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Wirtschaft

Müllers Memo

Präsident Xi und die Zombies

Chinas starker Mann wird diese Woche auf dem Parteikongress seine Machtbasis weiter ausbauen. Doch die Wirtschaft steht auf wackligen Beinen. Geht von China die nächste globale Finanzkrise aus?

AP

Aktien-Handelshaus in Peking

Eine Kolumne von
Sonntag, 15.10.2017   15:59 Uhr

Aus westlicher Sicht gibt es zwei Chinas. Das eine ist ein unfassbar starkes Land - das andere ein aufgeblasener Riese auf schwankendem Grund. Beunruhigend sind beide.

Beginnen wir mit der Geschichte vom starken China. Sie handelt von einem Land, das dasteht wie eine Terrakottaarmee aus Superhelden - ein Milliardenheer in schimmernden Rüstungen: unnahbar, unbesiegbar, unüberwindbar. Dieses China hat seine wahre Stärke noch gar nicht erreicht. Es ist unaufhaltsam auf dem Weg, die Welt zu dominieren und die USA als Supermacht abzulösen.

Seine Stärke hat zwei Quellen: zum einen die schlagkräftige Einheit von Bevölkerung und Eliten. An der Spitze steht der mächtigste Führer, den das Megavolk seit Maos Zeiten hatte: Xi Jinping, jener ebenso undurchsichtige wie zielstrebige Mann, der sich diese Woche beim Parteikongress der KP (ab Mittwoch) anschickt, seine interne Machtbasis noch weiter auszubauen.

Zum anderen fußt Chinas Stärke nach dieser Lesart auf seiner Wirtschaft, die seit vielen Jahren auf der Überholspur ist. Eine "Hightech-Supermacht" sei im Entstehen begriffen, schreibt etwa der China-Thinktank Merics.

Eine Branche nach der anderen wird aus Fernost dominiert. Nachdem die Chinesen die Bekleidungs- und die Elektronikindustrie monopolisiert haben, reißen sie derzeit den Markt für Elektroautos an sich, später werden die datengetriebenen Netzwerkindustrien folgen - Google und Facebook, passt auf!

Während Europa sich im Zuge der Brexit-Verhandlungen selbst zerlegt (achten Sie auf den EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag) und die USA von einem erratischen Twitter-Präsidenten verwirrt werden, macht Xi China zur Supermacht mit globalem Führungsanspruch. Er lässt Hunderte Milliarden Dollar in die Infrastruktur anderer Länder investieren und etabliert eine neue Seidenstraße, um seine imperiale Wirtschaftsmacht zu arrondieren - ein asiatischer Marshallplan auf Anabolika.

Die andere Seite: rote Zahlen und untote Konzerne

Das Gegenbild zeichnen die Finanzstatistiker. Dieses China sieht ganz anders aus. Es ist ein düsteres Reich der roten Zahlen und der Zombie-Konzerne. Eine Volkswirtschaft, von der die nächste globale Finanzkrise auszugehen droht.

Besorgniserregende Daten gibt es reichlich. Seit 2008 hat sich der Verschuldungsgrad der Wirtschaft verdoppelt. Firmen und Bürger schieben Kredite vor sich her, die inzwischen das 2,3-Fache der Wirtschaftsleistung betragen. Kein anderes Schwellenland hat derart hochgejazzte Finanzmärkte. In Brasilien und Russland etwa, Ländern mit durchaus kräftigem Kreditappetit, liegt die Verschuldung der Wirtschaft lediglich bei der Hälfte des Sozialprodukts.

Die Last wiegt schwer. Die Wirtschaft ächzt unter den hohen Schulden. Der Schuldendienst ist der höchste unter allen G20-Staaten, so der Internationale Währungsfonds (IWF) - und das, obwohl die Zinsen weltweit immer noch extrem niedrig sind. Bei steigenden Zinsen drohen eine Menge übler Überraschungen.

