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Wirtschaft

Gesetzlich oder privat versichert

Beamte in Hamburg haben jetzt die Wahl

Hamburg stellt als erstes Bundesland Beamten in Zukunft frei, ob sie privat oder gesetzlich krankenversichert sein wollen. Die Reform hat riesiges Potenzial - doch für wen lohnt sich der Wechsel?

DPA

Arzt mit Stethoskop

Eine Kolumne von
Samstag, 12.08.2017   08:38 Uhr

Beamte sind fast immer privat krankenversichert. Nicht, weil sie zu einer privilegierten Klasse gehören, sondern weil der Staat ein Modell gebaut hat, in dem es für Beamtinnen und Beamte wirtschaftlich nur vernünftig ist, sich privat zu versichern.

Beamte bekommen als Staatsdiener nämlich von ihrem jeweiligen Dienstherrn einen Großteil der Krankheitskosten direkt erstattet - als sogenannte Beihilfe. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für Ehepartner und Kinder zahlt die Beihilfe 50, 70 oder gar 80 Prozent. Nur für den Teil, den die Beihilfe nicht übernimmt, müssen sich Beamte mit einer privaten Krankenversicherung selber absichern.

Diese Anbieter haben sich auf die Staatsdiener spezialisiert und bieten günstige Versicherungslösungen für Beamte und ihre Familien an. Während die Zahl der Privatversicherten insgesamt leicht fällt, steigt die Zahl der privat versicherten Beamten langsam aber kontinuierlich an. Die größte private Krankenversicherung, die Debeka mit mehr als zwei Millionen Vollversicherten (voll = ohne reine Zusatzversicherungen), ist auch mit Abstand der größte Versicherer von Beamten und ihren Angehörigen.

Die private Krankenversicherung ist für Staatsdiener die günstigste Lösung. Beamte, die sich gesetzlich versichern, würden diese Art der staatlichen Fürsorge nämlich verlieren: Wer als Beamter in der gesetzlichen Krankenkasse versichert ist, bekommt die Beihilfe nicht. Bei dieser Variante müssen sich die Beamten komplett und teuer gesetzlich krankenversichern und einen Beitrag zahlen, der sich an ihrem Einkommen orientiert. Schlimmer noch: Bund, Länder und Gemeinden bezahlen ihren Beamten nicht einmal den Arbeitgeberanteil, wenn die in einer gesetzlichen Krankenkasse versichert sind, wie es normale Arbeitgeber bei ihren Angestellten tun. Der Beamte müsste dann die Kosten der Krankenkasse ganz allein tragen. Ein schlechter Tausch.

Neue Möglichkeiten für Beamte ab 2018

Das soll jetzt anders werden. Zumindest ein bisschen. Der Hamburger Senat hat beschlossen, dass seine Beamten ab August 2018 wählen dürfen. Wollen sie wie bisher eine Beihilfe und sich zusätzlich privat versichern. Oder wollen sie sich gesetzlich oder privat versichern und bekommen vom Senat als Unterstützung den Arbeitgeberanteil gezahlt - wie das für andere Erwerbstätige üblich ist (Gesetz über die Einführung einer pauschalen Beihilfe zur Flexibilisierung der Krankheitsvorsorge). Da liegt der politische Charme des Vorschlags: Ein Modell, das für den Rest der Republik nach ungerechtfertigtem Privilegium aussieht, würde der Erfahrungswelt normaler Arbeitnehmer angeglichen.

Der Senat der Hansestadt nimmt an, dass zunächst nur eine kleiner Teil der Beamten diese Möglichkeiten wahrnimmt, von 40.000 Landesbeamten und rund 30.000 Landespensionären 2.400, die ohnehin schon gesetzlich versichert sind und jetzt einen Zuschuss vom Hamburger Senat bekommen. Und dann künftig jeweils ein Teil der neuen Beamten, die sich realistisch fragen könnten, ob das neue Hamburger Modell für sie eine gute Idee ist. Im ersten Jahr rechnet der Senat deshalb auch lediglich mit Kosten von knapp 6 Millionen Euro für die Reform.

Aber das Potenzial dieser Veränderung ist riesig. Ungefähr die Hälfte der 8,8 Millionen Privatversicherten in Deutschland sind Beamte und ihre Angehörige. Und bei ihnen ist es derzeit mit Blick auf den eigenen Geldbeutel nur vernünftig, sich privat zu versichern.

Künftig könnte sich das ändern. Denn eine gesetzliche Krankenkasse hätte auch für manchen Beamten ihre Vorteile. Die beiden wichtigsten: Familienmitglieder ohne eigene Einkünfte sind kostenlos mitversichert. Privatversicherte hingegen müssen für ihre Kinder eigene Verträge abschließen und bezahlen. Und der Beitrag zur gesetzlichen Krankenkasse orientiert sich am aktuellen Einkommen. Ist das Einkommen im Alter deutlich niedriger, fallen auch die Kosten für die Krankenkasse niedriger aus

Und dann ist da noch die bessere Konkurrenzsituation als Kassenpatient. Aus einer privaten Krankenversicherung kommt man kaum heraus. Man ist also für 50 bis 60 Jahre gebunden und kann vom Wettbewerb unter den Unternehmen nicht mehr profitieren. Eine nicht so gute gesetzliche Krankenkasse dagegen kann man jederzeit wechseln.

