Lade Daten...
26.01.2013
Schrift:
-
+

Untergangsprophet Roubini

"Die EZB hat alle überrascht"

Nouriel Roubini: "Krisenländer sollten mehr Zeit bekommen"
REUTERS

Nouriel Roubini: "Krisenländer sollten mehr Zeit bekommen"

Mit frühen Warnungen vor der Finanzkrise wurde Nouriel Roubini berühmt. Doch vor einem Jahr machte "Doktor Unheil" einen Fehler: Er prophezeite den schnellen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone. Im Interview erklärt er, warum er sich irrte - und wie Pessimismus die Welt verbessern kann.

Nouriel Roubini sieht sehr müde aus. Auf dem Weltwirtschaftsforum eilt der US-Ökonom von Termin zu Termin und ist auf vielen Partys zu sehen. Die Kontaktpflege ist wichtig für Roubini: Sein Wissen macht er mit einer Beratungsfirma zu Geld, wegen der korrekten Vorhersage der Finanzkrise vertrauen Roubini viele Investoren. Doch seine letzte Prognose zur Euro-Zone lag daneben.

SPIEGEL ONLINE: Professor Roubini, Sie sind mit ausgesprochen pessimistischen Prognosen bekannt geworden. Das Weltwirtschaftsforum zeichnet sich dagegen durch notorischen Zukunftsoptimismus aus, immerhin ist der Anspruch, "den Zustand der Welt zu verbessern". Fühlen Sie sich hier manchmal fehl am Platz?

Roubini: Überhaupt nicht. Ich komme seit vielen Jahren nach Davos, ich habe hier schon 2006 vor der bevorstehenden Krise gewarnt. Um die Welt zu verbessern, muss man ihre Probleme erkennen.

SPIEGEL ONLINE: Letztes Jahr aber haben Sie hier in Davos den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone in den kommenden zwölf Monaten vorhergesagt und lagen damit falsch. Wie konnte das passieren?

Roubini: Im vergangenen Jahr hat die Europäische Zentralbank mit ihrem Aufkaufprogramm für Staatsanleihen einen ziemlich radikalen Wandel vollzogen. Ich denke, das hat alle überrascht. Auch die Verabschiedung des Euro-Rettungsfonds ESM hilft europäischen Staaten und Banken. Die Europäer denken über eine stärkere Integration mit Banken- und Fiskalunion nach. Und schließlich hat sich die Einstellung der Deutschen gewandelt: Sie sehen mittlerweile ein, dass ein geordneter Euro-Austritt Griechenlands nicht möglich ist, solange Italien und Spanien in Gefahr sind. Und dass Griechenlands Krise auf Länder wie Zypern übergreifen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich eigentlich Kunden ihrer Beratungsfirma beschwert, weil sie aufgrund Ihrer Prognose auf einen Austritt gewettet haben?

Roubini: Nein. Ich liefere sehr detaillierte Analysen, die aber oft auf Schlagzeilen reduziert werden. So habe ich als einer der Ersten die genauen Folgen des Anleihekaufprogramms der Europäischen Zentralbank (EZB) oder einer möglichen Bankenunion vorhergesagt. Es gibt nicht viele Leute, die wie ich für zwei Wochen in die Euro-Zone reisen, Gespräche in Madrid, Rom, Berlin, Paris, Brüssel, Frankfurt und Athen führen und dann ihre Schlüsse daraus ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Noch immer stecken weite Teile Südeuropas in der Rezession. Bleibt das so?

Roubini: Im Gegensatz zu EU-Politikern glaube ich nicht, dass sich die Lage in den Krisenländern Mitte des Jahres bessert, sondern dass ihre Wirtschaft das ganze Jahr über weiter schrumpfen wird.

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich dagegen tun?

Roubini: Den Krisenländern sollte man mehr Zeit geben, um ihre Haushalte zu sanieren - sonst sehen die Bürger dort kein Licht am Ende des Tunnels und der Sparkurs scheitert. Länder wie Deutschland sollten die Nachfrage stimulieren, indem sie die Steuern senken. Und die EZB könnte ihre Geldpolitik noch deutlich lockern.

SPIEGEL ONLINE: Steuern wir damit nicht auf die nächste Krise zu? In Deutschland führen die niedrigen Zinsen schon zu ersten Anzeichen einer Immobilienblase.

