19.08.2012
Wirtschaftsgeschichte
Beim Nagel des Propheten
Wanderprediger bei der Arbeit: Heilige und Irre
Wanderprediger: Mann, der sich einer spirituellen Wahrheit bewusst geworden war und diese auf Wanderschaft verkündete; bei positiver Resonanz oft als Heiliger verehrt, sonst als Irrer verrufen
Erkennungszeichen: zerlumpte Kleidung, rhetorische Meisterleistungen, starkes Individuum
Aktive Zeit: in Zeiten des Umbruchs, kurz vor dem Umbruch, gerne auch zu Jahrtausendwenden
"Zeitgenossen haben ihn mit einem Meteor verglichen, der in strahlendem Glanz über den Himmel dahinfährt. Aber ein Meteor zieht seine Bahnen ohne Nutz und Frommen der Menschen. Des Volkspredigers Berthold Auftreten gleicht einem sanften, reichlich strömenden Regen, der das Land weich macht und das Gewächs segnet. Seine fast geheimnisvolle Erscheinung erinnert an Elias, den Propheten: Nur dem höchsten geweiht, verschwindet seine Person ganz vor seinem heiligen Beruf. Sein Amt ist alles, seine Person ist nichts."
Diese schwelgerischen Worte über Berthold von Regensburg erschienen 700 Jahre nach dessen Tod und könnten doch für fast jeden Wanderprediger eingesetzt werden. Die den Wanderpredigern nachgesagte glänzende Rhetorik, verbunden mit einem charismatischen Auftreten, begeisterte Menschenmassen und nahm mitunter sogar Einfluss auf die Politik. Denn Wanderprediger zeigten Missstände auf, schwärmten von einer heilen Welt und lehrten einen das Fürchten mit ihren apokalyptischen Visionen. Alles in Volkssprache. Kein Wort in Latein. Die Biografien der bis heute bekannten ersten Vertreter dieser Berufung, zum Beispiel Norbert von Xanten oder Vitalis von Savigny und selbst Buddha oder Jesus, die als Wanderprediger begannen, gleichen sich in erstaunlich vielen Punkten: Sie alle zogen sich zurück, lebten in Askese und spürten danach das Bedürfnis zu predigen. Wenn sie nicht auf Wanderschaft verstarben, so verbrachten sie ihren Lebensabend in von ihnen gegründeten Institutionen wie etwa Klöstern.
"Man soll sich durch den Satan nicht täuschen lassen"
Es gab aber auch andere, weniger tugendhafte, wie der Bischof Ivo im 12. Jahrhundert in einem Brief berichtet:
"Es sind Asketen, die in Schaffelle gehüllt und von der schlechtesten Kost sich nährend, aus ihren Wohnsitzen in Wäldern und Bergeshöhen hervorkommen, die Dörfer, Städte und Kastelle bereisen und allenthalben predigen. Ihre Predigt enthält eine scharfe Kritik des Klerus und des Mönchtums, namentlich der geistlichen Würdenträger. Das wogegen sie insonderheit eifern, ist die Tatsache, dass viele Klöster vom Zehnten leben, der von Rechts wegen dem Klerus gebührt. Ihr abfälliges Urteil über alle Menschen, die nicht so sind wie sie, scheint bei ihnen in dem Satz zu gipfeln, dass die Kirche Christi nur bei ihnen zu finden sei. Aber ihr Leben selbst ist keineswegs makellos. Statt sich von den Zehnten zu nähren, nehmen sie, wenn der Ertrag ihrer Arbeit nicht ausreicht, das Geld der Armen von der Hand der Räuber oder wuchernder Geschäftsleute. Ja, sie entblöden sich nicht, sich für ihre Predigt bezahlen zu lassen. Es kann ihnen nicht zur Entschuldigung dienen, dass sie selbst kein Geld in die Hand nehmen, denn sie haben Leute bei sich, die dies Geschäft für sie besorgen, sei es gleich, sei es nachdem sie bereits fortgewandert sind."
Diejenigen der Wanderprediger, deren Namen noch heute bekannt sind, zeichneten sich vor allen Dingen dadurch aus, dass sie kein Geld für ihre Reden nahmen und wirklich nur von Sachspenden lebten. Selbst Jesus bläute seinen Jüngern ein, nie nach Essen zu fragen.
Wie sah der Auftritt eines Wanderpredigers aus?
Peter der Eremit reiste in Lumpen gekleidet und barfuß auf einem Esel an. "Was immer er sagte oder tat, schien halbgöttlicher Art zu sein." Er zeigte seinem Publikum gerne auch ein Stück Pergamentpapier: ein Himmelsbrief und die direkte Beauftragung von Gott zum Predigen. Von Berthold von Regensburg wird berichtet, dass er nur auf Einladung anreiste. Er war so beliebt, dass er sich erlauben konnte, der Schweizer Stadt Winterthur seinen Besuch zu verweigern: Die Stadt sollte, so sein Wunsch, eine Abgabe, die von den Armen verlangt wurde, abschaffen. Da sie das nicht tat, erschien Berthold auch nicht. Ob dies aufseiten des Volkes zu einem Aufstand führte, ist nicht bekannt. Egal, wo er auftrat, wird berichtet, dass den Bauern die Arbeiter von den Feldern davonrannten, um ihm zu lauschen. Er stellte sich gerne vor der Stadtmauer unter einen Baum und warf eine an eine Schnur gebundene Feder in die Luft, um zu sehen, in welche Richtung der Wind sie trug. Dann befahl er den Menschenmassen, die sich um ihn gesammelt hatten, sich in dieser Richtung aufzustellen, um ihn besser hören zu können. Er wählte eine einfache Sprache und einfache Gleichnisse, die das Volk sofort verstand.
