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Umbau bei E.on und RWE

Die Energiekonzernwende

Einer erzeugt Strom, der andere liefert ihn: RWE und E.on teilen den deutschen Elektrizitätsmarkt neu auf. Für die Konzerne ist der Deal nicht ohne Risiko. Was bedeutet er für die Unternehmen - und die Verbraucher?

DPA

Kohlekraftwerk und Windräder in Niedersachsen

Von
Montag, 12.03.2018   17:01 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es ist das Ende eines langen Erneuerungsprozesses - eines Umbruchs, der vor rund zwei Jahrzehnten mit ein paar Ökospinnern begann, die anfingen, völlig überteuerte Solarzellen und Windräder aufzustellen. Eines Umbruchs, der sich vor rund sieben Jahren drastisch beschleunigte, als im japanischen Fukushima ein Atomkraftwerk explodierte und die Bundesregierung blitzartig den Ausstieg aus dieser Technologie beschloss.

Der Erneuerungsprozess wird gemeinhin Energiewende genannt, und er kommt nun mit voller Kraft auf dem deutschen Strommarkt an. Dieser nämlich soll, wenn es nach dem Willen seiner beiden führenden Konzerne geht, bald komplett umstrukturiert werden - und zwar nach einer recht einfachen Formel:

RWE will sich auf die Stromproduktion konzentrieren, E.on auf den Vertrieb und die Netze.

Nach der Energiewende kommt nun also die Energiekonzernwende. Möglich werden soll das, indem RWE und E.on Firmenanteile tauschen.

Der größte Verlierer dabei ist die RWE-Tochter Innogy. Sie wird - nur gut zwei Jahre nach ihrem Börsengang - zerschlagen und zwischen RWE und E.on aufgeteilt. Diese Wende erklärt, warum sich das Unternehmen, wenn überhaupt, nur halbherzig um einen Nachfolger für den im Dezember geschassten Konzernchef Peter Terium bemüht hat.

Die Chancen, dass die Kartellbehörden dem Deal zustimmen, stehen gut. Doch er wirft noch viele Fragen auf. Wie sind die Zukunftsaussichten von RWE und E.on? Sind ihre neuen Geschäftsstrategien schlüssig? Und was bedeutet die große Strom-Rochade für Deutschlands Verbraucher? Wird Elektrizität bald noch teurer?

RWE - Der Produzent

Die spannendste Verwandlung steht dem Traditionskonzern RWE bevor. Vor einigen Jahren noch als Atom- und Kohledino verschrieen, versucht sich RWE nun zu einem führenden Stromerzeuger in ganz Europa zu entwickeln - und zwar für Stromerzeugung aller Art, vom Solarpark auf dem Acker bis zum Kohlekraftwerk.

Durch den Deal mit E.on steigt RWE schlagartig zu einem der größten Ökostromproduzenten Europas auf. Und die Kauflust von RWE-Chef Rolf Schmitz ist damit noch nicht gestillt: RWE sei auch noch an konventionellen Kraftwerken des süddeutschen Energieunternehmens EnBW interessiert, sagt ein Insider.

Das klingt gut, doch die Fokussierung auf das Erzeugergeschäft ist ein riskantes Manöver. Für einen Vorstandschef ist es fast unmöglich, einen Konzern zu leiten, der beides will: das konventionelle Geschäft möglichst lange erhalten und die erneuerbaren Energien möglichst rasch voranbringen. Er läuft Gefahr, sich ständig selbst zu blockieren,

Beim Konkurrenten E.on hatte der Chef Johannes Teyssen unter anderem mit diesem Argument im Jahr 2014 das Geschäft mit der konventionellen Stromerzeugung abgespalten und als eigenständige Firma Uniper an die Börse gebracht. RWE indes sieht in dem Geschäftsfeld Erzeugung offenbar mehr Chancen als Risiken.

"Die Verzahnung von erneuerbarer und konventioneller Stromproduktion wird in den kommenden Jahren zunehmen", sagt Guntram Pehlke, der Chef des Dortmunder Stadtwerke-Konzerns DSW21, dem größten und einflussreichsten kommunalen RWE-Aktionär.

Moderne Kohle- und Gasmeiler bekämen als Reservekraftwerke für wind- und solarstromarme Zeiten eine neue Rolle. "Entsprechend sinnvoll ist es, dass RWE sich zu einem der größten Erzeuger in Europa entwickelt und alle Arten der Stromproduktion unter einem Dach bündelt", sagt Pehlke.

