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Wirtschaft

Pleite von Germania und Flybmi

Braucht Deutschland 39 Flughäfen?

Nur zwei Airlines haben Rostock-Laage angesteuert - beide sind pleite. Der Flughafen bangt um seine Existenz und hofft auf neues Geld vom Land. Der Fall wirft erneut die Frage auf, ob der Betrieb solcher Kleinst-Airports sinnvoll ist.

imago/Fotoagentur Nordlicht
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Dienstag, 19.02.2019   11:40 Uhr

Als sich die letzte Fluglinie für insolvent erklärt, die Rostock-Laage angesteuert hat, tickert über die Website des Flughafens am Sonntagmorgen noch die Nachricht von der Pleite davor:

+++ Germania stellt den Flugbetrieb mit sofortiger Wirkung ein +++

Am Montagmorgen ist die Tickermeldung dann ausgetauscht:

+++ Flybmi stellt den Flugverkehr mit sofortiger Wirkung ein +++

Es ist das Ende, zumindest vorläufig, für den Linienflugverkehr von und nach Rostock-Laage. Schlimmer als jetzt könnte es für den kleinen Flughafen der Hansestadt kaum kommen. Binnen zwei Wochen gehen die einzigen beiden Airlines pleite, die regelmäßig von und nach Rostock geflogen sind: Erst der Ferienflieger Germania. Und dann die britische Regionallinie Flybmi, die zuletzt noch eine Verbindung mit einer kleinen 50-Sitz-Maschine nach München anbot.

"Es ist für uns ein schwerer Schlag", sagt Flughafenchefin Dörte Hausmann dem SPIEGEL, "aber er kam für uns nicht unerwartet." Schließlich hatte Flybmi schon Anfang Januar die Verbindung nach Stuttgart gekappt. Sie rechnete sich nicht - wie so vieles sich nicht rechnet in Rostock-Laage, wo auch die Bundeswehr einen Luftwaffenstützpunkt unterhält.

Seit Inbetriebnahme des Passagierterminals im Herbst 2005 hat die Betreibergesellschaft des zivilen Teils des Flughafens 13 Jahre in Folge immer tiefrote Zahlen geschrieben. Dies geht aus dem Bundesanzeiger hervor, wo die Gesellschaft ihre Geschäftsberichte veröffentlichen muss. Ohne Zuschüsse der öffentlichen Hand von zuletzt 2,8 Millionen Euro per annum hätte der zivile Flughafen längst dichtmachen müssen. Seine Teilhaber sind eine Holding der Stadt Rostock, der Landkreis sowie die Stadt Laage.

Noch mehr Geld zuschießen

Schon nach der Germania-Pleite hatte die Flughafenleitung Kurzarbeit für die mehr als hundert fest angestellten Mitarbeiter angeordnet. Am Montag nach der Flybmi-Insolvenz trafen sich dann die Teilhaber zur Krisensitzung. Anschließend gaben sie bekannt. "Die Gesellschafter der Flughafen Rostock-Laage-Güstrow GmbH stehen zum Landesflughafen." Aber auch das Land Mecklenburg-Vorpommern habe eine Verantwortung, die "sich sowohl in der Gesellschafterstruktur als auch der finanziellen Sicherstellung des Betriebes des Flughafens widerspiegeln" müsse. Übersetzt heißt das: Die Steuerzahler müssen wohl noch mehr Geld als bisher zuschießen, um Rostock-Laage am Leben zu halten.

Aber braucht Deutschland wirklich 39 Verkehrsflughäfen - von Heringsdorf bis Friedrichshafen? Und: Muss unbedingt die Allgemeinheit deren Finanzlöcher stopfen?

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Regionalflughäfen: Mit "Valentinstagstouren" für das Überleben

Das abrupte Ende der Linienflüge nach Rostock und das Aus der Germania werfen mal wieder die Frage auf, wie sinnvoll sie sind: die "Landratspisten". So werden viele Airports jenseits der Ballungszentren höhnisch genannt. Weil sie einst von überambitionierten, öffentlichkeitssüchtigen Lokalpolitikern beschlossen wurden. Oft sind sie heute auf Subventionen angewiesen.

"Es gibt viel zu viele Regionalflughäfen", sagt Björn Bohlmann, Luftverkehrsexperte des Beratungshauses Horváth & Partner. "Da wird eine Riesen-Infrastruktur gebaut und vorgehalten, die sich überhaupt nicht rentieren kann." Feuerwehr, Security, Gepäck- und eventuell Zollabfertigung, dazu der Tower - all das muss betrieben und einsatzbereit gehalten werden. Und je weniger Passagiere kommen, desto höher fallen die Fixkosten pro Kopf aus.