Ein Land auf Crashkurs?

Der Schuldenanstieg in China ist so stark, dass er nach den Erfahrungen anderer Länder in einem Crash enden wird. Der IWF rechnet vor, dass im Schnitt in Volkswirtschaften, die später eine Finanzkrise durchlitten, zuvor die Verschuldungsgrade binnen neun Jahren um 70 Prozentpunkte gestiegen waren. In China verläuft der Anstieg schneller und steiler. Parallel dazu blähen sich Immobilienblasen auf.

China hat gemessen an der Wirtschaftskraft einen der größten Bankensektoren der Welt - größer als die meisten westlichen Länder. Viele Institute sind nicht gerade solide finanziert. Der IWF-Analyse zufolge verlassen sich gerade kleinere Banken verstärkt auf kurzfristige Kredite mit Laufzeiten unter einem Jahr. Das heißt: Sie brauchen ständig frisches Kapital. Sollte es zu Verspannungen am Finanzmarkt kommen, wie im Westen 2008, sitzen solche Banken rasch auf dem Trockenen.

Und obwohl sich die Behörden inzwischen bemühen, die Finanzrisiken einzuhegen, vergeben die Banken nach wie vor einen beachtlichen Anteil an "Schattenkrediten", die nicht in den Bankbilanzen auftauchen.

Rapide steigende Verschuldung, ungenügende Risikovorsorge, Bubbles an den Kapitalmärkten - es klingt, als ob China all die Fehler wiederholte, die den Westen im vorigen Jahrzehnt in die Finanzkrise trieben.

Ein vertrautes Muster: Irgendwann nimmt die Krise ihren Lauf

Womöglich hätte China längst einen ausgewachsenen Crash, würden sich die Behörden nicht mit aller Macht dagegenstellen. Kapitalflucht ins Ausland ist ein Großproblem - und ein Hinweis darauf, dass viele Chinesen ihr Geld lieber anderswo anlegen würden. Mit drastischen Kapitalverkehrskontrollen versucht der Staat den Abfluss zu stoppen. Um eine rapide Abwertung der Währung zu verhindern, ließ die Regierung in den vergangenen Jahren rund eine Billion Dollar (!) an Währungsreserven auf den Markt werfen.

Alles nicht gerade Zeichen von unbezwingbarer wirtschaftlicher Stärke.

Das Muster ist vertraut: Nach einem langen Investitionsboom stellt sich heraus, dass vieles, was da finanziert wurde, doch nicht so toll ist. Investoren ziehen sich zurück. Unternehmen und Privatleute können Kredite nicht mehr bedienen. Banken geraten in Schieflage. Die Börsen gehen auf Tauchstation. Eine Zeit lang gelingt es der Regierung, die Probleme unter Kontrolle zu halten und Löcher zu stopfen. Doch irgendwann nimmt die Krise ihren Lauf.

So war es nicht nur bei der westlichen Finanzkrise der Nullerjahre. So war es auch in den Achtzigerjahren in Japan: Nippon galt damals als gnadenlos überlegen. Eine staatlich koordinierte Wirtschaft, getragen von einem Heer leistungswilliger Arbeiter, die dem Westen einen Sektor nach dem anderen entrissen: Optik, Elektronik, Autos, Videorekorder...Die Älteren erinnern sich.

Dann folgte Ende der Achtziger ein unfassbarer Investitions- und Immobilienboom, schließlich ein großer Finanzkrach. Davon hat sich das Land bis heute nicht völlig erholt. (Achten Sie auf den Ausgang der Wahlen in Japan am kommenden Sonntag.)

Droht China nun ein ähnliches Schicksal? Stellt sich am Ende heraus, dass vieles doch nicht so großartig ist? Dass eine regierungsgesteuerte Volkswirtschaft, in der die von Xi geführte kommunistische Partei das letzte Wort hat, doch nicht so innovativ und produktiv sein kann?

