Lade Daten...
04.12.2012
Schrift:
-
+

Handelssanktionen

Schlangengift verbindet Erzfeinde USA und Iran

Von Farnaz Fassihi und Michael M. Phillips, Wall Street Journal Deutschland
Corbis

Kobras bedrohen US-Soldaten: Der Stückpreis für das Gegengift liegt bei 310 US-Dollar

Der gesamte Handel zwischen den USA und Iran ist gestoppt. Der gesamte Handel? Nein, ein kleines Produkt trotzt den Sanktionen - weil es für die US-Truppen in Afghanistan überlebenswichtig ist. Denn nur iranisches Schlangenserum hilft gegen die Reptilien vom Hindukusch.

Die Beziehungen zwischen Iran und den USA gelten als vergiftet. Es gibt jedoch eine Ausnahme: ein Gegenmittel für Schlangenbisse. In Afghanistan ist das US-Militär auf die Erkenntnisse der iranischen Staatsforschung angewiesen, wenn es darum geht, Bisse von Mittelasiatischen Kobras, Halysottern und anderen Giftschlangen zu behandeln, die in den umkämpften Gebieten leben.

Trotz des vor allem von den USA durchgesetzten Embargos gegen Iran kauft das Verteidigungsministerium über einen Zwischenhändler das Mittel in Iran ein. Seit Januar 2011 insgesamt 115 Ampullen, Stückpreis 310 US-Dollar. Laut den offiziellen medizinischen Leitlinien des Zentralkommandos ist das Medikament des iranischen Impfstoff-Instituts Razi die "erste Wahl" bei der Behandlung, weil es gegen die Gifte der meisten afghanischen Schlangen hilft. Das berichtet ein Offizier, der das Dokument gelesen hat.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA stuft das Serum als experimentelles Medikament ein. Militärärzte müssen bei jedem Einsatz einen Bericht verfassen. Von der FDA zugelassene Gegengifte wirken jedoch bei den Bissen afghanischer Schlangen nicht, weil diese das Gift von in den USA vorkommenden Schlangen enthalten.

Die Iraner erklären, dass sie ihr Gegengift prinzipiell an jeden verkaufen. "Wir stellen es her, um Leben zu retten. Da ist es egal, ob die Person Iraner, Afghane oder Amerikaner ist", sagt Hadi Zareh, Forschungsleiter in der Gegengift-Abteilung von Razi. "Wir freuen uns, wenn es Leben rettet, selbst wenn es ein amerikanischer Soldat ist."

Aufgrund der Fragen des "Wall Street Journal" haben die Anwälte des Pentagon eine Untersuchung eingeleitet, ob der Kauf des Gegengifts gegen Sanktionen verstößt und eine Sondergenehmigung des Finanzministeriums benötigt. "Wir arbeiten mit dem Verteidigungsministerium zusammen, um zu klären, ob die Geschäfte mit den Sanktionen in Einklang stehen", sagte ein Sprecher des Finanzministeriums.

13 Arten von Giftschlangen

Forschungsleiter Zareh sagt, durch die Handelsschranken der USA sei es für sein Institut schwieriger geworden, das Medikament zu produzieren, das vom US-Militär gekauft wird. Man habe Probleme, an chemische Produkte für die Labors zu kommen. "Wegen der Sanktionen sind auch die Preise gestiegen."

In Afghanistan gibt es 13 Arten von Giftschlangen, die zum Großteil auch in Iran vorkommen. Zum einen ist da die Mittelasiatische Kobra, die aggressiv wird, wenn sie ihr Nest bedroht sieht. "Sie beißt sich fest und kaut wild", heißt es auf Postern, die in US-Basen in Afghanistan aushängen. Die Halysotter hat röhrenartige Giftzähne, die sich in den Kiefer einklappen lassen. Wenn ihre Bisse nicht behandelt werden, verursachen sie Schmerzen, Blutungen und "Gewebeauflösung um die Wunde herum", warnt die Armee. Die Levanteotter sei "unberechenbar und schlägt blitzschnell und brutal zu". Sandrasselottern seien "extrem reizbar": Auch wenn sie in der Regel vor Konfrontationen zurückscheuten, gebe es Fälle, in denen sie "Opfer aggressiv verfolgt" hätten.

"Wenn ich einen Patienten habe, der nicht weiß, von was für einer Schlange er gebissen wurde, dann gebe ich ihm das Mittel von Razi", sagt Oberstleutnant Aatif Sheikh, der Chefapotheker auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Bagram bei Kabul.

Auf den Postern in den Basen wird unter anderem geraten, sich "Schlangen-smart" zu verhalten: Bettwäsche und Kleidung sollten vor der Benutzung ausgeschüttelt werden. Auf den Plakaten sind Arme, Füße und Hände zu sehen, an denen das Fleisch durch Schlangenbisse abgetötet wurde. Laut Ärzten müssen schwere Bisse innerhalb einer Stunde behandelt werden, sonst droht ein Zerfall des Gewebes. Weitere Symptome können unter anderem Blutungen, Sehstörungen und Lähmungen sein. Im Einzelfall kann es zum Tod durch Atemversagen kommen.

Das Institut Razi wurde 1924 gegründet und entwickelte unter Führung des iranischen Landwirtschaftsministeriums zunächst Impfstoffe für Nutzvieh. Mehr als 30 Jahre später begann man mit der Produktion von Gegengiften für Verletzungen durch Schlangen und Skorpione. Razi ist in der Fachwelt anerkannt, pflegt Verbindungen zur Weltgesundheitsorganisation und stellt etwa 95.000 Ampullen an Schlangen- und Skorpionserum im Jahr her. Gerade arbeitet man an einem Mittel gegen Spinnengift.

