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06.02.2013
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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes

Die teutonische Titel-Teuerung

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau
dapd

Bildungsministerin Schavan: Wozu braucht ein Politiker einen Doktortitel?

Der Fall Schavan, mal ökonomisch betrachtet: Wer Inflation bekämpft, muss die Zinsen anheben. Wer die Flut fragwürdiger Doktortitel in Deutschland angehen will, sollte dementsprechend den Zugang zu diesem Titel schwieriger machen. So wie es in den USA und Großbritannien längst üblich ist.

Wenn man zu viel Geld in die Wirtschaft pumpt oder wenn mehr produziert wird, als die Kapazitäten es erlauben, dann kommt es zur Inflation. Das lehrt uns die Ökonomie. Mit der gleichen Theorie lässt sich Annette Schavans Doktorarbeit erklären. Wir haben eine Inflation der Promotionen in Deutschland und damit notgedrungen ein Überangebot schlechter Doktorarbeiten. Relativ zur ihrer Kapazität bilden deutsche Professoren zu viele Doktoranden aus.

Ich schreibe diese Kolumne aus Oxford, einer Stadt mit einer überdurchschnittlichen Anzahl von promovierten Akademikern. Auch in den angelsächsischen Universitäten gibt es Plagiatsfälle. Die Universität Harvard hatte gerade 60 Studenten suspendiert, die unter Verdacht standen, bei einer Hausaufgabe voneinander abgeschrieben zu haben. An englischen Universitäten habe ich von Plagiatsproblemen bei Magisterarbeiten gehört, aber bei Promotionen findet man solche Fälle kaum.

Woran liegt das? Zunächst gibt es auch in Deutschland das Problem nicht in den "harten" Disziplinen wie Mathematik oder Physik, sondern fast nur in den Sozial-, Geistes- und Rechtswissenschaften. Genau in den Disziplinen also, in denen sich die Politiker tummeln.

Ein Doktorvater müsste erkennen, ob etwas Neues entsteht oder nicht

Bei Bachelor-Arbeiten in diesen Fächern ist es normal, dass man Literatur unter einem bestimmten Aspekt zusammenfasst. Bei einer Doktorarbeit würde man erwarten, dass da jemand etwas Neues entwickelt hat. Ein halbwegs kompetenter Doktorvater müsste sofort erkennen, ob hier etwas Neues entsteht oder nicht. Offensichtlich ist genau das aber zu selten der Fall.

Für mich war das eigentlich Schockierende an der Doktorarbeit Theodor von Guttenbergs nicht, dass er falsch zitiert hat, sondern was da drin stand. Das war ein Essay über amerikanisches und europäisches Verfassungsrecht. Das las sich wie eine sehr, sehr, sehr lange SPIEGEL-ONLINE-Kolumne.

Dass deutsche Doktorväter diese fehlende Innovationsleistung nicht erkennen, liegt daran, dass sie zu viele Doktoranden gleichzeitig annehmen. In Großbritannien haben Professoren vielleicht einen oder zwei Studenten, die sie intensiv betreuen, aber nicht zehn oder zwanzig. Es gibt dort insgesamt mehr Studenten als in Deutschland - was an der hohen Anzahl ausländischer Studenten liegt. Und trotzdem werden in Großbritannien weniger Promotionen abgeschlossen. In Deutschland sind es rund 23.000 pro Jahr, in Großbritannien um die 15.000 - und viele davon kommen nur zum Promotionsstudium ins Land und wandern danach wieder ab. Die echte Diskrepanz ist somit viel größer. In den angelsächsischen Staaten wird im Übrigen auch nicht so nebenbei promoviert. Doktoranden sind in der Regel Vollzeitstudierende, die auch Vorlesungen besuchen. Eine Doktorarbeit ist dort nichts, was man nach Feierabend mal so eben aufschreibt.