"Der Betrieb mancher Flughäfen wie Rostock, Erfurt oder Kassel ist absurd", sagt der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. Laut einer Branchenfaustregel muss ein Airport mit Passagierterminal mindestens eine Million Gäste im Jahr haben, um auch nur die Chance zu haben, wirtschaftlich tragfähig zu sein. Die Million schafften 2018 laut Zahlen des Branchenverbandes ADV aber nur 19 deutsche Flughäfen. Rostock-Laage kam auf gut 300.000 Gäste.

"Durch die branchenbedingt schwache Ertragslage, die hohen Kosten durch die Vorhaltung der Infrastruktur (...) sowie den Investitionsbedarf ist der Flughafen (...) mittelfristig nicht in der Lage, ohne Zuschüsse zur Verlustdeckung und Aufrechterhaltung der Liquidität bestehen zu können", räumte das Rostocker Management im Geschäftsbericht 2017 ein. Und es warnte: "Aufgrund der finanziellen Rahmenbedingungen führt jede größere Abweichung vom Plan, welche negative Ergebnisauswirkungen hat, zu Liquiditätsproblemen." Eben das droht dem Flughafen jetzt.

"Existenzielle Bedeutung"

Geschäftsführerin Hausmann erklärte am Montag, sie führe "intensive Gespräche mit anderen Airlines" und sei "recht optimistisch", Ersatz zu finden. Das gehe aber nicht von heute auf morgen. Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling forderte im NDR das Bundesland auf, Geld nachzuschießen. Habe doch Mecklenburg-Vorpommerns rot-schwarze Landesregierung unter Manuela Schwesig (SPD) im Koalitionsvertrag festgehalten, "dass dieser Flughafen existenzielle Bedeutung für die Wirtschaft und für den Tourismus hat".

Foto: DPA

Regionale Flughäfen sind nicht per se unsinnig. Für Unternehmen vor Ort sind sie oft unverzichtbar - etwa, um Personal, Ersatzteile oder fertige Produkte mit Privatmaschinen ein- und auszufliegen. "Aber manche Regionalpolitiker hängen dem fehlgeleiteten Glauben an, man könne diese Infrastruktur durch ein Passagierterminal finanzieren und sie so gegenüber der Öffentlichkeit rechtfertigen", sagt Luftfahrtexperte Großbongardt. "Und wenn es dann nach hinten losgeht, will kein Politiker der Totengräber sein."

Doch ewig lassen sich defizitäre Flughäfen nicht künstlich am Leben erhalten. Die EU schreibt vor, dass solche Airports von 2024 an nur noch in wenigen Ausnahmefällen staatliche Zuschüsse zum Betrieb erhalten dürfen.

Sinnvoller wäre es laut Großbongardt, wenn sich die Betriebe selbst an dem für sie so wichtigen regionalen Flughafen beteiligen. Ein Beispiel hierfür ist der Airport von Memmingen im Allgäu. Seine Gesellschafter sind größtenteils private Unternehmer aus der Region.

2018 erwirtschaftete der Flughafen Gewinne.

insgesamt 273 Beiträge
nadennmallos 19.02.2019
1. Die Frage beantwortet sich doch von selbst, nein ...
... denn sie machen nur Verluste.
... denn sie machen nur Verluste.
segundo 19.02.2019
2. Kurze Antwort
Nein
Nein
stupp 19.02.2019
3.
Man könnte genausogut den Sinn von Mega-Airports infrage Stellen, unter denen ganze Regionen zu leiden haben.
Man könnte genausogut den Sinn von Mega-Airports infrage Stellen, unter denen ganze Regionen zu leiden haben.
Hoellenhagen 19.02.2019
4. Braucht Deutschland dieses ewige Gemecker über alles und über jeden?
Solln Sie doch. Wenn Sie es selbst zahlen. Infrastruktur lohnt immer - auch wenn die betriebswirtschaftlichen Zahlen nicht stimmen. In USA hat jede Kleinstadt einen Flughafen für die Bürger und deren Flugzeuge.
Solln Sie doch. Wenn Sie es selbst zahlen. Infrastruktur lohnt immer - auch wenn die betriebswirtschaftlichen Zahlen nicht stimmen. In USA hat jede Kleinstadt einen Flughafen für die Bürger und deren Flugzeuge.
Renner 19.02.2019
5. Sehr schön,
dass Sie dieses Thema mal anpacken! Ich bin ganz sicher kein Fachmann für Infrastruktur, aber wenn der Hamburger Experte sagt "Der Betrieb mancher Flughäfen wie Rostock, Erfurt oder Kassel ist absurd", dann glaub ich [...]
dass Sie dieses Thema mal anpacken! Ich bin ganz sicher kein Fachmann für Infrastruktur, aber wenn der Hamburger Experte sagt "Der Betrieb mancher Flughäfen wie Rostock, Erfurt oder Kassel ist absurd", dann glaub ich ihm dies aufs Wort.

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