Früher hielt das Institut eigene Schlangen auf dem Gelände. Jetzt werden sie wieder in die Freiheit entlassen, nachdem ihnen das Gift entnommen wurde. Labortechniker spritzen dann eine kleine Dosis Gift in eines der 200 Pferde des Instituts. Die Tiere produzieren daraufhin in ihrem Blut Antikörper, die anschließend von den Institutsmitarbeitern verarbeitet werden.

Auch das britische Militär nutzt in seinem Stützpunkt Camp Bastion neben indischen und französischen Mitteln die Medikamente von Razi. "Das iranische Gegengift ist das beste, und unsere Jungs verdienen das Beste", sagt der Chefarzt, Oberst Rob Russell. Von den 9.500 Soldaten in Afghanistan würden aber jedes Jahr nur einige wenige von Schlangen und Skorpionen gebissen.

Das US-Militär hat nach eigenen Angaben seit Januar vergangenen Jahres 21 Dosen des Gegengifts von Razi verabreicht, allesamt an afghanische Kinder. Alle überlebten.

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
1. Randnotiz
TheGrinder 04.12.2012
Zitat:"Von den 9.500 Soldaten in Afghanistan würden aber jedes Jahr nur einige wenige von Schlangen und Skorpionen gebissen. " Skorpione beissen nicht, sie stechen...
Zitat von sysopCorbisDer gesamte Handel zwischen den USA und dem Iran ist gestoppt. Der gesamte Handel? Nein, ein kleines Produkt trotzt den Sanktionen - weil es für die US-Truppen in Afghanistan überlebenswichtig ist. Denn nur iranisches Schlangenserum hilft gegen die Reptilien vom Hindukusch. http://www.spiegel.de/wirtschaft/usa-kauft-trotz-sanktionen-schlangenserum-im-iran-a-870909.html
Zitat:"Von den 9.500 Soldaten in Afghanistan würden aber jedes Jahr nur einige wenige von Schlangen und Skorpionen gebissen. " Skorpione beissen nicht, sie stechen...
2. wie man es halt grad braucht....
gedöns 04.12.2012
...so wird es eben hingebogen. wundert mich, dass den schlangen nicht vorgeworfen wird terroristen zu sein...die wurden bestimmt in geheimen camps ausgebildet und auf amerikanische soldaten angesetzt....
...so wird es eben hingebogen. wundert mich, dass den schlangen nicht vorgeworfen wird terroristen zu sein...die wurden bestimmt in geheimen camps ausgebildet und auf amerikanische soldaten angesetzt....
3. ...
herr_kleint 04.12.2012
Was wäre dieser Planet doch für ein schönes Fleckchen Erde, wenn es nicht doch soviele Spinner geben würde.
Zitat von sysopCorbisDer gesamte Handel zwischen den USA und dem Iran ist gestoppt. Der gesamte Handel? Nein, ein kleines Produkt trotzt den Sanktionen - weil es für die US-Truppen in Afghanistan überlebenswichtig ist. Denn nur iranisches Schlangenserum hilft gegen die Reptilien vom Hindukusch. http://www.spiegel.de/wirtschaft/usa-kauft-trotz-sanktionen-schlangenserum-im-iran-a-870909.html
Was wäre dieser Planet doch für ein schönes Fleckchen Erde, wenn es nicht doch soviele Spinner geben würde.
4. ...
JDR 04.12.2012
Schöner Bericht. Medikamente können übrigens auch aus den Vereinigten Staaten von Amerika ausgeführt werden. Es ist nur nicht besonders leicht. Wenn die Iraner interessiert sind, gibt es sicherlich Wege, die Waren zu [...]
Zitat von sysopCorbisDer gesamte Handel zwischen den USA und dem Iran ist gestoppt. Der gesamte Handel? Nein, ein kleines Produkt trotzt den Sanktionen - weil es für die US-Truppen in Afghanistan überlebenswichtig ist. Denn nur iranisches Schlangenserum hilft gegen die Reptilien vom Hindukusch. http://www.spiegel.de/wirtschaft/usa-kauft-trotz-sanktionen-schlangenserum-im-iran-a-870909.html
Schöner Bericht. Medikamente können übrigens auch aus den Vereinigten Staaten von Amerika ausgeführt werden. Es ist nur nicht besonders leicht. Wenn die Iraner interessiert sind, gibt es sicherlich Wege, die Waren zu tauschen, so dass keine Banken involviert werden müssen. Das käme sowohl dem Sanktionsgedanken, als auch den iranischen Bedürfnissen entgegen. Die IRI ist ja kein Volk von Teufeln, sondern eine sehr begabte Nation mit einer Führung, welche vom Weg der Gerechten abgewichen ist.
5. Klugschieter
graphicdog 04.12.2012
Klugschieter nennt man das im Norden.
Zitat von TheGrinderZitat:"Von den 9.500 Soldaten in Afghanistan würden aber jedes Jahr nur einige wenige von Schlangen und Skorpionen gebissen. " Skorpione beissen nicht, sie stechen...
Klugschieter nennt man das im Norden.

Verwandte Themen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter RSS
alles zum Thema Iran
RSS
Rubriken

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten