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09.01.2013
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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes

Steinbrücks Kurzschluss

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Über das Kanzlergehalts-Fettnäpfchen ist fast alles gesagt worden - mit einer Ausnahme: Peer Steinbrücks Äußerung ist nicht nur auf politischer Ebene Unfug, sondern auch auf ökonomischer. Ans große Geld kommen Spitzenpolitiker auf andere Weise.

Als gut dotierter Redner muss Steinbrück eigentlich wissen, was ihm zu dem Geldsegen verhalf. Wenn Steinbrück irgendwo auftrat und dafür Geld kassierte, dann wurde er als ehemaliger Bundesfinanzminister angekündigt, nicht als Schachspieler, Humorist oder als Beinahe-Sparkassenpräsident. Somit stehen die Privateinkünfte nach Ende der Amtszeit in direktem logischen Zusammenhang mit dem zuvor ausgeübten öffentlichen Amt.

Ich gönne Peer Steinbrück sein Geld. Ich gönne ihm sogar noch viel mehr Geld. Neiddebatten sind nicht mein Ding. Nur sollte niemand glauben, Politiker verdienen hohe Gehälter im Privatsektor aufgrund ihrer Kompetenz. Sie verdienen es deswegen, weil die Politik sie berühmt machte und weil sie von diesem Promi-Status noch jahrelang zehren.

Wie viel Gehalt Angela Merkel pro Jahr als Bundeskanzlerin bezieht, verblasst angesichts der Tatsache, dass sie nach ihrer Amtszeit Rednerhonorare von 50.000 Euro oder mehr pro Auftritt verlangen kann. Auch Autobiografien ehemaliger Spitzenpolitiker verkaufen sich zumeist blendend. Das hat in der Regel nichts mit der literarischen Qualität dieser Bücher zu tun, sondern mit der Öffentlichkeitswirksamkeit des zuvor ausgeübten Amtes.

Ehemalige Regierungschefs wie Bill Clinton oder Tony Blair gehören zu den Top-Verdienern auf Vortragsreisen. Joschka Fischer und Madeleine Albright haben lukrative Unternehmen gegründet, die Kunden in geopolitischen Fragen beraten. Gerhard Schröder landete einen Top-Job in einem Pipeline-Konsortium, für den er ohne seine Tätigkeit als Bundeskanzler niemals in Frage gekommen wäre.

Erst nach der Amtszeit klingelt richtig die Kasse

Für sie alle war der Goldesel nicht das Gehalt ihres Amtes, sondern das Amt selbst. Selbst bei einem Gehalt von null, hätten sie mit ihrem Wechsel in den Privatsektor noch einen guten Schnitt gemacht. Und die Anzahl derer, die das tun, wird immer größer. Ehemalige Regierungschefs begnügen sich zumeist nicht mit einer Rolle als loyaler Hinterbänkler im Parlament, wie das bis vor zwanzig Jahren noch häufig der Fall war. Steinbrück tat es ja auch nicht. Er kennt den Markt.

Ein krasses Beispiel für Kurzschlusslogik gab es gerade in Großbritannien zu besichtigen, als es um die Bezahlung des nächsten Notenbankpräsidenten ging: Der altgediente Sir Mervyn King, der in diesem Jahr in die Pension entlassen wird, verdiente mit knapp 400.000 Euro deutlich mehr als der Premierminister. Sein designierter Nachfolger, der jetzige kanadische Notenbankchef Mark Carney, wird ein Gehalt von rund 600.000 Euro bekommen. Ist so etwas ökonomisch zu rechtfertigen?

Der britische Finanzminister argumentierte: Chef der Bank of England, das sei eine schwere und wichtige Aufgabe, für die es nur wenige qualifizierte Bewerber gebe. Die erste Aussage ist richtig, die zweite nicht. Es gab eine ganze Reihe von hervorragenden Kandidaten, die sich mit dem normalen, ohnehin schon überzogenen Gehalt abgefunden hätte. Denn wenn die Amtszeit vorbei ist, dann klingelt auch bei Notenbankern so richtig die Kasse. Der ehemalige Bundesbankpräsident Axel Weber ist heute Präsident der Schweizer UBS. Ein Job, auf den der ehemalige Ökonomieprofessor ansonsten wenig Aussicht gehabt hätte.

Auch der ehemalige US-Zentralbankchef Alan Greenspan hat sich nach seinem Abgang von der Federal Reserve als Berater eine goldene Nase verdient. Und dann gibt es noch die unzähligen Notenbanker und ehemaligen Finanzminister und deren Stellvertreter, die jetzt von Investmentbanken wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley gut versorgt werden.

Bei einem Notenbanker kann man die hohen Gehälter ein wenig damit rechtfertigen, dass für den einen oder anderen im Privatsektor noch höher dotierte Alternativen lauern. Das ist bei den meisten Politikern erst der Fall, nachdem sie ihren Job los sind. Daher würde auch der englische Finanzminister nicht auf die Idee kommen, das Gehalt des Premierministers den Regeln eines kurzfristigen denkenden Marktes zu unterwerfen.