Nein, sagen die Erzähler der Supermachtgeschichte, Chinas Behörden wüssten genau, was sie tun. Schließlich habe Peking 2008 bewusst die Finanzmärkte von der Kette gelassen, um die Finanzkrise des Westens und die große Rezession abzufedern. Nun machen sie sich daran, die Risiken zurückzufahren und das Produktivitätswachstum anzuregen. Das Vertrauen in die Weisheit der roten Technokraten ist groß, gerade in der westlichen Wirtschaft.

Es stimmt schon: China hat immer noch die größten Währungsreserven der Welt - drei Billionen Dollar. Die Staatsschulden sind niedrig, gerade mal 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Sollte die Sache also doch schiefgehen, hat China jede Menge Mittel, eine Krise zu bekämpfen.

Aber diese Zahlen verdecken, dass sich große Teile der überschuldeten Wirtschaft in staatlicher Hand befinden. Ab 2008 hat Peking seine Staatskonzerne aufgefordert, Geld auszugeben und ihnen günstige Kredite zur Verfügung gestellt. Der rapide Anstieg der privaten Verschuldung geht zu drei Vierteln auf ihr Konto.

Viele dieser roten Kombinate sind faktisch pleite, werden aber am Leben erhalten, um die Gesellschaft - und die Herrschaft der KP - zu stabilisieren. Kredite können sie nicht mehr bedienen. Von "Zombie-Schulden" spricht der IWF. Die Hälfte der faulen Kredite, die Chinas Bankensystem belasten, gehen auf die Rechnung von Staatsunternehmen.

Seit fünf Jahren ist Xi im Amt. In dieser Zeit hat er mit autoritärer Härte die Zügel angezogen, den Einfluss der KP gestärkt und sich bemüht, die Wirtschaft auf Linie zu bringen. Nach gängiger Parteipraxis wird er weitere fünf Jahre im Amt bleiben. Wie es aussieht, werden es aufregende Jahre.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

Nach dem Stierkampf - Das Ultimatum von Spaniens Ministerpräsident Rajoy an Kataloniens Regierungschef Puigdemont läuft aus. Es geht darum, den Status der möglichen Unabhängigkeitserklärung zu klären.

Nach Hannover - Nachlese der niedersächsischen Landtagswahlen.

China-Inflation - Neue Zahlen zur Entwicklung der Verbraucher- und der Erzeugerpreise.

DIENSTAG

Deutsche Schlüsselbranche - Beginn des 9. Deutschen Maschinenbau-Gipfels auf Einladung des Branchenverbands VDMA.

MITTWOCH

Xi im Rampenlicht - Auftakt des alle fünf Jahre stattfindenden Parteikongresses der chinesischen KP.

Wo bitte geht's nach Jamaika? (1) - Sondierungsgespräche der CDU und CSU mit den Grünen und, getrennt davon, mit der FDP.

DONNERSTAG

Brexit und so - Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs (bis Freitag). Die EU-Staaten ringen um den richtigen Weg, den sie Großbritannien beim Ausstieg weisen können.

Wo bitte geht's nach Jamaika? (2) - Jetzt reden die Kleinen miteinander: Sondierungsgespräche der Grünen und der FDP.

Chinesische Konjunktur - Neue Zahlen zur Industrieproduktion und zum Wirtschaftswachstum im dritten Quartal.

FREITAG

Scherbengericht - Abschluss des EU-Gipfels.

Wo bitte geht's nach Jamaika? (3) - Und jetzt alle: Sondierungsgespräche der CDU und CSU mit den Grünen und der FDP.

Rekorde, Rekorde - Neue Zahlen zur Leistungsbilanz der Eurozone. Die Länder der Währungsunion haben gemeinsam den größten außenwirtschaftlichen Überschuss der Welt - viel größer als Chinas.

