07.08.2012
Zoff mit Geflügelzüchtern
Tierschützer trauen Transparenzversprechen nicht
Putenküken in Lorup, Kreis Emsland: Wie werden die Tiere gehalten?
Sögel - Mehrere Skandale um die Haltung von Geflügel haben den Züchtern in den vergangenen Jahren zugesetzt. Nun will die Niedersächsische Geflügelwirtschaft (NGW) mit einer Transparenzoffensive punkten. "Wir möchten den Vorbehalten, die uns entgegengebracht werden, etwas entgegensetzen", sagte der NGW-Vorsitzende Wilhelm Hoffrogge in Sögel im Kreis Emsland. 60 Geflügelhalter wollen im Rahmen der neuen Initiative ihre Stalltüren öffnen und in den kommenden drei Jahren Einblicke in die moderne Geflügelwirtschaft geben.
Die Grünen und der Umweltverband Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kritisierten die Initiative. "Meistens werden die Leute hereingelassen, wenn die Tiere gerade erst eingestallt wurden. Am Anfang sieht alles noch ganz possierlich aus", sagte der agrarpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Friedrich Ostendorff. "Entscheidend ist aber die Phase ein bis zwei Tage vor der Schlachtung. Dann drängen sich 22 bis 24 rund 1,6 Kilo schwere Hühnchen auf einem Quadratmeter."
Ostendorff befürwortete die Öffnung der Betriebe, wenn die Verbraucher auch einen realistischen Einblick bekommen: "Wenn die Leute für 1,99 Euro Hähnchen kaufen wollen, dann müssen sie auch sehen, unter welchen Bedingungen diese Hähnchen gehalten werden müssen." Eine ehrliche Debatte könne nur entstehen, wenn die Realität dargestellt werde.
"Die Luft wird dünn"
Ähnlich kommentierte der BUND-Agrarexperte Tilman Uhlenhaut das Projekt: "Die Endphase kurz vor der Ausstallung, wo tote Tiere herumliegen und es schrecklich aussieht, wurde bislang noch nie gezeigt." Das werde sich wohl auch bei dieser Initiative nicht ändern. Der Stallbesuch zeige zudem nicht, wie viele Medikamente die Hühnchen in der industriellen Tierhaltung bekommen. Der Verband versuche zu punkten, ohne substantiell irgendwas zu verbessern.
Dass der Verband sich zu dieser Kampagne genötigt fühle, zeigt laut Uhlenhaut vielmehr: "Die Luft wird dünn für die Geflügelwirtschaft." Viele Verbraucher wüssten, dass die Tiere mehr Platz und längere Mastverfahren benötigen und unter starkem Einsatz von Antibiotika gehalten werden. "Der Verband versucht, die industrielle Tierhaltung positiv darzustellen, bevor diese vom Gesetzgeber mit weiteren Einschränkungen und Verboten rechnen muss", resümierte Uhlenhaut.
cte/dapd