Aus diesen Gründen ist Steinbrücks Aussage zum Kanzlergehalt nicht nur politisch unklug, sondern vor allem unökonomisch - und das stört mich viel mehr. Zumal Steinbrück solche logischen Kurzschlüsse zuvor passierten. Ich erinnere mich immer noch mit Schrecken an seine Rede im Bundestag kurz nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008. Damals polterte er vorlaut, die Finanzkrise sei in erster Linie ein amerikanisches Problem.

Im darauffolgenden Jahr ging die deutsche Wirtschaftsleistung um über vier Prozent zurück.

Forum

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insgesamt 125 Beiträge
1. Es ist alles gesagt
bluewater 09.01.2013
das ist so wahr und trotzdem schafft es SPON täglich den alten Senf weiter aufzuwärmen damit man weiter hetzen kann und irgendwer das Magazin kauft und man auch möglichst sicherstellen kann, dass bis zur Wahl in Nds. nichst [...]
das ist so wahr und trotzdem schafft es SPON täglich den alten Senf weiter aufzuwärmen damit man weiter hetzen kann und irgendwer das Magazin kauft und man auch möglichst sicherstellen kann, dass bis zur Wahl in Nds. nichst davon vergessen wird um Rot/Grün zu verhindern... Wer bezahlt die Kampagne eigentlich?
2. Ja, Steinbrück ist tatsächlich kompetenzfrei !
iffel1 09.01.2013
Und ja, Steinbrück wird ausschließlich als Redner in seiner jetzigen politischen Funktion gebucht, auch zu völlig überhöhten Preisen. Gottseidank wird er nicht Kanzler. Mir tun die Leute leid, die ihm zuhören müssen.
Und ja, Steinbrück wird ausschließlich als Redner in seiner jetzigen politischen Funktion gebucht, auch zu völlig überhöhten Preisen. Gottseidank wird er nicht Kanzler. Mir tun die Leute leid, die ihm zuhören müssen.
3. Das ist natürlich nur teilweise richtig
namlob1 09.01.2013
Es gibt viele Jobs im Kommunalbereich, die man nur mit Parteibuch bekommt. Mancher wie der damalige Polizeipräsident von München wechselte sogar das Parteibuch, als die Regierung wechselte. Viele gehen auch deswegen "in die [...]
Es gibt viele Jobs im Kommunalbereich, die man nur mit Parteibuch bekommt. Mancher wie der damalige Polizeipräsident von München wechselte sogar das Parteibuch, als die Regierung wechselte. Viele gehen auch deswegen "in die Politik", um Jobs - Geld - zu verdienen. Andererseits gewinnen nicht alle Politiker solchen "Ruf", dass sie mit diesem - ihren Erfahrungen - auch Geld verdienen können. Die Korryphäen der CDU sind "ausgedünnt" worden von Angie, Steinbrück hat einen Ruf als Fachmann in Zeiten der Finanzkrise und ist schon deshalb als Redner begehrt - verfügt über mehr Erfahrungen als mancher Professor. Bei der "Pressesprecherin" Angie weiß man nicht so recht.
4. Genau richtig!
elecherc 09.01.2013
Herr Münchau, ich lese immer mit Vergnügen die äußerst kritischen Kommentare zu Ihren Kolumnen - obwohl ich der Meinung bin dass Sie sehr oft Recht haben. Aber dieses Mal möchte ich Ihr "Querdenken" ausdrücklich [...]
Herr Münchau, ich lese immer mit Vergnügen die äußerst kritischen Kommentare zu Ihren Kolumnen - obwohl ich der Meinung bin dass Sie sehr oft Recht haben. Aber dieses Mal möchte ich Ihr "Querdenken" ausdrücklich loben. Ohne ihr Amt hätten diese Politiker kaum eine Chance in die exorbitanten Verdienstsphären der Wirtschaft reinzukommen. Ob diese Verdienste in der Wirtschaft "leistungsgerecht" sind, will ich mal offen lassen. Ich möchte noch ein weiteres Beispiel erwähnen: Die Kohl-Kirch connection. Dass andererseits Politiker von Wirtschaft keine Ahnung haben, sieht man zur Zeit bei Wowereit.
5. Was soll denn der Unsinn?
Wunderläufer 09.01.2013
Es steht sicher außer Frage, dass Spitzenpolitiker NACH ihrer politischen Karriere Kasse machen KÖNNEN. Ich finde es aber unmöglich, aufgrund dieser zukünftigen Option ein Gehalt im Hier und Heute zu begründen
Es steht sicher außer Frage, dass Spitzenpolitiker NACH ihrer politischen Karriere Kasse machen KÖNNEN. Ich finde es aber unmöglich, aufgrund dieser zukünftigen Option ein Gehalt im Hier und Heute zu begründen

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Wolfgang Münchau


Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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