Sollte RWE-Chef Schmitz die Integration der alten und neuen Welt gelingen, hätte er tatsächlich eine Menge Trümpfe in der Hand: Er könnte die Weiterentwicklung des Kraftwerkparks in Deutschland und teils auch in Europa optimal steuern. Auch bei politischen Forderungen wie dem Aus- und Ausbau sogenannter Reservekapazitäten aus alten Kraftwerken für wind- und sonnenarme Zeiten hat sein Wort künftig nun mehr Gewicht.

E.on - Der Lieferant

Das Unternehmen E.on indes dürfte künftig den deutlich risikofreieren Teil des Strommarkts kontrollieren. Der Konzern fokussiert sich weitgehend auf den Betrieb der Stromnetze. Um den Bau und Betrieb dieser so wichtigen Infrastruktur attraktiv zu machen, setzt die Bundesnetzagentur stets fixe Renditen auf das eingesetzte Eigenkapital der Unternehmen fest.

Bislang lagen die Renditen bei 9,05 Prozent für neue Anlagen und bei 7,14 Prozent für bestehende. Ab 2019 sinken sie für Stromnetzbetreiber auf 6,91 beziehungsweise 5,12 Prozent - vorausgesetzt, diese Absenkung wird nicht noch vor Gericht gekippt. Ein entsprechender Prozess läuft bereits.

So oder so darf sich E.on als Deutschlands künftiger Netzbetreiber Nummer eins über außerordentlich stabile Einnahmen freuen. Das Geld, das zuverlässig in den Konzern fließt, kann E.on wiederum nutzen, um im Vertrieb innovative Geschäftsfelder zu entwickeln.

Dank der Übernahme des Endkundengeschäfts von Innogy wird E.on künftig insgesamt rund 50 Millionen Kunden mit Strom beliefern. Potenzielle Zukunftsmärkte gibt es genug. Als vielversprechende Geschäftsfelder gelten zum Beispiel Ladestationen für Elektroautos, Smart-Home-Lösungen, Energieeffizienz und die Kombination von Verteilnetzen mit Echtzeitdaten.

E.on ist durch den Deal also in einer komfortablen Position. Die größte Sorge von Konzernchef Teyssen dürfte künftig die Struktur seiner Aktionäre sein. Denn Teil des Deals ist es auch, dass RWE künftig rund 16,7 Prozent der E.on-Aktien hält. Damit sitzt vermutlich bald ein RWEler in E.ons Aufsichtsrat. Es ist zudem nicht ausgeschlossen, dass RWE seinen Anteil nach einer Schamfrist irgendwann aufstockt.

Die Verbraucher

Seit die Pläne von E.on und RWE am Sonntag bekannt geworden sind, kursieren widersprüchliche Botschaften von Konkurrenten und Verbraucherschützern. Von den einen kommen eindringliche Warnungen, durch den Deal könnten die Strompreise explodieren, bei den anderen heißt es, sie könnten sogar sinken.

Tatsächlich hat der Deal selbst zunächst überhaupt keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Verbraucher. "Auch nachdem Innogy und seine Töchter vom Markt verschwinden, wird es in Deutschland noch Hunderte Stromversorger geben", sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Ein Anstieg der Verbraucherpreise ist daher nicht zu befürchten."

Allerdings trägt die Neuaufteilung des Strommarkts auch nicht zu einem Sinken der Strompreise bei. Denn diese könnten schon jetzt niedriger sein - wenn die Versorger die gesunkenen Preise an der Strombörse an die Verbraucher weitergeben würden und wenn die Bundesnetzagentur die Renditen für den Betrieb der Stromnetze stärker senken würde.

Deutschlands Stromriesen versuchen schon bisher in diesen beiden Bereichen möglichst viel für sich herauszuschlagen. Und das dürfte sich auch künftig nicht ändern - neue Marktstruktur hin oder her.

Zusammengefasst: Die Neuaufteilung des Strommarkts markiert einen Meilenstein der Energiewende. RWE übernimmt den riskanteren Teil: den Umbau des deutschen Kraftwerkparks, E.on das stabil Gewinne liefernde Geschäft mit dem Stromnetz, dazu die Entwicklung innovativer Endkundenlösungen. Die Strompreise dürften durch den Umbau nicht unmittelbar beeinflusst werden.

