26.12.2012
Wirtschaftsprognosen 2013
Die Lage ist besser als die Laune
Baustelle in Frankfurt am Main: Trotz Finanzkrise ist ein leichtes Plus drin
Hamburg - Deutschlands Unternehmen gehen skeptisch ins neue Jahr. "Die deutsche Wirtschaft ist zum Jahreswechsel nicht gerade in Sektlaune", schreibt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft am Mittwoch als Fazit einer Umfrage unter 46 Branchenverbänden. Bei der Hälfte sei die Stimmung der Mitgliedsfirmen schlechter als vor einem Jahr, bei der anderen Hälfte unverändert. Erstmals seit Beginn der Finanzkrise 2008/2009 habe sich in keinem der Wirtschaftszweige die Stimmung im Vergleich zum Vorjahr verbessert.
Woran liegt es? Zum einen am Vorgehen der Bundesregierung, lautet die harsche Kritik aus den Wirtschaftsverbänden. So wirft Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), der Bundesregierung mangelnde Reformkraft vor. Der Nachrichtenagentur dapd sagt Ohoven, die schwarz-gelbe Koalition habe zwar "viel versprochen, aber wenig gehalten". Er fügte hinzu: "Wesentliche Reformbaustellen liegen brach. Die Wirtschaft wartet beispielsweise noch immer auf ein einfacheres und gerechteres Steuersystem."
Ein Problem sieht er zudem im Anstieg der Energiekosten. Stiegen diese bis Ende 2013 um zehn Prozent, "werden fast 60 Prozent der Mittelständler die eigenen Produktpreise erhöhen". Ein Drittel werde Investitionen und Neueinstellungen verschieben. Ohoven kritisierte ferner, das Betreuungsgeld passe "einfach nicht in die Zeit", und die Abschaffung der Praxisgebühr sei "genau das falsche Signal". Besser wäre es gewesen, die Kassenbeiträge zu senken, sagte Ohoven, "denn jede Entlastung der Betriebe bei den Lohnzusatzkosten schafft Spielraum für neue Investitionen".
Mehr Insolvenzen
Die geringe Investitionsbereitschaft der deutschen Industrie mache einigen Branchen bereits jetzt zu schaffen, sagt Chefvolkswirt Romeo Grill vom Kreditversicherer Euler Hermes. Sowohl bei Spediteuren und Logistikern als auch bei der Bauindustrie drohten 2013 weitere Insolvenzen - denn diese Wirtschaftszweige seien von Investitionen durch Unternehmen abhängig.
Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform erwartet aufgrund der mäßigen Wirtschaftsaussichten zudem eine Verschlechterung der Zahlungsmoral. Allein die Unsicherheit werde als Faktor eine wichtige Rolle spielen, sagte Michael Bretz von Creditreform der Nachrichtenagentur dpa. Sowohl der Zahlungsverzug werde sich auf durchschnittlich 13 Tage leicht erhöhen als auch die Zahl der Forderungsausfälle leicht steigen. Die Gesamtzahl der Insolvenzen dürfte demnach von 156.200 im Jahr 2012 auf etwa 160.500 steigen, darunter geschätzte 30.500 Firmenpleiten.
Mehr Lohn
Trotzdem gehen fast alle Wirtschaftsforscher davon aus, dass die deutsche Wirtschaft 2013 wachsen wird, die Prognosen reichen von 0,3 bis 1,0 Prozent. "Der private Konsum und der Export nach Osteuropa, Asien und Amerika sind kräftig genug, um die deutsche Wirtschaft in diesem und im kommenden Jahr leicht wachsen zu lassen", sagt Gustav A. Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.
Um die Binnennachfrage weiter anzukurbeln und so "die extrem ausgeprägte Exportabhängigkeit zu mindern", fordert zudem der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Gert Wagner, 2013 Lohnerhöhungen von "im Durchschnitt vier Prozent oder mehr".
Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, verlangt dagegen, im kommenden Jahr mit "Augenmaß" über die Höhe der Abschlüsse zu entscheiden. Schließlich hätten "die vergleichsweise moderaten Abschlüsse der vergangenen Jahre wesentlich dazu beigetragen, dass der deutsche Arbeitsmarkt die Euro-Schuldenkrise bislang so gut gemeistert hat". Driftmann erwartet für das kommende Jahr ein leichtes Konsumplus und sagte, dass sich die Nachfrage von Kunden außerhalb der Euro-Zone erstaunlich robust entwickelt.
Mehr Exporte
Was das bedeutet, erklärt Christoph Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Vor allem Exporte in Schwellenländer würden die schwache Nachfrage aus der Euro-Zone derzeit ausgleichen. Doch auch dort würden sich nun Anzeichen für eine wirtschaftliche Schwäche zeigen. Insofern sei es von großer Bedeutung, Lösungen zu finden, welche das Vertrauen wiederherstellen und die Wirtschaft zu Investitionen anregen. Dazu, so DIHK-Chef Driftmann, bedürfe es jedoch "eines geduldigen Festhaltens am Reformkurs".
Ein Patentrezept für einen schnellen Stimmungswandel gibt es also nicht. 2013 wird ein schwieriges Jahr für die deutsche Wirtschaft. Ein Absturz in die Rezession ist aber ebenso unwahrscheinlich wie ein rasanter Aufschwung. In diesen Punkten sind sich die führenden Forschungsinstitute einig. Sie wissen aber auch: Die Unsicherheit bleibt groß.
Die zarte Hoffnung auf eine anziehende Konjunktur kann jederzeit im Keim erstickt werden, sollte sich die Staatsschuldenkrise im Euro-Raum wieder zuspitzen.
mak/Reuters/dapd/dpa