Der simple Grund, warum es in England oder den USA kein Problem mit abgekupferten Promi-Dissertationen gibt: Dort haben nur die wenigsten Politiker einen Doktortitel. Wozu auch? Ein Doktortitel sollte dazu befähigen, wissenschaftlich zu arbeiten. Er ist eine Art Eingangsvoraussetzung für eine Karriere in einer Universität, einem wissenschaftlichen Institut oder in der Forschungsabteilung von Privatunternehmen. Auch Banken haben einen Bedarf an promovierten Mathematikern, die die nächste Generation undurchschaubarer Finanzprodukte entwickeln.

Wozu braucht ein Politiker einen Doktortitel?

Aber wozu braucht ein Politiker einen doctor rerum politicarum oder einen doctor juris? Oder auch ein Journalist? Oder ein Unternehmer? Oder ein normaler Banker?

In Deutschland sind Promotionen in den diskursiven Fächern relativ leicht zu erlangen, lassen sich wunderbar mit Beruf, Familie und Hobby verbinden und haben einen hohen sozialen Statuswert. Pathologisch interessant ist auch, dass der Doktortitel gerade konservativen Politikern so wichtig ist. Unter Christdemokraten hat der Doktor einen hohen Prahl-Wert, ähnlich dem eines Adelstitels, den man stolz im Namen trägt. Guttenberg hatte sogar beides. Unter Sozialdemokraten scheint dieser Wert geringer.

In der Ökonomie weiß man, wie man das Problem überschüssiger Liquidität und einer Überauslastung von Kapazitäten löst. Man erhöht die Zinsen. Man versucht damit, die Nachfrage nach weiterer Liquidität zu drosseln. Das Problem der Inflation der Promotionen lässt sich genauso einfach lösen. Dazu braucht man keine Armeen von Plagiatsjägern. Es reicht eine klitzekleine Gesetzesänderung: Der Doktortitel verschwindet aus dem Namen und wird zu einem normalen akademischen Titel. Und auf der Angebotsseite könnte man noch die Anzahl der Doktoranden pro Doktorvater auf zwei oder drei begrenzen.

Damit fällt für viele der Nutzen des Doktorstitels unter dessen Kosten, und dies bei erhöhten Eintrittsbarrieren durch ein verknapptes Angebot. Es bleiben diejenigen übrig, die tatsächlich einen Beitrag zur Forschung leisten wollen und können. Damit wäre das Problem der Schavans und Guttenbergs vollständig und für immer gelöst.