Roubini: Es stimmt, dass die Zinsen in Deutschland zu niedrig sind. Aber in den Krisenländern sind sie zu hoch. Die EZB könnte deshalb Anleihen aus Südeuropa kaufen und damit dort die Zinsen drücken und Anleihen von Ländern wie Deutschland verkaufen, um ihre Zinsen hochzutreiben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen nicht nur Europa skeptisch, sondern auch ihre Heimat, wo Republikaner und Demokraten im Haushaltsstreit tief zerstritten sind. Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger hat hier in Davos gerade eine Revolte vorhergesagt, falls die amerikanische Politik nicht aus der Dauerblockade kommt. Erwarten Sie die auch?

Roubini: Irgendwann schon, aber nicht in naher Zukunft. Die EZB macht mögliche Anleihekäufe immerhin von Sparprogrammen abhängig. Die US-Zentralbank dagegen kauft US-Staatsanleihen ohne Bedingungen. Deshalb bleiben deren Zinsen zu niedrig, die Regierung kann sich leicht finanzieren und Investoren können nicht auf Reformen dringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollten die aussehen?

Roubini: Genau wie in Europa bin ich dafür, nicht zu viel zu schnell sparen. Die USA sollten kurzfristig die Konjunktur stützen, aber einen langfristigen Plan zum Schuldenabbau vorlegen. Doch wegen des politischen Patts in Washington gelingt weder das eine noch das andere.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich das in der zweiten Amtszeit von Obama ändern?

Roubini: An die große Lösung glaube ich nicht, dafür wird das Problem schon zu lange aufgeschoben. Das Einzige, was das ändern könnte, wäre Druck von den Anleihemärkten - wie in Europa.