"Am Schluss ruft er die ganze Versammlung auf, ein lautes Amen zu sprechen, wenn sie von ihren Sünde lassen wollen. Mächtig tönt es aus der großen Masse zu ihm herüber. Da ruft er: Pfui, Geiziger! Ich höre dein Amen wohl heraus; es ist keine Wahrheit drin. Vor Gottes Ohren klingt dein Amen wie des Hundes Bellen!"
Das Erscheinen von Wanderpredigern zeugte meist von einer Zeit des sozialen Umbruchs. Sie waren Publikumsmagneten, und durch ihren missionarischen Geist konnten sie mit ihren Reden tatsächlich Hunderttausende von Menschen erreichen. Sie reisten in den Sommermonaten, im Winter zogen sie sich zurück. Um den Menschen in Erinnerung zu bleiben, griffen sie vor der Erfindung des Heiligenbildes auf einfache Methoden zurück: Klemens aus Irland schnitt sich Haare und Fingernägel ab und verteilte diese als Reliquien an seine Zuhörer.
Die perfekte Zeit für neues Gedankengut
Die erste Welle von Wanderpredigern und deren starker Einfluss auf das Volk sowie die zeitgleiche Entwicklung von religiösen, als Wanderprediger organisierten Bewegungen, wie den Katharern oder Humiliaten, zwang die Kirche im 12. Jahrhundert, ihre eigenen Vertreter besser auszubilden: An den theologischen Fakultäten wurden nicht nur die Fächer Rhetorik und Grammatik eingeführt. Man suchte auch nach Männern, die verbo et exemplo, Wort und vorbildliche Lebensweise, miteinander verbanden. Weiterhin mahnte man die Bischöfe, bei ihren öffentlichen Reden auf Prunksucht zu verzichten, um Wanderpredigern keinen Anlass für ihre Predigten zu geben.
Das kam nicht von ungefähr. Die Kirche war zu diesem Zeitpunkt weit von ihrer ursprünglichen Mission abgewichen, die der einstige Wanderprediger aus Nazareth und seine Apostel in die Welt getragen hatten. Klöster waren Orte der materiellen Sicherheit. Wer im Kloster lebte, brauchte keine Angst vor Hunger zu haben. Der Bischof Ivo berichtet angewidert von Nonnenklöstern, die ihren Gönnern treu ergeben waren, der Bischof Johann von Orléans war der Lustknabe des Erzbischofs von Tours, und wenn man in den Gassen davon sang, dann sang Johann mit.
Thomas Cook, der Abstinenzler
Verstärkt traten sogenannte Wanderprediger auch wieder in der Wilhelminischen Zeit auf. Es gab damals sogar einen Wanderpredigerschein, der es einem rechtlich erlaubte, so unterwegs zu sein. Gustaf Nagel, der Barfußapostel vom Arendsee, wurde durch diese Tätigkeit der beste Steuerzahler seines Heimatorts. Wie seine Berufsvorgänger zog er in ärmlicher Kleidung barfuß als Prophet durch Deutschland und weiter bis ans Mittelmeer, verkündete die Liebe und druckte Pamphlete in seiner ihm eigenen Orthografie. Er brachte es sogar fertig, an Heiligabend 1902 in Bethlehem auf einem Esel einzureiten, und hätte es auch weiter nach Indien geschafft, hätte er nicht just zu diesem Zeitpunkt die Vision gehabt, in Arendsee einen Tempel zu bauen. Was er tat. Auch hierin unterscheidet er sich kaum von den großen Wanderpredigern des Mittelalters. Er hinterließ keine Fingernägel, sondern ließ Postkarten drucken, auf denen er sich werbewirksam, immer mit einem Gemüse im Hintergrund (er predigte auch das Essen von Rohkost), ablichten ließ.
Heutzutage gibt es den Wanderprediger kaum noch, verbreitet doch das Internet alle Inhalte authentisch und für jeden Geschmack. Noch vor wenigen Jahren bezeichnete sich der Börsenguru André Kostolany selbst als Wanderprediger der Börse - weil er eine besondere Intuition für Geldgeschäfte hatte und diese auf den Finanzmärkten der Welt verkündete.
Bleibt noch von einem Wanderprediger zu berichten, dessen missionarisches Werk auch heute noch im Dienste der Menschheit steht: Thomas Cook, der Abstinenzler. Er predigte sonntägliche Ausflüge aufs Land, anstatt sich die Hucke vollzusaufen. So organisierte er am 5. Juli 1841 eine Bahnreise von Leicester nach Loughborough, inklusive Tee, Rosinenbrötchen und Blasmusik. Der Ausflug war erfolgreich, und Cook veranstaltete weitere wohltätige Exkursionen, zuerst zu englischen Badeorten, später auch mal nach Kontinentaleuropa und gar nach Ägypten. Sein Unternehmen existiert bis heute, es werden Reisebroschüren statt Pamphlete gedruckt, und anstelle von Reliquien kauft man sich Souvenirs. Auch das Wandern wird noch gepflegt, als Erholung. Doch der Rest ist verloren gegangen.
Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch von Michaela Vieser "Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreissern", illustriert von Irmela Schautz; erschienen im C. Bertelsmann Verlag.
