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01.12.2009
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Absurde Gadgets

Solar-Sexyness gegen Akku-Angst

Von
Getty Images

Handy-Hüllen werden Ladegeräte, Zelte und Bikinis produzieren Strom - Designer spicken immer mehr Geräte mit Solarzellen und schaffen so Ökoprodukte zwischen Absurdität und Avantgarde. SPIEGEL ONLINE zeigt die schrägsten Gadgets und sagt, was Experten von den Sonnenfängern halten.

Hamburg - Der Akku ist eine Erfindung, die uns das Leben erleichtert und uns zugleich stresst. Leert sich die Batterie, steigt die soziale Spannung. Etwa wenn das Handy schlapp macht, während man sich mit der Freundin zofft. Oder wenn der Laptop plötzlich runterfährt und ein Dokument in der digitalen Twilight-Zone verschwindet.

"Akku-Phobie" nennen Nutzer das bisweilen in Online-Foren: die Angst vor der Energie-Leere. Überhaupt ist das Zu- und Abnehmen des Akkus tief in unser kollektives Bewusstsein vorgedrungen. Gestresste Büromenschen sagen gern mal: "Mein Akku ist leer." Dann fahren sie in den Urlaub, wahlweise um "die Batterien wieder aufzuladen" oder um zu "entspannen".

Findige Produktevermarkter freuen sich. Sie nutzen die Akku-Angst, um den eigenen Absatz anzukurbeln.

Das geht ganz leicht: Einfach Solarzellen auf Handys, Tische oder Rucksäcke raufpropfen, schon verkauft sich vieles besser. "Der Zugang zur unerschöpflichen Energie scheint eine tief verwurzelte Sehnsucht zu sein", sagt Christopher Hebling, Abteilungsleiter Energietechnik am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). "Entsprechend verkaufsfördernd sind Solarzellen."

Mancher nutzt die glitzernden Plättchen als Mode-Accessoire und verwandelt Alltagsgegenstände damit erfolgreich in ökologisch korrekte Angeberprodukte. Das Unternehmen Voltaicsystems hat nach eigenen Angaben schon Hunderttausende mit Solarzellen gespickte Rucksäcke und Tragetaschen verkauft.

Image-Aufwertung durch Solar-Sexyness

Andere Firmen nutzen die Sexyness der Sonne als Werbegag. So entwarf der Dessous-Hersteller Triumph 2007 Prototypen eines Solar-Bikinis. Dessen Bilder gingen um die Welt, das energiegeladene Wäschestück selbst aber nie in Serie. "Nachfrage und Preis waren im ersten Moment leider schwer zu vereinbaren", teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit. Aufsehen erregte der Bikini dennoch.

Auch das Konzept eines Solarzelts, das das britische Mobilfunkunternehmen Orange 2008 präsentierte, bekam viel Aufmerksamkeit. Für begeisterte Berichte reichte das am Computer gebastelte Bild eines im warmen orangefarbenen Licht fluoreszierenden Zelts, dessen Form natürlich-organisch an ein Gürteltier erinnert.

Doch nicht nur Marketing-Strategen inspiriert der Solar-Boom. Auch Tüftler treibt die Vision unerschöpflicher Energie bisweilen in den technologischen Machbarkeitswahn. Französische Studenten haben einen Solarzeppelin gebaut und wollen damit bald den Ärmelkanal überqueren. Ein Team der Delft Technical University entwarf den Prototypen eines solargetriebenen Speed-Boots und brauste mit bis zu 30 Knoten zum Öko-Regatta-Sieg:

Praktisch dachte ein Wissenschaftler-Team der Thayer School of Engineering am Dartmouth College im US-Bundesstaat New Hampshire. Es schraubte ein sonnenlichtgetriebenes Schneemobil zusammen: eine Kiste mit Rädern untendran, die im langen antarktischen Sommer schwere Gegenstände hinter sich herziehen kann. Aufsehen erregte das Gefährt durch ein Bild, auf dem es einen Mann mit Laptop auf einem Snowboard durchs ewige Eis schleppt.

An die Grenzen des Machbaren - und des Geschmacks - ging auch der US-Tüftler Bob Schneeveis: Er baute eine Kutsche, die von einem solargetriebenen Roboter mit George-W.-Bush-Maske gezogen wird und "die Welt vor sich selbst retten" soll (zum Video).

Zwei bis 15 Prozent Energie-Ausbeute

Für Image-Kampagnen und aufwendige Wissenschaftsprojekte eignen sich Solargeräte hervorragend - aber taugen sie auch im Alltag? Wie energieeffizient können ein paar futuristische Zellen auf der Rückseite eines Telefons wirklich sein? Warum hat Samsungs Solar-Handy E1107 kürzlich im SPIEGEL-ONLINE-Test kläglich versagt?

"Der Wirkungsgrad der Solarzellen, die in Gadgets verwendet werden, schwankt zwischen zwei und 15 Prozent", sagt Fraunhofer-Experte Hebling. "Und das auch nur, wenn die Sonne ungehindert auf sie scheint." Unter einer Halogenlampe scheint auf eine Solarzelle dagegen gerade mal ein Hundertstel der solaren Einstrahlung. Bei der Einspeisung des Solarstroms in einen Akku gingen, je nachdem wie effizient die Spannungsumwandlung arbeite, noch einmal zehn bis 20 Prozent der erzeugten Energie verloren.