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insgesamt 241 Beiträge
1. Theoretisch gut...
LarsLondon 06.02.2013
...aber praktisch wohl kaum umzusetzen. Es ist doch gerade die angeprangerte Gruppe der Politiker, die diese Gesetzesaenderung anstossen muesste
...aber praktisch wohl kaum umzusetzen. Es ist doch gerade die angeprangerte Gruppe der Politiker, die diese Gesetzesaenderung anstossen muesste
2. In den USA
titurel 06.02.2013
ist ja sowieso alles besser... Was den Dr.-Titel angeht: was ist nach Schavan/Guttenberg usw. anders als vorher? Die paar Leute machen den Unterschied nicht. Weiterhin geht es doch bloß darum, ordentlich und ehrlich zu [...]
Zitat von sysopDer Fall Schavan, mal ökonomisch betrachtet: Wer Inflation bekämpft, muss die Zinsen anheben. Wer die Flut fragwürdiger Doktortitel in Deutschland angehen will, sollte dementsprechend den Zugang zu diesem Titel schwieriger machen. So wie es in den USA und Großbritannien längst üblich ist. Wolfgang Münchau über die Plagiatsaffäre um Annette Schavan - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/wolfgang-muenchau-ueber-die-plagiatsaffaere-um-annette-schavan-a-881802.html)
ist ja sowieso alles besser... Was den Dr.-Titel angeht: was ist nach Schavan/Guttenberg usw. anders als vorher? Die paar Leute machen den Unterschied nicht. Weiterhin geht es doch bloß darum, ordentlich und ehrlich zu arbeiten. Früher, zu Schavans (und meiner Zeit), lernte man das im ersten Semester.
3.
+.+ 06.02.2013
In den schon erwähnten "harten" (ingenieuer-)Fächern ist dies auch in Deutschland nicht so. Von meiner Universität kenne ich es so, dass die Doktoranden 3-4 Jahre Vollzeit an ihrer Doktorarbeit arbeiten. Hierbei hat [...]
In den schon erwähnten "harten" (ingenieuer-)Fächern ist dies auch in Deutschland nicht so. Von meiner Universität kenne ich es so, dass die Doktoranden 3-4 Jahre Vollzeit an ihrer Doktorarbeit arbeiten. Hierbei hat jeder mindestens eine Übung zu betreuen, muss auf Konferenzen fahren um seine Ergebnisse dem Fachpublikum präsentieren, muss Ergebnisse veröffentlichen (Stichwort Papers) und hat Diplomanden zu betreuen. Die Diplomandenbetreung ist, richtig sogar ein Benefir für Doktorand und Diplomand. Der Doktorand überlegt sich ein neues technisches Verfahren einen Algorithmus etc. der Diplomand implementiert dies dann konkret. Damit zeigt der Diplomand, dass er als Ingenieur was taugt (kann aus Theorie Praxis machen) und der Doktorand hat dann am Realfall Messergebnisse zu seinem Verfahren/Algorithmus die im Optimalfall zeigen dass hier eine Verbesserung zum Stand der Technik erreicht wurde
4. titles are for monarchs
EuroStar2011 06.02.2013
Es stimmt das ein Doktor Titel in den USA (von bestimmten Teilen der Ostkueste abgesehen) einen wesentlich kleineren sozialen Stellenwert hat als in DE und wird im Alltag meist nur fuer medizinische Titel wie MD, PsyD, DO etc [...]
Zitat von sysopDer Fall Schavan, mal ökonomisch betrachtet: Wer Inflation bekämpft, muss die Zinsen anheben. Wer die Flut fragwürdiger Doktortitel in Deutschland angehen will, sollte dementsprechend den Zugang zu diesem Titel schwieriger machen. So wie es in den USA und Großbritannien längst üblich ist. Wolfgang Münchau über die Plagiatsaffäre um Annette Schavan - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/wolfgang-muenchau-ueber-die-plagiatsaffaere-um-annette-schavan-a-881802.html)
Es stimmt das ein Doktor Titel in den USA (von bestimmten Teilen der Ostkueste abgesehen) einen wesentlich kleineren sozialen Stellenwert hat als in DE und wird im Alltag meist nur fuer medizinische Titel wie MD, PsyD, DO etc benutzt. So wird aus einem John Q Doe MD einfach ein Doctor John. In fast allen anderen Bereichen steht der Titel auf der Visitenkarte oder auf dem Tuerschild aber spielt bei der Anrede kaum eine Rolle. Selbes gilt fuer den Professor. Der Titel wird an Colleges und Universities benutzt, aber nur selten ausserhalb. Es hat den Anschein das Titel wie Dr und Prof in DE _leider_ immer noch wie monarchische Titel benuetzt werden.
5. Plagiat Promotion
peterfmsenft 06.02.2013
Es wäre wünschenswert, wenn jeder Doktorvater oder jede Doktormutter jede Promotion persönlich und ohne Hilfskräfte betreuen würde. Das würde die Zahl der Promotionen deutlich verringern und dem ursprünglichen Zweck, der [...]
Es wäre wünschenswert, wenn jeder Doktorvater oder jede Doktormutter jede Promotion persönlich und ohne Hilfskräfte betreuen würde. Das würde die Zahl der Promotionen deutlich verringern und dem ursprünglichen Zweck, der Fortentwicklung der Wissenschaft zu dienen und nicht der Ausschmückung der Visitenkarte. Weiter sollten alle (!) Promotionen im vollen Text über das Internet zugänglich sein, damit einmal Öffentlichkeit hergestellt und die Vielzahl von fast gleichen Promotionen deutlich wird. Der Dr.-Titel ist öffentlich, also müßten es auch die Promotionsarbeiten sein.

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Wolfgang Münchau


Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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