Zum Autor

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Trotzdem ist die gesetzliche Krankenversicherung für Beamte natürlich kein Selbstläufer. Denn so mancher Beamte hat die Privilegien der privaten Versicherung schätzen gelernt: schnellere Termine und Zugang zu mehr Ärzten. Und so lange es eine hohe Beihilfe als Alternative gibt, wird es für viele Beamte auch wirtschaftlich vernünftiger bleiben, Beihilfe und private Krankenversicherung zu koppeln. Insbesondere dann, wenn das Alterseinkommen hoch ist.

Auf der Facebook-Seite der Hamburger Schutzpolizei bemerkte ein Beamter zum Vorschlag des Hamburger Senats denn auch ganz treffend: "Kurze Verständnisfrage: "Hälftiger Beitrag bedeutet doch sicher 50 Prozent ;-). Sehe ich das richtig, dass ich bis dato nur 30 Prozent über eine private Krankenversicherung abdecken muss (70 Prozent Beihilfe). Wo wäre dann bei der neuen Regelung der Vorteil?" Genau darum geht es, den Vorteil. Im Grunde geht es ab jetzt für jeden einzelnen Beamten und jede einzelne Beamtin um die Frage: Welches Krankenversicherungskonzept ist für mich günstiger, und welches kann und will ich mir leisten, während des Erwerbslebens und auch im Ruhestand?

Für das deutsche Krankenversicherungssystem können mit dem Hamburger Modell neuen Zeiten anbrechen. Denn der Wettbewerb um die Versicherung der Beamten ist wenigstens an einer Stelle eröffnet. Künftig können und müssen sich auch Beamte fragen, ob die private Versicherung die für sie wirtschaftlich vernünftigste Lösung ist. Und wenn mehr Konkurrenz und mehr Markt für bessere Lösungen sorgen, ist das ein Schritt in die richtige Richtung.

insgesamt 249 Beiträge
ludna 12.08.2017
1. Hauptsache den Beamten geht es gut,
die Anderen duerfen zahlen.
die Anderen duerfen zahlen.
Lankoron 12.08.2017
2. Vielleicht sollte man
dem Beamten sagen, dass seine jetzt 30% mehr als der Arbeitnehmeranteil an seiner Pension sein werden, bei den Beitragssätzen...Im Endeffekt muss das jeder für sich rechnen, und mit seiner Zukunftsplanung abgleichen. Einen [...]
dem Beamten sagen, dass seine jetzt 30% mehr als der Arbeitnehmeranteil an seiner Pension sein werden, bei den Beitragssätzen...Im Endeffekt muss das jeder für sich rechnen, und mit seiner Zukunftsplanung abgleichen. Einen pauschalen Ratschlag kann man keinem geben, aber es ist gut, dass der Weg endlich beschritten wird. Als Frühpensionär wegen Krankheit kann ich im Nachhinein sagen, Kasse wäre für mich besser gewesen, und würde heute nicht knapp 17% meiner Pension in die KV verschlingen...
YlfaNiki 12.08.2017
3. Weiterer Vorteil
Nicht zu vergessen ist auch, dass das Vorschießen der Kosten bei der gKv entfällt. Wie ich finde ein riesen Vorteil. Nach einem Krankenhausaufenthalt muss man ansonsten schon große Beträge parat haben.
Nicht zu vergessen ist auch, dass das Vorschießen der Kosten bei der gKv entfällt. Wie ich finde ein riesen Vorteil. Nach einem Krankenhausaufenthalt muss man ansonsten schon große Beträge parat haben.
biesi61 12.08.2017
4. Ein Schritt in die richtige Richtung,
der hoffentlich letztlich zu einer einheitlichen Bürgerversicherung führt. Schreibe ich, als in der PKV Vollversicherter, der es satt hat, von jedem Arzt als zu melkende Kuh behandelt zu werden.
der hoffentlich letztlich zu einer einheitlichen Bürgerversicherung führt. Schreibe ich, als in der PKV Vollversicherter, der es satt hat, von jedem Arzt als zu melkende Kuh behandelt zu werden.
benutzer1000 12.08.2017
5. Eintagsfliege
Die Lobbyisten der privaten Krankenversicherungen werden schon dafür sorgen, dass aus der Idee nichts wird. Es geht ja schließlich um Arbeitsplätze bei den privaten Versicherungen und da hört der Spaß auf.
Die Lobbyisten der privaten Krankenversicherungen werden schon dafür sorgen, dass aus der Idee nichts wird. Es geht ja schließlich um Arbeitsplätze bei den privaten Versicherungen und da hört der Spaß auf.

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