SONNTAG

Abe auf Abruf? - Parlamentswahlen in Japan. Premier Abe muss um seine Wiederwahl fürchten.

insgesamt 22 Beiträge
fareast 15.10.2017
1. Chinesische Geschichte
In der Vergangenheit haben in China oekonomische Krisen immer zu politischen Krisen gefuehrt, die haeufig in der Teilung des Landes endeten.
In der Vergangenheit haben in China oekonomische Krisen immer zu politischen Krisen gefuehrt, die haeufig in der Teilung des Landes endeten.
carahyba 15.10.2017
2.
50% Staatsschulden, na sowas. Katastrophal. Der ökonomische Untergang ist nahe. Und das Schlimme, fast alle Schulden sind interne Schulden. Im Zweifelsfall werden die gestrichen. Im Immobolienbereich hat es viele Pleiten [...]
50% Staatsschulden, na sowas. Katastrophal. Der ökonomische Untergang ist nahe. Und das Schlimme, fast alle Schulden sind interne Schulden. Im Zweifelsfall werden die gestrichen. Im Immobolienbereich hat es viele Pleiten gegeben, der Staat hat die Masse übernommen und die Schulden bei den Banken reguliert, dann den Ramsch vermarktet. Hat meist ein gutes Geschäft gemacht.
helmut.alt 15.10.2017
3. Gerade weil China zentral regiert wird,
wird es dort nicht zu einem unkontrollierbaren Zusammenbruch kommen. Es gibt genügend Mittel (ausländische Bonds und eigene Währungsreserven) und Wege (staatliche Kontrollen und Anweisungen) um gegenzusteuern falls etwas aus [...]
wird es dort nicht zu einem unkontrollierbaren Zusammenbruch kommen. Es gibt genügend Mittel (ausländische Bonds und eigene Währungsreserven) und Wege (staatliche Kontrollen und Anweisungen) um gegenzusteuern falls etwas aus dem Ruder läuft. Nicht zu vergessen: die chinesische Disziplin. Falls es aber wirklich zum chinesischen Kollaps kommen sollte, dann muss sich der Rest der Welt warm anziehen.
mantrid 15.10.2017
4. China: Wirtschaft ohne Nachhaltigkeit
Es gibt Wachstumsgrenzen und auch Monopole sind nie dauerhaft. Bangladesh oder Vietnam sind ernsthafte Konkurrenten in de Textilindustrie. Dazu rollt auf China als Folge der 1-Kind-Politik eine demographische Entwicklung zu, [...]
Es gibt Wachstumsgrenzen und auch Monopole sind nie dauerhaft. Bangladesh oder Vietnam sind ernsthafte Konkurrenten in de Textilindustrie. Dazu rollt auf China als Folge der 1-Kind-Politik eine demographische Entwicklung zu, wogegen sich die Entwicklung in Deutschland marginal ausnimmt. Der Raubbau an der Umwelt hat gewaltige Folgen auf China. Große Teile Chinas sind Gebirge und Wüsten. Die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen werden von Verstädterung und Industrie begehrt. Chinas Problem ist, sein Wirtschaftswachstum ist nicht nachhaltig. Nichts gefen Elektroautos, wenn der Strom dafür mit Kohle und Atom produziert wird, ist auch das nicht nachhaltig. In China ist vieles nur Kulisse, ohne Substanz.
lwet 15.10.2017
5. Na und
Staatliche Unternehmen sind also überschuldet. Der Staat kann also die Schulden einfach übernehmen, China hat eine eigene Währung, kann also nicht pleite gehen, weil die Zentralbank einfach Geld drucken kann. Die Leute können [...]
Staatliche Unternehmen sind also überschuldet. Der Staat kann also die Schulden einfach übernehmen, China hat eine eigene Währung, kann also nicht pleite gehen, weil die Zentralbank einfach Geld drucken kann. Die Leute können mit ihrem Geld nicht aus dem Land fliehen. Wo ist also das Problem?
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