insgesamt 33 Beiträge
mg939 12.03.2018
1. Besser so als ein weiter so!
Ich arbeite selber bei einen großen Energiekonzern und alle 6 Monate wird eine andere Richtung eingeschlagen. Abspaltung, Zusammenschluss, Übernahme,... So kann sie ein Konzern auf die Netze und Verteilung konzentrieren und [...]
Ich arbeite selber bei einen großen Energiekonzern und alle 6 Monate wird eine andere Richtung eingeschlagen. Abspaltung, Zusammenschluss, Übernahme,... So kann sie ein Konzern auf die Netze und Verteilung konzentrieren und der andere auf die Produktion von Strom aus erneuerbaren und konventionellen Kraftwerken. Ob das für den Endkunden gut ist kann ich nicht sagen, aber große Sprünge nach oben bei den Strompreisen sind beim derzeitigen Überangebot (an den meisten Tagen im Jahr) nicht zu erwarten
burlei 12.03.2018
2. Wird Elektrizität bald noch teurer?
Diese Frage kann man frohen Herzens mit einem uneingeschränktem "Ja! Und wie!" beantworten. Wenn Konzerne Geld verdienen können, machen sie das. Je mehr, desto besser. Warum soll man die Gewinne noch mit anderen [...]
Diese Frage kann man frohen Herzens mit einem uneingeschränktem "Ja! Und wie!" beantworten. Wenn Konzerne Geld verdienen können, machen sie das. Je mehr, desto besser. Warum soll man die Gewinne noch mit anderen Konzernen teilen, wenn man ihn genau so gut untereinander aufteilen kann? Das hat schon mit der Aufteilung der Republik unter RWE, E.on, Vattenfall und EnBW geklappt, dass funktioniert jetzt noch besser. Klar, der Verbraucher hatte tausende Möglichkeiten, zwischen Stromanbietern zu wechseln. Gezahlt wurde immer in die Taschen der Konzerne. Solange doe Produktion und der Transport der elektrischen Energie nicht vom Staat betrieben wird, werden sie weiter den Verbraucher zur Ader lassen. Je mehr, desto besser.
henson999 12.03.2018
3. Super
Sicherlich wird die RWE dann die Preise senken, wenn die günstiger Strom produzieren können. Das verstehen die Aktionäre bestimmt alle, das man nicht einfach die Preise erhöhen sollte, nur weil man es kann. Ich bin sicher, [...]
Sicherlich wird die RWE dann die Preise senken, wenn die günstiger Strom produzieren können. Das verstehen die Aktionäre bestimmt alle, das man nicht einfach die Preise erhöhen sollte, nur weil man es kann. Ich bin sicher, dass die ganzen Shareholder gerne auf die zusätzlichen Gewinne verzcihten, damit der Strom günstiger wird. Das wird so super für uns alle.... ich bin schon so gespannt, wieviel ich die nächsten Jahre spare.
vancouverona 12.03.2018
4. Kleiner Fragenkatalog am Rande
1. Hat E-On nicht seine Aktivitäten in diesem Bereich vor kurzem in Uniper ausgegliedert, an die Börse gebracht und dann verkauft? 2. Inwiefern sind die Rücklagen für den Abbau der Kernkraftwerke von RWE und E-On hiervon [...]
1. Hat E-On nicht seine Aktivitäten in diesem Bereich vor kurzem in Uniper ausgegliedert, an die Börse gebracht und dann verkauft? 2. Inwiefern sind die Rücklagen für den Abbau der Kernkraftwerke von RWE und E-On hiervon betroffen? 3. Was ist mit den Ewigkeitskosten der verbleibenden Kohlebergwerke (Steinkohle, Braunkohle)?
nach-mir-die-springflut 12.03.2018
5. Deren belegte Zunge bleibt
Ein weiterer Schritt, um Energiewende machbar zu machen, aber sie ist wie begonnen nicht machbar, also ist der Zusammenschluss nur eine Sandburg. Die Netze werden am Ende verkollektiviert (werden müssen), also auf eine Art [...]
Ein weiterer Schritt, um Energiewende machbar zu machen, aber sie ist wie begonnen nicht machbar, also ist der Zusammenschluss nur eine Sandburg. Die Netze werden am Ende verkollektiviert (werden müssen), also auf eine Art verstaatlicht. Die Energiekonzerne selbst sind ja nicht die Lieferanten von Erneuerbare-Energien-Apparaturen, sie stellen keine Windräder her, keine PV-Module, keine Solarkollektoren, keine Geothermie-, Wellen- oder Flusskraftwerke, keine Erdgasspeicher, keine Elektrolyse- und Methanisierungsanlagen, keine Pumpwasserwerke, was also sollen sie machen (wie schon geschehen), als Systeme selbst einzukaufen und teurer wieder zu verkaufen oder zu verwalten? Richtig ist, die konventionelle Energieerzeugung (Öl, Gas, Atom, Kohle) von der erneuerbaren abzuspalten, die beiden also nicht weiter miteinander zu mischen. Die Erneuerbaren Energien sind von Grund auf etwas Genossenschaftliches. Dass Merkels Sippschaft sich hier die Schürfrechte an den Naturgewalten zu sichern versucht, ist ekelig. Wenn ein moralisches Gewissen bei den Energieversorgern vorhanden wäre, würden sie rebellieren und laut mitteilen, dass ihr Bestreben a-sozial ist.

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