Das Interview führte David Böcking

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
1. Sanierungserfolge oder wird etwas mehr Zeit gekauft?
analysatorveritas 26.01.2013
Was sich Roubini nicht vorstellen konnte war der geringe Widerstand der wenigen noch einigermaßen leistungsfähigen Eurovolkswirtschaften gegen die gigantischen Rettungsausweitungen und Haftungsgarantieübernahmen. [...]
Zitat von sysopMit frühen Warnungen vor der Finanzkrise wurde Nouriel Roubini berühmt. Doch vor einem Jahr machte "Doktor Unheil" einen Fehler: Er prophezeite den schnellen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone. Im Interview erklärt er, warum er sich irrte - und wie Pessimismus die Welt verbessern kann. Interview Roubini: "Die EZB hat alle überrascht" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/interview-roubini-die-ezb-hat-alle-ueberrascht-a-879763.html)
Was sich Roubini nicht vorstellen konnte war der geringe Widerstand der wenigen noch einigermaßen leistungsfähigen Eurovolkswirtschaften gegen die gigantischen Rettungsausweitungen und Haftungsgarantieübernahmen. Leider hat sich an der eigenen Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands kaum etwas verändert. Schuldenschnitte, Aufkauf von Staatsanleihen, die permanente Dauernutzung des ELA-Mechanismuses zur indirekten monetären Staatsschuldenrefinanzierung. Die Liste der hilfsbedürftigen Euroländer ist lang, Griechenland, Portugal, Spanien, Irland, Zypern und auch bald Slowenien. Dabei spielte und spielt deren Bankenbereich eine zentrale Rolle. Die Fonds EFSF und ESM wurden nun auch zur Rekapitalisierung von Banken herangezogen. Rettungsschirm: Spanien-Rettung mit fatalen Folgen - Europa - Politik - Wirtschaftswoche (http://www.wiwo.de/politik/europa/rettungsschirm-spanien-rettung-mit-fatalen-folgen/6731426.html) EZB: Die Milliarden des ESM sind bald weg - Europa - Politik - Wirtschaftswoche (http://www.wiwo.de/politik/europa/ezb-die-milliarden-des-esm-sind-bald-weg/7241300.html) Schuldenkrise: Warum geht Griechenland nie das Geld aus? - Europa - Politik - Wirtschaftswoche (http://www.wiwo.de/politik/europa/schuldenkrise-warum-geht-griechenland-nie-das-geld-aus/7397254.html) Griechenland: Vollkasko für die Peripherie - Europa - Politik - Wirtschaftswoche (http://www.wiwo.de/politik/europa/griechenland-vollkasko-fuer-die-peripherie/7467588.html) Die EZB hat mit massivsten Hilfen die Eurozone gestützt und eine gewisse Stabilisierung im Bankenbereich und auf dem Anleihemarkt erreicht. Der mögliche Erfolg dieser Maßnahmen wird sich aber erst in zwei Jahren zeigen, sofern die eingeschlagenen Reform- und Anpassungsprogramme konsequent umgesetzt werden können. Renationalisierung: Zocken mit der Dicken Bertha - Europas Schuldenkrise - FAZ (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/renationalisierung-zocken-mit-der-dicken-bertha-11970687.html) Schuldenkrise: Die Trickkiste der Gelddrucker - Europa - Politik - Wirtschaftswoche (http://www.wiwo.de/politik/europa/schuldenkrise-die-trickkiste-der-gelddrucker/6589466.html) Offenbar hält man diese angedachten und bereits ergriffenen Maßnahmen für nicht ausreichend, deshalb möchte man weitere Hilfsmechanismen schaffen, um für zukünftige Krisenfälle besser gerüstet zu sein. Denkfabrik: "Bankenunion hätte fatale Folgen" - Europa - Politik - Wirtschaftswoche (http://www.wiwo.de/politik/europa/denkfabrik-bankenunion-haette-fatale-folgen/6784832.html) Europäische Transferunion: Sozialistische Planspiele in Brüssel - Europa - Politik - Wirtschaftswoche (http://www.wiwo.de/politik/europa/europaeische-transferunion-sozialistische-planspiele-in-bruessel/7545674.html) Die spannende Frage dabei wird sein, inwieweit Deutschland weitere potenzielle Risiken tragen wird und auch Frankreich seinen gesellschaftspolitischen Komplettumbau hin zu mehr Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit umsetzen kann. Weltwirtschaftsforum: Davos-Teilnehmer haben Angst um Frankreich - Europa - Politik - Wirtschaftswoche (http://www.wiwo.de/politik/europa/weltwirtschaftsforum-davos-teilnehmer-haben-angst-um-frankreich/7690748.html) Roubini hat die strukturellen Probleme der Eurozone richtig analysiert, den politischen Willen zum Erhalt dieser Währungszone jedoch etwas unterschätzt. Es bleibt also durchaus noch spannend bezüglich der zukünftigen Entwicklungen.
2. Nur die Ruhe und keine Panik auf der Titanic.
ratschbumm 26.01.2013
Die richtig faustdicke Überraschung kommt noch. Let´s wait and see.
Zitat von sysopMit frühen Warnungen vor der Finanzkrise wurde Nouriel Roubini berühmt. Doch vor einem Jahr machte "Doktor Unheil" einen Fehler: Er prophezeite den schnellen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone. Im Interview erklärt er, warum er sich irrte - und wie Pessimismus die Welt verbessern kann. Interview Roubini: "Die EZB hat alle überrascht" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/interview-roubini-die-ezb-hat-alle-ueberrascht-a-879763.html)
Die richtig faustdicke Überraschung kommt noch. Let´s wait and see.
3. optional
axt119 26.01.2013
Man soll ja auch nicht gegen den EUro wetten! Das müsste mittlerweile jedes Kind wissen. Außer vllt ein paar seltsame EU-Hasser, die werden es nie lernen!
Man soll ja auch nicht gegen den EUro wetten! Das müsste mittlerweile jedes Kind wissen. Außer vllt ein paar seltsame EU-Hasser, die werden es nie lernen!
4. Übersetzung
Progressor 26.01.2013
Deutschland soll Steuern senken und dies über eine höhere Nettokreditaufnahme finanzieren. Die EZB soll deutsche Staatsanleihen verteuern um damit die Kredite an die Südländer zu verbilligen. Also quasi so tun, als ob man [...]
Deutschland soll Steuern senken und dies über eine höhere Nettokreditaufnahme finanzieren. Die EZB soll deutsche Staatsanleihen verteuern um damit die Kredite an die Südländer zu verbilligen. Also quasi so tun, als ob man schon Eurobonds eingeführt hätte. Nicht so schnell sparen bedeutet, entgegen dem vereinbarten Fiskalpakt weiterhin die Staatsschulden zu erhöhen. Lagarde vom IWF bläst ja ins selbe Horn. Wir vermuten: Der Fiskalpakt ist gescheitert und man bereitet uns schon langsam schonend darauf vor.
5. Ein neuer Marc Faber (Mr. Doom .HKG,CH)
a.lochs 26.01.2013
Wenn man schwarz malt verliert man meistens nie! Weil niemand an einen denkt wenn alles gut ist
Wenn man schwarz malt verliert man meistens nie! Weil niemand an einen denkt wenn alles gut ist

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Fotostrecke

Fotostrecke

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter RSS
alles zum Thema Weltwirtschaftsforum in Davos 2013
RSS
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten