studie nahe: Für die meisten Mitarbeitern in China seien Arbeitsklima, Image der Firma und transparente Karrierechancen wichtiger als die Höhe des Jahresgehalts.

Darin unterscheiden sich chinesische Arbeitnehmer wiederum nicht von deutschen. Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung und der Krankenkasse Barmer gaben 72 Prozent "positives Arbeitsklima" als wichtigsten Punkt an, wenn es um Zufriedenheit am Arbeitsplatz geht.

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insgesamt 32 Beiträge
1. Leicht zu überwindender Engpass:
Grafsteiner 18.03.2012
Ausbildung. Hoffentlich machen die chinesischen Manager nicht die Fehler ihrer westlichen Kollegen, die einen Sinn darin sahen, sich gegenseitig die Leute abzujagen, statt sich die Mitarbeiter passend auszubilden und ans [...]
Ausbildung. Hoffentlich machen die chinesischen Manager nicht die Fehler ihrer westlichen Kollegen, die einen Sinn darin sahen, sich gegenseitig die Leute abzujagen, statt sich die Mitarbeiter passend auszubilden und ans Unternehmen zu binden.
2.
benG 18.03.2012
Auch die chinesische Wirtschaft wird irgendwann in der Realität ankommen. Demnächst wollen mehr Leute etwas vom Kuchen abhaben. Wobei hier gerade die Chance besteht. Die Lösung heisst Bildung. Die Frage wird natürlich [...]
Auch die chinesische Wirtschaft wird irgendwann in der Realität ankommen. Demnächst wollen mehr Leute etwas vom Kuchen abhaben. Wobei hier gerade die Chance besteht. Die Lösung heisst Bildung. Die Frage wird natürlich bleiben, wer dann die Drecksarbeit (zu einem Hungerlohn) macht, bzw. wer sich noch damit abgeben will..
3. Chinesischer Mitarbeitermangel
flieder2 18.03.2012
Chinesische Unis spucken massenhaft Absolventen aus, nur taugen die meisten nichts. Jetzt lockt die Partei, um das Ausbildungswesen anzuheben, auslaendische Unis. Es sollen Harvard- , Stanford- Ableger in China entstehen. Damit [...]
Chinesische Unis spucken massenhaft Absolventen aus, nur taugen die meisten nichts. Jetzt lockt die Partei, um das Ausbildungswesen anzuheben, auslaendische Unis. Es sollen Harvard- , Stanford- Ableger in China entstehen. Damit will man das Ausbildungswesen anheben. Alleine schaffen sie es nicht, die werden noch Jahrzehnte von Auslaendern, deren Fuehrungsqualitaeten, deren Fachwissen abhaengig sein. Des weiteren: chinesische Staatsbetriebe heuern westliche Manager an ,weil sie ihre staatlich subventionierten kaputten Laeden nicht weiterhin der Partei aufhalsen wollen, sollen, duerfen . Chinesische Staatsbetriebe locken mit hohen Gehaeltern um westlichen Firmen das Personal und deren - nach zweijaehriger Betriebszugehoerigkeit erworbene " Fachwisssen" abzukaufen! Ich liege beinahe auf dem Boden vor Lachen! Und westliche Firmenbosse denken immernoch, sie koennen in China die Expats abziehen. Ja, alle wollen in China den chinesischen Manager- da herscht auf allen Seiten Konsenz. Auch die Personaler in westlichen Firmen quatschen - von der Politik getrieben, ein chinesischer Uniabgaenger koennte den Job auch machen. In 5 Jahren fliegen wir wieder auslaendische Mitarbeiter nach China weil der Chinese es immer noch nicht kann. Und seinen chinesischen Harvard Abschluss kann er nutzen um sich die Haende am Kamin aufzuwaermen. Denkt an meine Worte!
4. mehr Automatisierung + verbesserte Bevölkerungspolitik
MrStoneStupid 18.03.2012
Die Frage ist, wie man Ressourcen (auch Arbeitskräfte) geschickter verteilen kann. Eine Möglichkeit sind attraktive Staatsunternehmen. Ansonsten wird sich das in China schon irgendwie regeln, es gibt doch eine weiter zunehmende [...]
Die Frage ist, wie man Ressourcen (auch Arbeitskräfte) geschickter verteilen kann. Eine Möglichkeit sind attraktive Staatsunternehmen. Ansonsten wird sich das in China schon irgendwie regeln, es gibt doch eine weiter zunehmende Automatisierung (und die ist schneller als eine gelockerte Bevölkerungspolitik, die ggf. zusätzliche Probleme verursacht). Den Fachkräftemangel kann man aber prima als Aufhänger für eine partiell gelockerte Bevölkerungspolitik nutzen: besonders vielversprechende (z.B. gebildete, intelligente, körperlich/geistig fitte) Chinesen dürfen mehr Kinder haben. Man sollte einen Antrag auf die Erlaubnis für zusätzliche Kinder stellen können und überdurchschnittlichen Chinesen sollte auch nachträglich weitere Kinder legalisiert werden. (imho)
5. Das Problem liegt woanders.
fessi1 18.03.2012
Die gut und teuer ausgebildeten Fachkräfte sind so schnell weg, das einem schwindlig werden kann. Chinesische Mitarbeiter geben leider nicht viel auf Unternehmensbindung, Betriebsklima oder langfristige [...]
Zitat von GrafsteinerAusbildung. die Mitarbeiter passend auszubilden und ans Unternehmen zu binden.
Die gut und teuer ausgebildeten Fachkräfte sind so schnell weg, das einem schwindlig werden kann. Chinesische Mitarbeiter geben leider nicht viel auf Unternehmensbindung, Betriebsklima oder langfristige Beschäftigungsverhältnisse. Getrieben von ständiger Angst woanders etwas besseres zu verpassen, kündigen sie oft ohne erkennbaren Grund. Oft zieht ein gehender Mitarbeiter gar mehrere andere mit. In kleineren Städten findet man die Angestellten dann regelmäßig bei der Konkurenz. Wohlgemerkt auch nur auf Zeit. Und sind sie dann 35, 40 Jahre alt, wollen alle, wenn möglich "was eigenes" machen. damit fallen auch die Knowhow Träger weg. Man muss damit leben. Erst recht wenn man in der Provinz was unternimmt und die große weite Welt(Stadt) lockt.

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