Fotostrecke

Solarhandy Samsung E1107: Hightech-Strom im Retro-Kleid
Handys können sich bei solch geringer Energieausbeute kaum allein aus Sonnenenergie speisen. Gute Chancen räumt Hebling dagegen Gadgets mit großer Oberfläche ein. "Zelte, Sonnenschirme, Teppiche - alles, was sich ausrollen oder aufspannen lässt, kann auch mit Billig-Solarzellen eine spürbare Strommenge erzeugen. Zumindest wenn das Wetter mitspielt."

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
1. Ich kenne einen Trick
fucus-wakame 01.12.2009
Dabei ist die Sache so einfach: man muß nicht immer erreichbar sein. Einfach im Sekretariat bescheid sagen, daß man auf einer Dienstreise ist. Dann kann das Handy in der Schreibtischschublade bleiben.
Dabei ist die Sache so einfach: man muß nicht immer erreichbar sein. Einfach im Sekretariat bescheid sagen, daß man auf einer Dienstreise ist. Dann kann das Handy in der Schreibtischschublade bleiben.
2. Telefonjunkies
fjr 01.12.2009
Naja, bei einem recht teuren Produkt wie einem Handy, erwarte ich dann schon, daß dort keine Billig-Solarzellen verbaut werden. Dann sollte das am Schreibtisch liegende Handy doch eine beträchtliche Menge Energie abkriegen. Und [...]
Naja, bei einem recht teuren Produkt wie einem Handy, erwarte ich dann schon, daß dort keine Billig-Solarzellen verbaut werden. Dann sollte das am Schreibtisch liegende Handy doch eine beträchtliche Menge Energie abkriegen. Und eigentlich soll es doch nur die Zeiten zwischen zweimal an der Ladestation parken etwas verlängern. Für Telefonjunkies ist das natürlich nichts. Die sollten besser zur Suchberatung. Aber allen Ernstes: Ich verstehe das Ganze nicht wirklich. Wer stellt sein Zelt beim Campen in die pralle Sonne? Wer schleppt ständig seinen "Laptop" mit? Meiner wiegt 4 kg. Mit Ladegerät und Tasche drückt der ganz schön auf die Schultern. Ich trag ihn deshalb eh nur vom Büro bis zum Kofferraum und zurück. Dann liegt er wieder im Dunkeln. Die Solarzelle auf der Laptoptasche ist damit ganz einfach Ressourcenverschwendung.
3. "...pro Stunde zwischen vier und 15 Watt Strom" ?
deleye 01.12.2009
Watt ist eine Leistung und keine Energie/Stromstärke. Also wohl eher 4 Watt Stunden [Wh]?! Wenn dem so wäre, könnte man zumindest einen Handy-Akku innerhalb ~ 1 Std laden. Bildunterschrift Bild 4: "...pro Stunde zwischen [...]
Watt ist eine Leistung und keine Energie/Stromstärke. Also wohl eher 4 Watt Stunden [Wh]?! Wenn dem so wäre, könnte man zumindest einen Handy-Akku innerhalb ~ 1 Std laden. Bildunterschrift Bild 4: "...pro Stunde zwischen vier und 15 Watt Strom"
4. re: Watt pro Stunde
joachim84 01.12.2009
Danke deleye! Aber wie ich Spiegel kenne sind die wieder zu faul das zu korrigieren...
Zitat von deleyeWatt ist eine Leistung und keine Energie/Stromstärke. Also wohl eher 4 Watt Stunden [Wh]?! Wenn dem so wäre, könnte man zumindest einen Handy-Akku innerhalb ~ 1 Std laden. Bildunterschrift Bild 4: "...pro Stunde zwischen vier und 15 Watt Strom"
Danke deleye! Aber wie ich Spiegel kenne sind die wieder zu faul das zu korrigieren...
5. Au weia: mehrmals 'Watt pro Stunde'
user_tha 01.12.2009
wer eine Fotostrecke wie die zu den Solarzellen-Bikinis etc. untertitelt, sollte doch bitte etwas Ahnung von Physik haben - und nicht mehrmals 'Watt pro Stunde' schreiben! Der Hammer ist die Beschriftung von Foto 15: [...]
wer eine Fotostrecke wie die zu den Solarzellen-Bikinis etc. untertitelt, sollte doch bitte etwas Ahnung von Physik haben - und nicht mehrmals 'Watt pro Stunde' schreiben! Der Hammer ist die Beschriftung von Foto 15: "Die Oberseite des Schiffs ist mit 14 Quadratmetern Solarzellen beschichtet - genug Fläche, um einen 80 Kilowatt starken Elektromotor mit Strom zu speisen." Der arme E-Motor - die 14 Quadratmeter schaffen nämlich mit handelsüblichen Solarzellen bei guten Bedingugen gerade mal 2 (in Worten: zwei) kW....
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